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„In Österreich hat mich noch niemand gefragt, ob ich von meinem Beruf auch leben könne.“ – Lisanne Clémence Veeneman, Musicaldarstellerin

„In Österreich hat mich noch niemand gefragt, ob ich von meinem Beruf auch leben könne.“ – Lisanne Clémence Veeneman, Musicaldarstellerin
Foto: Stefan Fürtbauer

Lisanne Clémence Veeneman: „Das ist richtig heavy!"

Musical

In zwei Monaten fällt der letzte Luster. „Das Phantom der Oper“ nimmt Abschied von Wien. Für Lisanne Clémence Veeneman hat sich mit der weiblichen Hauptrolle ihr Lebenstraum erfüllt. Ein Blick zurück. Und ein großer Schritt nach vorn.

Sonntag, 28. Juni 2026, 17 Uhr. Das Licht ist aus, der Vorhang gefallen, die Musik verklungen. Lisanne Clémence Veeneman trinkt ein Glas Sekt, um die „Phantom“-Dernière zu feiern. Zumindest hat sie das vor. „Ich lebe eigentlich ohne Alkohol, weil das mit den vielen Shows, die wir zu spielen haben, nicht möglich wäre. Aber an diesem Tag sollten wir feiern, wie schön es gewesen ist.“

Die gebürtige Niederländerin meint, was sie sagt, war die Rolle der Christine Daaé doch in doppelter Hinsicht die Initialzündung ihrer Karriere. „Ich habe ‚The Phantom of the Opera‘ zum ersten Mal mit 14 Jahren gesehen. Danach habe ich meine Leidenschaft für Musicals mit meiner Familie geteilt, vor allem mit meiner Großmutter, die sich ebenfalls sehr in dieses Stück verliebt hat.“ Schließlich wurde die Partie auch ihr großer Durchbruch. Fast zwei Jahre lang verkörperte sie die junge Sängerin der Pariser Oper, deren Schicksal sich im Laufe der dunklen Handlung immer untrennbarer mit jenem des Phantoms verknüpft. Kein Stück, das romantische Erwartungshaltungen erfüllt. Aber mit 160 Millionen Zuschauern weltweit und einer 35-jährigen Laufzeit am Broadway dennoch das erfolgreichste Musical bisheriger Zeiten.

„Das Besondere am Liveerlebnis Theater ist, dass es täglich etwas Neues zu entdecken gilt. Auch wenn das Stück natürlich gleich bleibt, ändert sich je nach Publikum und Besetzung die Energie auf der Bühne. Deshalb wird es auch nicht langweilig für mich, diese Rolle so lange zu spielen.“ Nach zwei Jahren könne man die Tiefgründigkeit der Geschichte noch besser verstehen und entdecke ständig weitere überraschende Details. „Es gibt im Musical generell wenige weibliche Rollen, die eine so große Entwicklung durchmachen – vom kleinen unsicheren Mädchen im Corps de Ballet hin zu einer selbstbewussten Frau, die ihre Stimme gefunden hat. Diese Transformation zu verkörpern, ist großartig.“

Zudem ist Christine Daaé aber auch eine außergewöhnlich große Rolle, die es ihrer Darstellerin kaum erlaubt, die Bühne zu verlassen. „Manchmal denke ich mir schon: Das ist richtig heavy“, stimmt Lisanne Clémence Veeneman zu, „vor allem die ,Final Lair‘-Szene (mit dem Song „Nun hinab“, Anm.), die zu meinen Favoriten zählt, ist ein grandioser emotionaler Fight zwischen Christine, Raoul und dem Phantom. Da muss man schon vorsichtig sein, dass man sich nicht völlig verausgabt, denn man ist schließlich auch nur ein Mensch.“ Sie habe für sich aber einen guten Weg gefunden, 100 Prozent auf der Bühne zu geben und ihre persönlichen Gefühle trotzdem zu schützen.

Zur Person: Lisanne Clémence VEENEMAN

Lisanne Clémence VEENEMAN studierte Musiktheater am Fontys Conservatorium und machte den Master of Fine Arts in New York. In ihrer Heimat Niederlande war sie in einigen Produktionen wie etwa „Les Misérables“ zu sehen. Christine Daaé in „Das Phantom der Oper“ am Raimund Theater ist ihre erste Hauptrolle.

FRÜHER FOKUS

Lisanne Clémence Veeneman begann mit sechs Jahren, Gesangs-, Tanz-, Schauspiel- und Klavierunterricht zu nehmen. „Das hat mich einfach begeistert und als ich mit 12 Jahren erfahren habe, dass man das auch als Beruf ausüben kann, war mein Weg besiegelt. Ich bin einer Musicalvereinigung beigetreten und habe verschiedene Produktionen in den Niederlanden gespielt. Meine Eltern haben mich dafür stundenlang hin- und zurückgefahren. Darauf habe ich mich immer so sehr gefreut, dass ich auch meine schulischen Pflichten nicht vernachlässigt habe, ich lernte am Beifahrersitz und war wirklich fokussiert. Im letzten Schuljahr habe ich einen Pre-Bachelor im Fach Musiktheater gemacht und bin für den Unterricht jedes Wochenende nach Tilburg gefahren.“

Sie sei im positiven Sinne ehrgeizig, wobei man diesen Beruf nicht ausüben könne, um Erfolg zu haben. „Ich will jeden Abend eine Geschichte erzählen. Das ist meine Leidenschaft. Dabei darf man auch Fehler machen, denn perfekt ist nur die KI. Die ist allerdings auch fake. Nervös bin ich höchstens, wenn meine Eltern oder Freunde im Publikum sitzen.“

Besonders beeindruckt hätten sie die sogenannten „relaxed performances“. Eine solche inklusive Vorstellung fand zuletzt am 15. März statt. Dabei werden sensorische Reizfaktoren wie laute Geräusche oder starke Lichteffekte reduziert, der Zuschauerraum bleibt ständig leicht beleuchtet und man kann den Saal jederzeit verlassen und wiederkehren, sodass auch Personen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen Musical erleben können. „Das hat etwas Magisches“, so Lisanne Clémence Veeneman, „weil die Reaktionen der Menschen, die sonst vielleicht Angst haben, ins Theater zu gehen, noch intensiver und ehrlicher sind.“

Lisanne Clémence Veeneman als Christina Daaé und Roy Goldman
in der Rolle ihres Geliebten Raoul, Vicomte de Chagny (u.)
FOTO: DEEN VAN MEER
Lisanne Clémence Veeneman als Christina Daaé und Roy Goldman in der Rolle ihres Geliebten Raoul, Vicomte de Chagny (u.)

WIENERISCHES WURSCHTELN

Ein niederländisches Musical-Gen, wie man es aufgrund der Dichte holländischer Sängerinnen in diesem Bereich vermuten könnte, gäbe es nicht. „Man muss das anders sehen. Wir kommen alle sehr gern nach Wien, weil dieses Haus und die Arbeitsbedingungen so toll sind. Hier wird Kultur früh vermittelt. Mich begeistert es, dass ganze Schulklassen anreisen, um ,Das Phantom der Oper‘ zu sehen.“

Sie werde auch immer wieder von Fans auf der Straße erkannt, obwohl sie auf der Bühne eine dunkle Perücke trage. „Und es hat mich in Österreich noch niemand gefragt, ob ich von meinem Beruf auch leben könne, was in den Niederlanden dauernd passiert.“

Ein paar Wörter Wienerisch sind bei Lisanne Clémence Veeneman ebenfalls schon hängen geblieben. „Durchwurschteln“, gibt sie fast akzentfrei ein Beispiel ihres neuen Wissens. „Doorworstelen“ heißt das auf Holländisch, wobei die Übersetzung „sich mühsam etwas erarbeiten“ den hiesigen Charme deutlich vermissen lässt. Vielleicht auch das ein Grund, weshalb die Sängerin und Schauspielerin hofft, bald wieder in Wien engagiert zu werden. Ein Wunsch, dessen Erfüllung wohl nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Das Phantom der Oper" im Raimundtheater!

Wallgasse 18-20
1060 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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