Die Supermacht der Liebe
Ein verwunschener Prinz und eine furchtlose junge Frau. Das weltweit erfolgreiche Disney-Musical Die Schöne und das Biest verzaubert in einer Neuinszenierung ab Herbst auch wieder Wien. „Belle“ Marlene Jubelius und „Biest“ Dominik Hees im Talk.
Fast 31 Jahre ist es her, dass sich die Magie dieser auf einem französischen Volksmärchen basierenden Geschichte schon einmal über die Musicalstadt Wien legte. Caroline Vasicek und Ethan Freeman spielten in der deutschsprachigen Erstaufführung am Raimund Theater die Hauptrollen. Unvergessen auch Publikumslieblinge wie Heinz Zuber als in eine Pendeluhr verwandelter Herr von Unruh und Marika Lichter, deren Madame de la Grande Bouche mittels Zauberkraft als Kasten ihr Dasein fristen musste.
Seit seiner Broadway-Premiere 1994 sahen mehr als 35 Millionen Menschen in über 40 Ländern das mit Preisen überhäufte Stück. Nun kommt es unter der Leitung des Original-Kreativteams rund um Linda Woolverton (Buch) und Alan Menken (Musik) in einer Neuproduktion zurück nach Wien. „Dieselben Menschen, die den Erfolg damals geprägt haben, schauen heute mit einem anderen Blick darauf und schaffen etwas Neues aus demselben kreativen Material“, erläutert VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck. „Visuell und technisch ist die Produktion vollständig erneuert. Es gibt neue Kostüme, ein neues Lichtdesign und einen neuen Sound. Auch choreografisch wurde das Stück weiterentwickelt.“ Dadurch sei es dynamischer und zeitgemäßer geworden. Wie immer mit großer Spannung erwartet: die Bekanntgabe der Hauptdarsteller. Tatarata: Marlene Jubelius wird als Belle glänzen, Dominik Hees darf sich als Biest behaupten.
Was wir gerade dringend brauchen, sind mehr Empathie, Solidarität und Toleranz.
– Marlene Jubelius, Sängerin & Schauspielerin
POLITISCHES MÄRCHEN
Die beiden stehen zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne, versichern aber jeweils glaubhaft, sich auf die bevorstehende Zusammenarbeit zu freuen. Anders als Dominik Hees, der in Wien lebt und den das Publikum bereits in einigen großen Rollen erleben durfte, gibt Marlene Jubelius mit „Die Schöne und das Biest“ ihr Wien-Debüt.
„Mich interessiert an diesem Stück vor allem die Beziehung zwischen Belle und dem Biest. Beide müssen einander erst kennenlernen, Vertrauen aufbauen und langsam zueinander finden. Diese Entwicklung zeigt für mich schön, dass Liebe und Verständnis Zeit brauchen und dass man bei Menschen erst einmal hinter die Fassade blicken muss, um sie zu verstehen. Das Stück erinnert uns daran, wie schnell wir uns vom äußeren Eindruck leiten lassen. Was gerade in einer Zeit von Social Media, in der wir durch perfekt inszenierte Bilder scrollen und oft innerhalb von Sekunden Urteile fällen, aktueller ist denn je“, so Marlene Jubelius. Belle sei eine belesene, mutige, entschlossene Frau, die ihren eigenen Kopf habe. Zugleich lebe sie in ihrer eigenen Welt und lasse sich von ihren Fantasien treiben.
„Sie verliebt sich auch nicht Hals über Kopf in das Biest. Ganz im Gegenteil: Sie bietet ihm sogar Paroli, als sie in seinem Schloss gefangen gehalten wird, und lässt sich nicht einschüchtern oder kleinmachen. Erst als beide Gemeinsamkeiten erkennen und sich auch seine Sanftheit offenbart, kommen sie einander näher.“
Der Plot folgt natürlich gewissen Parametern, die vielen von uns seit ihrer Kindheit geläufig sind. Benötigt die Welt mehr Märchen? „Was wir gerade dringend brauchen, sind mehr Empathie, Solidarität und Toleranz“, ist Marlene Jubelius überzeugt, „Werte, die uns verbinden statt spalten. Und genau hier können Märchen etwas Politisches bewirken. Denn sie erzählen Geschichten, die uns an diese Werte erinnern, die uns zeigen, wie wichtig das Miteinander ist.“
KEINE KLISCHEES
Was interessiert Dominik Hees inhaltlich an „Die Schöne und das Biest“? „Besonders schön finde ich, dass hier eine inspirierende Frauenfigur im Zentrum steht, die sich nicht den Erwartungen ihres Umfelds anpasst, sondern eigenständig und neugierig durch die Welt geht. Sie beweist, dass Empathie und das Setzen klarer Grenzen sich nicht ausschließen, womit sie es schafft, hinter die teils brutale und unnahbare Fassade des Biests zu schauen und sich nicht von Äußerlichkeiten abschrecken zu lassen. Indem sie dem Biest Vertrauen und Raum gibt, ermöglicht sie ihm erst, sich zu verändern“, erklärt Dominik Hees. „Ein weiteres Thema, das mich berührt, ist, dass keine Situation aussichtslos ist.
Selbst für das Biest, das seit Jahren in Isolation und Selbsthass lebt und dessen Hoffnung sich aufzulösen scheint, öffnet sich doch noch eine Tür zu einem erfüllten Leben. Das macht die Geschichte zeitlos und relevant.“
Den verwunschenen Prinzen charakterisiertsein Darsteller als einen zutiefst verunsicherten, emotional unreifen Menschen. „Hinter seiner Härte steckt eine enorme Angst vor Zurückweisung und genau deshalb reagiert er so kontrollierend, laut und aggressiv. Er ist jemand, der nie wirklich gelernt hat, Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Als Prinz war er privilegiert, bewundert, aber innerlich allein. Der Fluch zwingt ihn erstmals dazu, sich selbst auszuhalten.“
Von der Zuschreibung des Bad Boys, als der das Biest einmal bezeichnet wurde, will Dominik Hees nichts wissen. „Ich halte nichts von Klischees und wenn sie mir im Alltag, in Unterhaltungen oder Medien begegnen, öden sie mich an. Ich setze mich auch mit meiner Arbeit im Theater dafür ein, dass wir uns von diesen lösen.“ Besonders als Vater einer Tochter sei ihm das sehr wichtig.
„Meine Tochter trommelt auf meinem Schlagzeug, sie spielt mit Matchbox-Autos, sie klettert auf Bäume und fordert mich regelmäßig zu Schwertkämpfen im Wohnzimmer auf. Sie ist verdammt stark (lacht). Und das nicht, weil sie ein Junge sein möchte, sondern weil es ihr Spaß macht und sie den Raum dafür bekommt. Genauso lernt sie bei uns, dass auch Männer Angst haben, sich schämen, zweifeln, weinen. Unser beider Lieblingsfarbe ist Rosa und ich bin trotzdem für sie der coolste Papa der Welt. So gehe ich auch meine Arbeit auf der Bühne an. Ich suche bewusst das Ambivalente, Geheimnisvolle, das Unerwartete, das Missverständliche, das Undurchschaubare. Man wird also wahrscheinlich genauso viel Bad Boy wie regenbogenfarbenes Einhorn in meinem Biest finden.“
Dominik Hees zählt zur A-Liga deutschsprachiger Musicaldarsteller und erarbeitete sich ein Repertoire, das von „Evita“ und „Cabaret“ bis zu „The Rocky Horror Show“ und „Kinky Boots“ reicht. In Wien war er zuletzt in „Cats“ (Rum Tum Tugger) und „Der Glöckner von Notre Dame“ (Phoebus) zu sehen. Aktuell spielt er Kaiser Karl VI. in „Maria Theresia – Das Musical“.