First Husband
Fürsorglicher Vater. Erfolgreicher Geschäftsmann. Untreuer Womanizer. Fabio Diso spielt in „Maria Theresia – Das Musical“ Franz Stephan von Lothringen, Ehemann der Regentin. Und entdeckt den Menschen hinter der historischen Fassade
Schon 2015, als er auf Tour mit dem Queen-Musical „We Will Rock You“ zum ersten Mal nach Wien kam, habe er sich in die Stadt verliebt und davon geträumt, vielleicht einmal länger hier zu leben. „Ich bin damals eines Nachts durch die Straßen gewandert und war tief beeindruckt von der Architektur und den historischen Gebäuden, aber auch von der Vielfalt der Bezirke.“
Und weil es das Leben gut meint mit Fabio Diso, erfüllte sich dieser Wunsch nahezu umgehend. Schon ein Jahr später spielte der in Bayern geborene Sohn eines italienischen Vaters und einer spanischen Mutter im Ronacher Che in „Evita“, ehe er im Raimund Theater die Rolle des Pablo Garcia in „I Am From Austria“ übernahm. Danach führte ihn die Karriere zwar nach Basel, München und Hannover, um nur wenige Stationen seiner kometenhaften Laufbahn zu nennen, doch seit etwa zwei Jahren ist nun Wien seine Base. Auch weil er seit Kurzem glücklich mit einer Österreicherin verheiratet ist.
Fabio Diso ist in „Maria Theresia – Das Musical“ beinahe allabendlich als Franz Stephan von Lothringen, Ehemann der legendären Kaiserin Maria Theresia, zu erleben. Die VBW-Eigenproduktion feierte im Oktober 2025 ihre glanzvolle Uraufführung und entwickelte sich seitdem dermaßen erfolgreich, dass schon jetzt klar ist, dass es in der nächsten Saison eine Verlängerung geben wird. „Für mich ist jede Aufführung noch immer wie ,das erste Mal‘, weil es mir gerade bei diesem Engagement von Anfang an wichtig war, die Rolle und die Geschichte jeden Abend neu zu durchleben. Also keine vorgeformte perfekte Performance abzuliefern, sondern offen für Eventualitäten zu bleiben. Dazu verhilft mir auch das tolle Team, weil es durch veränderte Konstellationen in der Besetzung auch immer wieder zu neuen Impulsen kommt – und natürlich die unterschiedliche Zuschauerenergie.“
FÜR IMMER DER ERSTE
Dass es bei dieser Rolle keinerlei Referenzen gab, auf die er sich hätte beziehen können, war für den Sänger und Schauspieler ein zusätzlicher Anreiz. „Schon als ich die Zusage bekommen habe, fand ich es richtig cool, eine historische Figur gestalten zu können. Es ist spannend, eine Vision zu haben und diese dann so menschlich wie möglich zu erschaffen – auch mit allen Beziehungen, die Franz Stephan hatte. Er gibt als Figur auch wirklich viel her. Wir erleben ihn in jungen Jahren, wo er als Wirbelwind an den Wiener Hof kommt, und erfahren dann seinen gesamten Werdegang bis hin zum Tod.“
Er lasse zwar jeder Rolle dieselbe Aufmerksamkeit und Recherche zukommen – „doch das Außergewöhnliche bei einer historischen Figur ist natürlich, dass es viel Input und Material, das man zur Vorbereitung heranziehen kann, gibt. In Wien braucht man nur ins Naturhistorische Museum zu gehen, das Franz Stephan übrigens sehr gefördert hat, und kann die Geschichte beinahe haptisch begreifen. Das historische Wissen ist sicherlich ein wichtiger Baustein für das Kreieren dieser Rolle gewesen, aber noch wichtiger ist der psychologische Aspekt. Denn wir spielen schließlich Livetheater und müssen Menschen nachvollziehbar zeigen. Mich catcht auch nach wie vor die Musik. Wir haben sehr moderne Elemente wie Pop und Rap, die aber, passend zur Dramaturgie, in großen epischen Formen dargeboten werden. Es macht Spaß, da einzutauchen.“
Und seinen Fußabdruck zu hinterlassen, denn wie alle Kolleginnen und Kollegen der Weltpremiere wird auch Fabio Diso untrennbar mit seiner Rolle verbunden bleiben.
hat italienische und spanische Wurzeln, studierte an der Joop van den Ende Academy in Hamburg, war bisher unter anderem in „Mamma Mia!“, „We Will Rock You“, „Evita“, „Chess“ „I Am From Austria“, „Jekyll & Hyde“ und „Chicago“ zu sehen und lebt in Wien.
GESCHÄFTSMANN UND CHARMEUR
Wie würde er – mit aller Erfahrung – Franz Stephan von Lothringen charakterisieren? „Er war vordergründig Diplomat, hat als Wirtschaftsgenie die Staatsfinanzen stabilisiert und die Wissenschaft gefördert. Wenn man hinter diese Funktionen blickt, sieht man aber einen Mann, der menschlich etwas vorgelegt hat, indem er uns zeigt, dass man nicht laut sein muss, um stark zu sein. Er hat Maria Theresia den Rücken freigehalten und sie bei jedem Druck von außen gestärkt. Ich würde schon sagen, dass er so etwas wie ein Vorreiter des emanzipierten Mannes war, der Gleichberechtigung tatsächlich gelebt hat. Das sind jene Momente, die ich auf der Bühne am meisten liebe – wenn ich bei aller Dramatik auch Hoffnung, Liebe und Loyalität zeigen darf, weil sich das mit mir privat am ehesten deckt. Mir ist eine gemeinsame Augenhöhe sehr wichtig.“
Weshalb ist Franz Stephan bei aller Wertschätzung für Maria Theresia – man spricht dezidiert von einer Liebesheirat der beiden – trotzdem immer wieder fremdgegangen? „Ich will ihn sicher nicht verteidigen, aber in der damaligen Zeit war ein solches Verhalten in diesen Kreisen durchaus gängig und gesellschaftlich akzeptiert. Und es war ihm stets wichtig, gemeinsam mit Maria Theresia einzuschlafen. Im Stück ist der Faktor Untreue auch auf einer Metaebene wichtig. Neben der physischen Komponente ist sie auch Synonym dafür, dass er sich in der Beziehung oft nicht gesehen fühlte und ein Ventil gesucht hat. Allerdings bleibt dieses Verhalten Franz Stephans bei allen Erklärungsversuchen sicherlich ambivalent.“
EXPONIERTE TÖNE
Worin liegen die gesanglichen Herausforderungen seiner Partie? Fabio Diso denkt gründlich nach. „Dieter und Paul Falk haben anspruchsvolle Musik geschrieben, die auch für einen Tenor komplex ist, weil sie viele hohe Töne hat, die man aber mit einer gewissen Pop-Leichtigkeit rüberbringen muss. Im zweiten Akt gibt es ein wunderschönes Duett, das eine ambitionierte Höhenlage hat und viele exponierte Töne beinhaltet. Das muss man sich wirklich gründlich und präzise erarbeiten, um es mit der notwendigen Emotion koppeln zu können. Wenn ich eine Parallele zu einer früheren Rolle finden müsste, würde ich am ehesten Galileo in ,We Will Rock You‘ nennen. Auch das ist emotional und gesanglich eine Challenge.“
Die Rapszenen seien für ihn zwar neu, aber keinesfalls unüberwindbar gewesen. „In meinem Umfeld gibt es sogar Leute, die mir eine Rapkarriere zutrauen würden“, lacht er. „Sagen wir einmal so, wir hatten einen hervorragenden Coach, der uns diesbezüglich wirklich sehr viel beigebracht hat.“
Für mich war Franz Stephan so etwas wie ein Vorreiter des emanzipierten Mannes, der Gleichberechtigung tatsächlich gelebt hat.
– Fabio Diso
Er schreibe auch keine eigenen Songs, sondern sehe sich mehr als Interpret. „Auch in der Formel 1 gewinnt man nur als Team und in der Musik gibt es Professionisten, denen ich das Schreiben gerne überlasse. Ich glaube, dass ich besser im Singen bin und Emotionen gut übertragen kann.“ Ähnlich verhalte es sich mit dem Schauspiel. „Wenn ich reines Sprechtheater machen müsste, würden mir der Gesang und der Tanz fehlen.“
Gäbe es ein Musical über ihn, welchen Titel sollte dieses haben? „Das ist eine schwierige Frage. Meine Eltern waren Gastarbeiter in Deutschland und haben in Fabriken gearbeitet. Ich konnte mir dank meines Talents ein anderes Leben aufbauen. Aber ich musste auch viel tun, um tatsächlich anzukommen. Von dieser kämpferischen Reise müsste das Musical handeln – das wäre mir wichtig.“
Letzte Frage: Was tut Fabio Diso, wenn er nicht auf der Bühne steht? „Ich verbringe sehr gerne viel Zeit mit meiner Frau. Und ich bin ein Fitnessfreak. Das ist wichtig, damit ich funktioniere. Ansonsten versuche ich mich auch immer wieder an kleineren Projekten – seien es Solokonzerte oder YouTube-Videos –, um die Kunst weiter zu formen und den Zuschauern etwas zu geben.“