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Musicalerfolg entsteht nicht aus Kalkül, sondern aus Geschichten, die berühren, überraschen und relevant sind. – Christian Struppeck, Intendant

Musicalerfolg entsteht nicht aus Kalkül, sondern aus Geschichten, die berühren, überraschen und relevant sind. – Christian Struppeck, Intendant
Foto: David Payr

Christian Struppeck spricht Klartext

Musical

Er ist der Mann hinter den Erfolgen von „Maria Theresia“ und Co. Aber wie geht Musical? Wohin geht der Trend? Wie schreibt man Hits? Und welche Fehler darf man niemals machen? Ein Gespräch über Existenzielles.

Das Musical in Wien rennt. Einerseits nach vorne und andererseits rennt das Publikum in die Vorstellungen. „Maria Theresia“ ist ein Hit, ebenso „Das Phantom der Oper“ – und bald kommt „Die Schöne und das Biest“ in einer Neubearbeitung. Ein Erfolg, den mittlerweile alle erwarten, der aber nicht selbstverständlich ist. Vor allem, weil der Markt hart umkämpft ist. Wir haben den Mann hinter dem Erfolg getroffen – Christian Struppeck – und ihm ein paar Fragen jenseits der Klischees gestellt, die klären sollen, wie das Geschäft mit den großen Melodien und Gefühlen wirklich funktioniert.

Was muss man berücksichtigen, wenn man sich auf die Suche nach einem neuen Musicalstoff macht?

Wenn wir nach einem neuen Musicalstoff suchen, geht es nie nur um einen Titel. Es geht um die Frage, ob eine Geschichte das Potenzial hat, Menschen wirklich zu berühren und gleichzeitig ein Ereignis zu sein. Unser Publikum reist an, es investiert Zeit, Geld und Emotionen. Dafür muss ein Abend mehr bieten als nur Unterhaltung. Er muss ein Erlebnis sein, das man so nur bei uns bekommt. Deshalb schauen wir gezielt nach Stoffen, die entweder in Österreich noch nicht zu sehen waren oder die hier eine neue, eigenständige künstlerische Form bekommen.

Exklusivität ist dabei kein Marketingbegriff, sondern eine inhaltliche Notwendigkeit. Wenn ein Musical überall läuft, verliert es seine magnetische Kraft. Unsere Bühnen leben davon, dass sie ein Ort der Entdeckung bleiben.

Wie hoch ist der künstlerische und emotionale Druck, wenn man ein Musical wie „Maria Theresia“ neu auf den Markt bringt?

Eine Uraufführung in dieser Größenordnung ist die Königsdisziplin unseres Berufs. Wenn wir ein Musical wie „Maria Theresia“ neu auf den Markt bringen, geht es nicht nur darum, ein Stück zu inszenieren, sondern ein ganzes Universum zu erschaffen, das über viele Jahre tragen soll. Das erzeugt natürlich einen enormen künstlerischen und emotionalen Druck, aber genau darin liegt auch die kreative Energie. In den USA werden neue Broadway-Shows oft monatelang in anderen Städten getestet. Dieses Instrument haben wir hier nicht, also haben wir dafür ein eigenes, sehr intensives System entwickelt. In mehreren Workshops wird das gesamte Stück bei uns auf der Probebühne durchgespielt, überprüft, geschärft, verworfen und neu gedacht. Das ist kein Proben im klassischen Sinn, sondern eine Art Labor, in dem wir das Werk in seiner DNA prüfen.

Wie sehr ist ein Erfolg wie bei „Maria Theresia“ planbar?

Ein künstlerischer Erfolg lässt sich nie so berechnen wie ein Bauprojekt und trotzdem arbeitet man beim Entwickeln eines Musicals erstaunlich ähnlich wie ein Architekt. Eine Geschichte braucht Statik, Rhythmus, Spannungsbögen und emotionale Tragfähigkeit. Bei einem Musical kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: das präzise Zusammenspiel von Musik, Text, Dialog, Tanz und visueller Welt. Dieses Gefüge zu beherrschen, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger, sehr gezielter Arbeit

Gibt es eine immer gültige Formel, nach der man ein Musical schreiben kann?

Ein gutes Musical fühlt sich vertraut an und zugleich überraschend. Es folgt inneren Gesetzen, die das Publikum intuitiv versteht, aber es nutzt sie so, dass immer wieder neue Bilder, neue Emotionen und neue Perspektiven entstehen. Diese Balance zwischen Struktur und Freiheit ist das, was große Shows von bloß korrekt gemachten Produktionen unterscheidet.

Was ist eine der Grundvoraussetzungen, wenn man ein Musical in Wien auf die Bühne bringen will?

Ein Musical in Wien muss mehr sein als nur gut gemacht. Es muss ein echtes Ereignis sein. Eine starke Geschichte, große Musik, emotionale Tiefe und eine visuelle Kraft, die man nicht vergisst. Unser Publikum ist sehr erfahren, sehr aufmerksam und es kennt das internationale Musicalrepertoire. Auch deshalb sind die Erwartungen hier besonders hoch. Gerade in Wien spürt man diese Ernsthaftigkeit im besten Sinne. Das Publikum ist offen, neugierig und zugleich anspruchsvoll. Ein Musical muss deshalb sowohl spektakulär als auch inhaltlich relevant sein. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht jene besondere Verbindung zwischen Bühne und Zuschauerraum.

Die Habsburger verbinden etwas,  das für das Musiktheater ideal ist: Geschichte, Macht, Emotion und Mythos.

– Christian Struppeck, Intendant

Ihre Intendanz ist geprägt von Publikumserfolgen. Wie machen Sie das?

Am Ende ist es immer eine Verbindung aus künstlerischer Vision, genauer Beobachtung und konsequenter Umsetzung. Die Prinzipien, über die wir gesprochen haben, spielen dabei eine zentrale Rolle: starke Stoffe, emotionale Relevanz, Exklusivität und eine klare künstlerische Handschrift. Gleichzeitig arbeiten wir sehr bewusst mit unserem Publikum. Wir hören genau hin, wofür sich Menschen interessieren, welche Themen sie bewegen und welche Geschichten Resonanz erzeugen. Das geschieht nicht mechanisch, sondern als kontinuierlicher Dialog.

Diese Rückmeldungen helfen uns, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo Neugier entsteht und wo echte Erwartungen liegen. Der nächste Schritt ist die Art, wie wir eine Produktion im Markt verorten. Ein Musical entsteht nicht im luftleeren Raum. Es braucht eine klare Erzählung darüber, warum es jetzt hier gezeigt wird und warum man es sehen möchte. Gute Kommunikation ist kein Beiwerk, sondern Teil der künstlerischen Gesamtidee. Und schließlich entscheidet der Abend selbst. Wenn die Menschen im Theater sitzen, muss alles zusammenkommen: Musik, Bilder, Emotionen, Energie und handwerkliche Sorgfalt. Nur wenn das Erlebnis auf der Bühne wirklich außergewöhnlich ist und in erstklassiger Qualität überzeugt, entsteht jene Begeisterung, die einen langfristigen Erfolg erst möglich macht.

Es wurden in Wien bereits Musicals gezeigt, die in England oder den USA große Hits waren, hier aber nicht funktioniert haben. Woran liegt das? Gibt es ein anderes Verständnis des Genres?

Ja, dieses Phänomen gibt es und es hat viel mit kultureller Resonanz zu tun. Ein Stück ist mehr als seine Musik oder seine Produktionsgröße. Es geht darum, ob ein Publikum sich in den Figuren, Konflikten und Fragen wiederfindet. Manche Stoffe sprechen hier sofort an, andere bleiben fremd, selbst wenn sie international erfolgreich waren. Es gibt offensichtliche Beispiele, die sehr stark in einer bestimmten Kultur verankert sind, und es gibt subtilere Fälle, bei denen man erst genauer hinschauen muss, ob diese Geschichte hier wirklich eine emotionale Heimat findet.

Warum funktionieren Musicals über die Habsburger so gut, besonders jene über die Frauen dieser Dynastie?

Die Habsburger verbinden etwas, das für das Musiktheater ideal ist: Geschichte, Macht, Emotion und Mythos. Figuren wie Elisabeth oder Maria Theresia sind weit mehr als historische Persönlichkeiten. Sie stehen für große innere Konflikte, für den Kampf zwischen persönlicher Freiheit und öffentlicher Rolle, zwischen Gefühl und Pflicht. Gerade diese Spannung macht sie so theatralisch.

Kritik und Publikum sind bei Musicals oft nicht einer Meinung. Bei „Maria Theresia“ war die Resonanz der Kritiker verhalten, während das Publikum das Stück begeistert angenommen hat. Wie erklären Sie sich das?

Diese Spannung zwischen Kritik und Publikum begleitet das Musical in Wien seit vielen Jahren. Beides folgt unterschiedlichen Logiken. Kritiken sind immer Einzelmeinungen, geprägt von persönlichem Geschmack, ästhetischen Vorlieben und oft auch von grundsätzlichen Haltungen gegenüber dem Genre. Das ist legitim, bildet aber nicht automatisch das Gesamtbild ab. Gerade beim Musical gibt es immer wieder die Tendenz, ein breites Publikum mit Oberflächlichkeit gleichzusetzen. Viele Menschen, die zum ersten Mal zu uns kommen, sind dann überrascht, wie viel erzählerische, musikalische und emotionale Substanz in diesen Abenden steckt. Diese Vermittlungsarbeit gehört seit Jahrzehnten zu meiner Aufgabe: das Genre ernst zu nehmen und zu zeigen, dass große Unterhaltung und künstlerischer Anspruch kein Widerspruch sind.

Die VBW-Musicals kosten nicht nur Geld, sie bringen auch erhebliche Einnahmen, unter anderem durch internationale Lizenzverkäufe, etwa in Asien. Wie ist die Nachfrage nach „Maria Theresia“?

Die Musicals der Vereinigten Bühnen Wien sind längst nicht mehr nur Produktionen für den heimischen Markt, sondern international gefragte Werke. Über viele Jahre ist ein starkes Vertriebsnetz entstanden, in dem unsere Stücke weltweit lizenziert und gespielt werden. Dass Produktionen aus Wien in so vielen Ländern gezeigt werden, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ausdruck einer sehr spezifischen künstlerischen Handschrift. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch um kulturelle Ausstrahlung. Unsere Musicals tragen Wien und österreichische Geschichten in die Welt.

„Disney – Die Schöne und das Biest“ wird für Wien neu inszeniert. Was genau bedeutet das?

Das Besondere ist, dass ein Großteil des ursprünglichen Kreativteams noch einmal zusammengekommen ist, um diese neue Version zu entwickeln. Das ist ungewöhnlich und künstlerisch sehr spannend: Dieselben Menschen, die den Erfolg damals geprägt haben, schauen heute mit einem anderen Blick darauf und schaffen etwas Neues aus demselben kreativen Material. Visuell und technisch ist die Produktion vollständig erneuert. Es gibt neue Kostüme, ein neues Lichtdesign und einen neuen Sound. Auch choreografisch wurde das Stück weiter-entwickelt. Der ursprüngliche Choreograf hat die Bewegungen neu gestaltet und dafür wurden auch die Tanz- und musikalischen Arrangements neu überarbeitet, sodass Musik und Choreografie heute enger, dynamischer und zeitgemäßer ineinandergreifen.

Der größte Fehler ist, das Publikum zu unterschätzen.

– Christian Struppeck

Immer öfter arbeiten Musicaltourneen mit sehr kleinen Orchestern oder sogar mit Halbplayback. Bei den Vereinigten Bühnen Wien erlebt man noch das große Kino. Wird uns das trotz Sparzwang erhalten bleiben?

Der Unterschied zwischen einer Tourproduktion und festen Theatern wie denen der Vereinigten Bühnen Wien ist zentral. Tourneen müssen mobil sein, flexibel und wirtschaftlich sehr schlank arbeiten. Dafür werden oft reduzierte musikalische Besetzungen eingesetzt, was in diesem Kontext sinnvoll und legitim sein kann. Unsere Aufgabe hier in Wien ist eine andere. Wir stehen für großformatiges Musiktheater mit einem lebendigen Orchesterklang, der unmittelbar aus dem Graben kommt. Diese Energie zwischen Bühne und Musik ist ein wesentlicher Teil dessen, was einen Abend bei uns ausmacht. Natürlich verändern sich Rahmenbedingungen und wir gehen sehr verantwortungsvoll mit Ressourcen um. Aber der künstlerische Anspruch bleibt. Entscheidend ist für uns immer, dass der musikalische Charakter eines Stücks gewahrt bleibt und seine emotionale Kraft voll zur Geltung kommt. Bei großen, orchestralen Musicals gehört dazu ein entsprechend reiches Klangbild. Das Publikum kommt zu uns, weil es dieses besondere, große Erlebnis erwartet. Dieses Versprechen nehmen wir sehr ernst und es bleibt der Maßstab für unsere Arbeit.

Was ist der größte Fehler, den man in diesem Beruf machen kann?

Der größte Fehler ist, das Publikum zu unterschätzen. Zu glauben, man könne Menschen allein mit bekannten Titeln oder vermeintlich sicheren Formeln ins Theater locken, ohne ihnen wirklich etwas zu erzählen. Erfolg entsteht nicht aus Kalkül, sondern aus Geschichten, die berühren, überraschen und relevant sind. Selbst die berühmtesten Stoffe haben schon am Broadway oder im West End nicht funktioniert, wenn sie ohne innere Notwendigkeit und ohne echte künstlerische Idee umgesetzt wurden. Man kann im Prinzip aus allem ein Musical machen, wenn es gut erzählt ist. Entscheidend ist nicht der Titel, sondern wie man ihn auflädt, wie man ihn emotional erfahrbar macht. Wer nur auf das schaut, was vermeintlich leicht verkäuflich ist, verliert genau das, was Theater ausmacht: die Verbindung zwischen Geschichte und Publikum.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Maria Theresia" und "Das Phantom der Oper"!

Wallgasse 18-20
1060 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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