Serienkaiserin
Muss man an etwas glauben, um schön singen zu können? Wie schafft man das En-suite-Spielen? Und wo schmerzt es, wenn man falsch singt? Das haben wir die sympathischen „Maria Theresia – Das Musical“-Stars Nienke Latten, Fabio Diso und Moritz Mausser gefragt.
Die Kaiserin regiert und regiert und denkt keine Sekunde ans Abdanken. „Maria Theresia – Das Musical“ ist ein Superhit und wird noch bis Juni 2027 zu sehen sein. Mindestens. Ein hausgemachter Erfolg der VBW-Musical-Sparte. Warum aber funktionieren diese Habsburger-Geschichten so gut? Wir haben beim Vater des Erfolgs – Intendant Christian Struppeck – nachgefragt: „Die Habsburger verbinden etwas, das für das Musiktheater ideal ist: Geschichte, Macht, Emotion und Mythos. Figuren wie Elisabeth oder Maria Theresia sind weit mehr als historische Persönlichkeiten. Sie stehen für große innere Konflikte, für den Kampf zwischen persönlicher Freiheit und öffentlicher Rolle, zwischen Gefühl und Pflicht. Gerade diese Spannung macht sie so theatralisch.“
Wir haben mit drei der Hauptdarsteller*innen – Nienke Latten (Maria Theresia), Fabio Diso (Franz Stephan von Lothringen) und Moritz Mausser (Friedrich II. von Preußen) – über den Erfolg des Musicals und ihre Rollen gesprochen
Mit welcher Melodie im Kopf sind Sie heute aufgewacht?
Nienke Latten: Mit „Maria Theresia, Mutter der Nation“. Ich habe heute Nacht sogar von der Show geträumt.
Fabio Diso: Tatsächlich mit dem Opening „Maria Theresia“. So eine kraftvolle Nummer, die mich immer wieder mitreißt.
Moritz Mausser: „Cotton Eye Joe“.
Welches Bild von Maria Theresia haben Sie?
Latten: Für mich ist sie eine starke, unabhängige Frau. In unserem Stück macht sie viele Erfahrungen, lernt unglaublich viel dazu und wird dadurch als Person immer reicher.
Diso: Eine unglaublich starke Frau, die in einer von Männern dominierten Welt enorme Verantwortung getragen hat. Mich interessiert aber vor allem der Mensch dahinter – mit Ängsten, Zweifeln, Liebe und Familie.
Mausser: Ein ambivalentes, aber auf jeden Fall ein prägendes.
Ist es richtig, wenn ich behaupte, dass das En-suite-Spielen Hochleistungssport ist?
Latten: Ja, definitiv. Ich muss meinen ganzen Tag sehr genau einteilen, damit ich am Abend meinen energetischen Höhepunkt habe. Die Rolle der Maria Theresia ist sowohl gesanglich als auch schauspielerisch sehr herausfordernd. Wenn ich es am Abend gut schaffe, gibt es für mich nichts Schöneres als dieses stolze Gefühl, es geschafft zu haben und diese wichtige Person gut dargestellt zu haben.
Diso: Absolut. Wir singen, spielen und sollen dabei möglichst so aussehen, als wäre es überhaupt nicht anstrengend. Fitness gehört zum Glück zu meinen Lieblingshobbys – der athletische Aspekt liegt mir also.
Mausser: Ja, absolut. Ohne gute Technik kann man gesundheitlich Probleme bekommen.
Ihre Definition des perfekten Tons?
Latten: Ich glaube, der perfekte Ton ist nicht immer das Wichtigste. Natürlich möchte man sauber singen, aber für mich ist es viel wichtiger, die Geschichte zu erzählen. In den Vorbereitungen geht es darum, alles so gut zu trainieren, dass es im „Muscle Memory“ sitzt. Dann muss ich auf der Bühne nicht mehr darüber nachdenken, wie ich singe, sondern kann mich ganz auf das Schauspiel und die Geschichte konzentrieren.
Diso: Einer, der etwas auslöst. Perfekte Technik allein berührt mich nicht. Für mich müssen Emotion und auch das Risiko eines hohen Tons zusammenkommen.
Mausser: Wenn er die Luft schneidet und emotional motiviert ist.
Wo exakt im Körper schmerzt es, wenn ein Ton nicht trifft?
Diso: Eventuell kurz im Ego. Meistens finde ich es aber eher lustig – gerade wenn man sich danach mit den Kollegen darüber amüsieren kann.
Mausser: Im Magen.
Was denken Sie beim Singen?
Latten: Eigentlich denke ich gar nicht mehr darüber nach, wie ich singe. Ich denke vor allem an die Geschichte und daran, sie so zu erzählen, dass ich das Publikum mitnehmen kann – tief hinein in die Geschichte, sodass es die Show als ganzheitliches Erlebnis wahrnimmt.
Diso: Im besten Fall gar nicht ans Singen, sondern nur an die Situation und mein Gegenüber. Sobald ich zu viel über Technik nachdenke, wird auch mein Spiel weniger frei.
Mausser: Im besten Fall nichts.
Was muss man tun, um das En-suite-Spielen körperlich und mental zu schaffen?
Latten: Man muss körperlich fit sein und regelmäßig trainieren. Ich gehe zum Beispiel gerne laufen, wenn das Wetter gut ist, und mache Krafttraining im Gym. Eine gesunde Ernährung ist mir ebenfalls wichtig. Und vor allem muss man seine Energie über den Tag gut einteilen. Man kann nicht den ganzen Tag mit Menschen reden und seine Energie verbrauchen und dann am Abend erwarten, dass noch die volle Energie für die Bühne da ist. Eine gute Tagesplanung ist für mich deshalb genauso wichtig wie für einen Spitzensportler.
Diso: Den Körper als Arbeitsinstrument behandeln: Schlaf, Training, Ernährung und Regeneration. Wir ähneln manchmal mehr Athleten als Künstlern: Wir müssen auf den Punkt Leistung abrufen und das über Monate konstant wiederholen können.
Mausser: Das Privatleben nicht verlieren und sich Pausen geben.
Was sollte man keinesfalls tun, wenn man das En-suite-Spielen ohne größere Probleme schaffen will?
Latten: Das ist wahrscheinlich für jeden Menschen individuell. Für mich persönlich sind Schlaf, Regeneration und ein guter Umgang mit meiner Energie besonders wichtig. Ich versuche, alles zu vermeiden, was mir unnötig Energie raubt. Alkohol oder Rauchen gehören für mich zum Beispiel ohnehin nicht dazu. Ich achte einfach sehr darauf, meinem Körper und meiner Stimme die nötige Erholung zu geben.
Diso: Glauben, man sei unzerstörbar. Man muss seinen Körper kennen, seine Grenzen respektieren und wissen, was einem langfristig nicht guttut.
Mausser: Nur für den Beruf leben.
Wie hält man nach so vielen Vorstellungen die Spannung in der Stimme und im Spiel?
Latten: Ich glaube, jeder denkt immer, dass wir jeden Tag genau dieselbe Vorstellung spielen. Natürlich ist der Ablauf derselbe, aber wir sind Menschen und fühlen uns jeden Tag ein bisschen anders – und auch bei unseren Kolleg*innen ist das so. Es ist Livetheater und deshalb ist jede Vorstellung ein bisschen anders. Ich glaube, ich habe noch nie exakt dieselbe Vorstellung gespielt. Genau das hält es für mich interessant. Außerdem versuche ich, mich in der nächsten Show immer wieder selbst einer neuen kleinen Herausforderung zu stellen.
Diso: Durch die Kollegen und das Publikum. Kein Abend ist exakt gleich. Wenn man seinem Gegenüber wirklich zuhört und nicht einfach eine Vorstellung abspult, entstehen immer wieder neue Momente.
Mausser: Übung, Übung, Übung und sich immer was Neues suchen.
Die Habsburger verbinden etwas, das für das Musiktheater ideal ist: Geschichte, Macht, Emotion und Mythos.
Christian Struppeck
Christian Struppeck
Muss man an etwas glauben, um schön zu singen?
Latten: Ich glaube, das hat weniger mit Glauben zu tun, sondern vielmehr mit gutem Training. Wenn man sich mit und in seiner Stimme sicher fühlt, kann man auf der Bühne optimal performen. Das ist für mich ähnlich wie im Spitzensport. Und natürlich hilft es, ein gesundes Selbstvertrauen in die eigene Stimme zu haben.
Diso: Man muss zumindest an das glauben, was man gerade erzählt. Sonst bleibt es nur ein schöner Ton.
Mausser: An die Geschichte, die man erzählt.
Was ist für Sie die größte Herausforderung Ihrer Rolle und des täglichen Spielens?
Latten: Die größte Herausforderung ist, zweieinhalb Stunden ohne Pause auf der Bühne zu stehen und dabei eine Frau von ungefähr 17 bis 55 Jahren zu spielen. Diese Entwicklung und Verwandlung innerhalb von zweieinhalb Stunden darzustellen, ist eine große Herausforderung. Aber ich liebe Herausforderungen – deshalb macht es mir auch so viel Spaß.
Diso: Franz Stephan nicht nur als „Mann an ihrer Seite“ zu erzählen. Er hat Humor und Leichtigkeit, aber auch Verletzlichkeit, Stolz und seine eigenen Kämpfe. Diese Balance finde ich spannend.
Mausser: Die emotionale und körperliche Intensität.
Was ist für Sie das größte Glück Ihrer Rolle?
Latten: Dass ich jeden Abend diese Herausforderung annehmen darf. Und natürlich, dass ich in dieser Show auch meine Liebe kennengelernt habe: Aeneas Hollweg. Das war definitiv eine große Überraschung.
Diso: Diese große, ehrliche Liebesgeschichte spielen zu dürfen. Und eine Figur, die trotz all der historischen Schwere sehr menschlich und herrlich leicht sein darf.
Mausser: Dass ich täglich eine große Bandbreite an Stimmumfang und mentale Tiefe bedienen darf.
Sie sind alle Profis und haben bereits in anderen Produktionen Erfolge gefeiert. Was ist für Sie der Unterschied, was ist bei „Maria Theresia“ anders? Oder gibt es dieses „Anders“ gar nicht?
Diso: Man spürt, dass hier etwas entstanden ist, das einen Nerv trifft. Österreichische Geschichte in einer sehr modernen musikalischen und visuellen Sprache. Und wir durften diese Rollen von Anfang an mitprägen.
Mausser: Es hat trotz der schweren Themen immer wieder viel Leichtigkeit.
Latten: Für mich ist es das erste Mal, dass ich eine historische Persönlichkeit spiele, die tatsächlich gelebt und so viel bewegt hat. Damit kommt auch eine große Verantwortung, aber gleichzeitig eine ganz besondere Faszination. Maria Theresia und ihr auf der Bühne Leben einzuhauchen, ist etwas ganz Besonderes.
Ihre Vorstellungen werden gestürmt – aber es gibt noch viele Menschen, die nicht dort waren und der Monarchie sehr skeptisch gegenüberstehen. Bitte erklären Sie mir, wie eine Habsburgerin zu einer Musicalikone werden konnte …
Diso: Weil wir keine Statue spielen. Es geht um einen jungen Menschen, der plötzlich unglaubliche Verantwortung tragen muss. Um Liebe, Macht, Familie, Verlust und den eigenen Weg. Dafür muss man kein Monarchist sein.
Mausser: Mit einer guten Adaption und aktuellen Einordnung einer Auswahl der Themen, die mit Maria Theresia in Verbindung stehen.
Latten: Ich glaube, weil wir hier nicht einfach nur eine Habsburgerin zeigen, sondern einen Menschen mit all seinen Facetten. Maria Theresia war eine starke Frau, Mutter, Politikerin und Herrscherin – und genau diese Vielschichtigkeit macht sie für mich so spannend. Unsere Geschichte erzählt nicht nur von Monarchie, sondern von Menschlichkeit, Stärke, Zweifel und großen Emotionen.
Was ist das, was wir hier auf der Bühne sehen: ein Märchen?
Latten: Wir erzählen eine Geschichte, die auf einer realen Person und einer echten Geschichte aus der Vergangenheit basiert. Ich hoffe, dass wir die Menschen für zweieinhalb Stunden aus ihrem Alltag entführen können, sodass sie ihr eigenes Leben kurz vergessen, eine andere Geschichte genießen und vielleicht auch etwas aus dieser Geschichte mitnehmen können.
Diso: Vielleicht ein modernes Märchen mit historischem Fundament. Natürlich verdichten und überhöhen wir – wir machen Musical und keine Geschichtsstunde. Die Emotionen dahinter sind aber sehr real.
Mausser: Eine Mischung aus Zeitgeist und historischem Bezug.
Hatten Sie schon einmal einen Hänger beim Spielen – und wenn ja, möchten Sie mir davon erzählen?
Latten: Natürlich hatte ich schon einmal einen Hänger. Ich muss aber ehrlich sagen: An einen konkreten kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Diso: Natürlich! Viele! Meistens merkt das Publikum überhaupt nichts davon. Aber manchmal erinnern einen die Fans danach an der Stage Door daran – und dann kann man gemeinsam herrlich darüber lachen.
Mausser: Natürlich, aber dann sag ich irgendwas Passendes.
Wie sehr variiert das Publikum von Vorstellung zu Vorstellung und wovon hängt das ab? Vom Mond? Und merkt man das auf der Bühne?
Latten: Das Publikum ist jeden Abend anders und das merkt man natürlich auch auf der Bühne. Wenn zum Beispiel viele Schülerinnen und Schüler im Saal sitzen, reagieren sie teilweise auf andere Witze als ein älteres Publikum. Aber genau das macht es bei „Maria Theresia“ so schön: Wir haben ein sehr vielfältiges Publikum, von ganz jung bis älter. Alle sind willkommen und alle können Spaß an der Show haben. Deshalb lade ich wirklich jeden herzlich ein, einmal bei uns vorbeizukommen!
Diso: Extrem! Manche Abende haben vom ersten Moment an eine unglaubliche Energie, an anderen muss man das Publikum erst erobern. Trotzdem dürfen wir uns davon nicht zu sehr beeinflussen lassen. Wir sind die Konstante in der Erzählung – davon lebt en suite.
Mausser: Also der größte Unterschied ist, wenn Schulklassen drinnen sitzen. Manchmal ist das Publikum dann sehr freudig und motiviert und manchmal sehr unkonzentriert. Das ist aber zum Glück eher die Ausnahme.
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.