Hoch die Tassen
Ein charmanter Kerzenständer, eine warmherzige Teekanne, eine strenge Standuhr, ein koketter Staubwedel. Im Disney-Musical » „Die Schöne und das Biest“ gibt neben Belle und dem biestigen Prinzen das verzauberte Hauspersonal den Ton an. Ab Herbst auch wieder in Wien.
Anders als in anderen Genres erklimmt man beim Musical schon im Vorfeld mehrere Bergspitzen, ehe man mit der Premiere dann endgültig den Gipfel erreicht. Die Analogie zum Bergsport ist berechtigt, freut man sich doch auch im musiktheatralischen Spektrum auf und über jede Etappe. Den Turnus-Anfang macht bei den Vereinigten Bühnen Wien traditionell die große Präsentation des Casts, die auch dieses Mal wieder Dutzende Journalisten und noch viel mehr Fans ins Raimund Theater gelockt hat. Als nächster Höhepunkt folgt der Probeneinblick, bei dem bereits die ersten Arien zum Besten gegeben werden. Dabei wird der vorfreudige Enthusiasmus, so viel steht erfahrungsgemäß fest, noch um einiges größer sein.
Und am 25. September 2026 heißt es dann: „Sei unser Gast“ bei der – so viel Prophetismus darf man sich zutrauen – sicherlich umjubelten Premiere. Immerhin lief die Originalproduktion von Disneys „Die Schöne und das Biest“ 13 Jahre lang am New Yorker Broadway und wurde seit ihrer Uraufführung von insgesamt 38 Millionen Menschen weltweit gesehen. Beim Zuschlag für die deutschsprachige Erstaufführung 1995 hatte übrigens auch das Raimund Theater die Nase vorn. Nun kehrt das Musical-Highlight in einer Neuproduktion ans Haus zurück – wobei das bewährte Team rund um Alan Menken (Musik), Linda Woolverton (Buch) sowie Howard Ashman und Tim Rice (Liedtexte) bestehen bleibt.
„Dieses außergewöhnliche Werk vereint auf eindrucksvolle Weise, was zeitgenössisches Musiktheater ausmacht: eine starke Geschichte, großartige Musik, beeindruckende Choreografien, modernste Bühnentechnik und eine berührende Botschaft, die Generationen verbindet“, so VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck. Und zudem noch jede Menge Publikumslieblinge auf der Besetzungsliste, von denen wir für den Anfang fünf zu Wort kommen lassen wollen.
DOMINIK HEES IST DAS BIEST
„Besonders schön finde ich, dass hier eine inspirierende Frauenfigur im Zentrum steht, die sich nicht den Erwartungen ihres Umfelds anpasst, sondern eigenständig und neugierig durch die Welt geht. Sie beweist, dass Empathie und das Setzen klarer Grenzen sich nicht ausschließen, womit sie es schafft, hinter die teils brutale und unnahbare Fassade des Biests zu schauen und sich nicht von Äußerlichkeiten abschrecken zu lassen“, erklärt Dominik Hees, der von „Maria Theresia – Das Musical“, wo er als Kaiser Karl VI. auf der Bühne des Ronacher stand, nahtlos in die Hauptrolle des Biests wechselt. Ein weiterer Meilenstein in der Karriere des Routiniers, den das Wiener Publikum beispielsweise auch schon in „Cats“ und Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ bewundern konnte.
Der Part sei gesanglich anspruchsvoll. „Das Biest ist besonders am Anfang ein lauter, wütender Charakter, der viel schreit und in der Intensität sehr hoch ist. Allerdings besitzt die Rolle auch eine enorme Breite – an vielen Stellen spürt man die Zerbrechlichkeit der Figur. Das auszuloten, um stimmlich gut durch sieben Vorstellungen pro Woche zu kommen, wird eine spannende Herausforderung.“
Dazu kämen aufwendige Kostüme und ein ebensolches Make-up. „Ich habe Prothesen im Gesicht, Hörner auf dem Kopf und trage unter den sichtbaren Kleidern noch ein Unterkostüm. Das ist eine Art He-Man-Anzug, der einem tierische Muskeln zaubert. Sich damit umzuziehen, birgt gewisse Probleme“, lacht er.
„Ich will mir aber gar nicht viele Gedanken machen, sondern habe mir vorgenommen, ganz frei an diese Arbeit heranzugehen.“ Das Stück sei vielfach erprobt, das Team garantiere wie immer Topniveau. „Da brennt nichts an. Man kann sich entfalten. Ich bin optimistisch.“
MARLENE JUBELIUS SPIELT BELLE
„Für mich ist ,Die Schöne und das Biest‘ eine echte Kindheitserinnerung, mich hat das Stück schon immer fasziniert. Ich habe es auf Kassette rauf- und runtergehört.“ Die Begeisterung hat seitdem auch nicht nachgelassen. Zu ihrem 18. Geburtstag gab Marlene Jubelius eine Mottoparty, bei der sich die Gäste in Disney- oder Filmcharaktere verwandeln sollten, sie selbst war Belle. Und als sie von der VBW-Ausschreibung erfuhr, meldete sie sich sofort für die Audition an. Immer klar im Fokus: die weibliche Hauptrolle.
„Als die Zusage kam, saß ich gerade mit einem Freund im Zug. Die Freude war natürlich riesengroß, auch deshalb, weil es mir dieses Engagement erlaubt, für zumindest ein Jahr ins schöne Wien zu ziehen.“ Tatsächlich ein Debüt, denn die gebürtige Deutsche, die nicht nur auf der Musicalbühne steht, sondern auch in der erfolgreichen TV-Serie „Ku’damm“ spielte, feiert mit „Die Schöne und das Biest“ zugleich ihre persönliche Österreich-Premiere.
„Was mich an diesem Stück sehr interessiert, ist die Beziehung zwischen Belle und dem Biest. Beide müssen einander erst kennenlernen, Vertrauen aufbauen und langsam zueinander finden. Diese Entwicklung zeigt für mich sehr schön, dass Liebe und Verständnis Zeit brauchen und dass man bei Menschen tiefer gehen muss, um sie zu verstehen. Belle ist eine mutige und entschlossene Frau, die ihren eigenen Kopf hat. Sie widersetzt sich auch dem Biest, stellt sich ihren Ängsten und rettet ihren Vater. Gleichzeitig ist sie verträumt und lässt sich von ihren Fantasien treiben.“
Und genau dieser Gegensatz mache die Rolle spannend. Marlene Jubelius freut sich auch schon auf die Paradenummer „Sei hier Gast“, bei der Belle von den verzauberten Schlossbewohnern willkommen geheißen wird. „Denn wir werden dabei steppen – und das wollte ich schon immer einmal!“
LINUS AL BAROFFIO DEBÜTIERT ALS LEFOU
Etwas tollpatschig und hundertprozentig loyal: Als liebenswürdiger komödiantischer Sidekick des von sich überzeugten Gaston fungiert Lefou, dessen Name sich vom französischen „le fou“, also der Narr, herleitet. Diesen Part wird der gebürtige Schweizer Linus Al Baroffio übernehmen. Für ihn, der heuer erst sein Studium an der MUK abgeschlossen hat, ist dies die erste große Rolle im professionellen Kontext.
„Ich habe zum Stück per se gar keine Verbindung, aber ich habe eine sehr starke Beziehung zum Märchen, denn ich habe lange Zeit in Bern, wo ich herkomme, in einem Verein Märchenmusicals gespielt. So bin ich überhaupt erst zum Theater gekommen. Und ich finde es lustig, dass ich jetzt nach dem Studium quasi wieder mit einem Märchen starte. Das fühlt sich sehr nach Zuhause an“, erzählt der Berufseinsteiger. „Was Lefou ausmacht, sind Herz, Humor und eine beinahe blinde Loyalität gegenüber Gaston.“
Ob die Zuneigung – wie im Film – über Freundschaft hinausgeht, wird sich erst im Probenprozess entscheiden. „Aber auch ohne Schubladisierung sind die beiden auf jeden Fall sehr wichtig füreinander.“
Welche Erwartungen hat Linus Al Baroffio an die Zukunft als Musicaldarsteller? „Ich wünsche mir ein schönes, abwechslungsreiches Miteinander. Was mich am Künstlerberuf inspiriert, ist, dass es ein Teamsport ist, bei dem man gemeinsam Neues entstehen lassen kann. Es gibt Schauspieler, die vor allem gerne spielen, und es gibt Schauspieler, die sehr gerne proben. Ich bin eindeutig ,Team Probe‘, weil ich es liebe, Dingen Raum zu geben und zu schauen, wohin sie sich entwickeln.“
WIETSKE VAN TONGEREN VERKÖRPERT MADAME POTTINE
Ein echter Profi mit langjähriger Erfahrung auf nahezu allen großen Musicalbühnen im deutschsprachigen Raum ist indes die gebürtige Niederländerin Wietske van Tongeren. „Das Spannende an ,Die Schöne und das Biest‘ ist, dass wir Gegenstände lebendig werden lassen müssen.“ Sie selbst mutiert in der Rolle der liebenswürdigen und humorvollen Haushälterin zur Teekanne, während ihr Sohn im Stück fortan als Tasse durchs Leben geht. Wie gedenkt sie denn, die Teekanne anzulegen? „Darauf habe ich noch keine Antwort“, lacht die versierte Darstellerin, „aber ich hatte bereits ein Kostümfitting und weiß, dass ich auf jeden Fall die ganze Zeit über meinen linken Arm hochhalten werde müssen. Es wird also nicht nur schauspielerisch herausfordernd, sondern auch, was die Fitness betrifft. Ich werde sehr wahrscheinlich noch spezielle Trainingseinheiten zu absolvieren haben.“
Sie könne charakterlich einige Parallelen zwischen Madame Pottine und ihrer Person ausmachen. „Auch ich versuche, stets das Positive zu sehen, und möchte, dass es allen gut geht. Und ich bin, wie sie auch, bei jedem Problem lösungsorientiert.“ Auf „Die Schöne und das Biest“ habe sie eigentlich erst ihre Tochter gebracht. „Sie kam von einem Faschingsfest im Kindergarten nach Hause und hat vom Kostüm eines anderen Mädchens geschwärmt, das als Belle verkleidet war. Wir haben uns dann gemeinsam den Film angeschaut. Als ich gehört habe, dass das Stück nach Wien kommt, habe ich mich beworben und bin froh, wieder hier arbeiten zu können.“
Eigentlich ist es für sie fast ein Heimspiel, denn Wietske van Tongeren lebt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Niederösterreich.
SIMON STOCKINGER BRENNT FÜR LUMIÈRE
Spätestens seit seiner Rolle als Billy in „Rock Me Amadeus – Das Falco-Musical“, für die er vom Publikum beim „Broadway World Austria Award“ als bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde, zählt der in Linz aufgewachsene und an der MUK ausgebildete Sänger und Schauspieler Simon Stockinger zur ersten Liga heimischer Darsteller.
„Ich finde es toll, dass wir eine Geschichteüber die transformierende Kraft des Menschen erzählen können. Es ist eine Parabel, wonach man sich innerlich verändern muss, um äußerlich verändert zu werden, die nicht umsonst seit Jahrhunderten aktuell ist. Das Musical ist zu Recht die bekannteste Version davon, weil es in Alan Menkens Musik keine einzige Nummer gibt, die man nicht feiern möchte. Egal, ob man hundert ist oder fünf.“
Er selber wird in „Die Schöne und das Biest“ die Partie des Lumière – also des in einen Kerzenständer verzauberten Hausdieners – übernehmen. „Dabei werde ich keine Hände haben, sondern Kerzenarme, und bin schon gespannt, wie es mir, der ich ständig am Gestikulieren bin, damit geht. Generell ist die Figur aber sehr körperlich, man muss dieses Handicap also anderweitig physisch wettmachen.“
In seinem Kostüm ist allerdings auch viel Pyrotechnik verbaut, die es ihm erlaubt, spektakuläre Akzente zu setzen. Ab Herbst auf der Bühne des Raimund Theaters zu stehen, sei für ihn ein toller Full-Circle-Moment. „Denn hier habe ich mit 12 Jahren ,Romeo & Julia‘ gesehen – und seitdem jedes Stück, das auf dieser Bühne gespielt wurde. Ich verbinde mit dem Haus viele Schlüsselmomente. Dass ich nun selber hier spielen werde, ist so etwas wie die Krönung. Oder, besser gesagt, die Flamme obendrauf.“