Schlüssel zur Seele
Figuren mit vokalem Tiefgang, abgründigen Geheimnissen und intellektueller Substanz. Florian Boesch und Christopher Maltman verkörpern im Opern-Doppelpack „Eine florentinische Tragödie“ & „Herzog Blaubarts Burg“ zwei rätselhafte Charaktere. Dafür musste der eine Ungarisch lernen und der andere tief in sexuelle Obsessionen eintauchen.
Man muss sich nicht schämen, falls man von „Eine florentinische Tragödie“ noch nie etwas gehört hat. Christopher Maltman ging es genauso. Als der britische Bariton vor zwei Jahren gefragt wurde, ob er die Rolle des Simone nicht für eine Aufnahme einsingen wolle, hatte er keine Ahnung, von wem die Rede war.
„Noch mehr überrascht war ich, als ich heraus fand, dass das Libretto zu dieser Oper von Oscar Wilde stammt. Jedenfalls habe ich zugesagt und beim Lernen meiner Rolle gedacht, dass dies womöglich die seltsamste und düsterste Musiktheatergeschichte ist, mit der ich es je zu tun hatte. Simone ist ein ungewöhnlicher Protagonist. Nach außen hin ein nicht sehr interessanter Kaufmann, der seine Frau schlecht behandelt, entpuppt er sich im Laufe des Stücks als Denker und Philosoph.“
Die Handlung ist bestechend kurz: Ehefrau Bianca betrügt den sich auf einer Geschäftsreise befindlichen Gatten in Florenz mit dem Prinzen Guido Bardi – der früher Heimgekehrte findet seinen Nebenbuhler im eigenen Haus vor. „Er weiß instinktiv, warum der Prinz vor Ort ist, und auch, was seine Frau plant oder schon getan hat“, erläutert Christopher Maltman. „Nun beginnt er, mit diesem Mann zu spielen. Langsam und berechnend. Er demütigt ihn vor Bianca. 50 Minuten lang. Dann bringt er ihn um.“
Alexander Zemlinskys Einakter nehme viele psychologische Wendungen. „Die Musik ist grandios, harmonisch herausfordernd, an manchen Stellen erinnert sie an Alban Berg, Erich Wolfgang Korngold oder Franz Schreker. Meine Rolle ist wirklich schwierig zu singen und verlangt einem alles ab: hoch, tief, laut, leise, lyrisch, dramatisch … Beim ersten Lesen dachte ich: Mein Gott, hört das denn gar nicht mehr auf ?! Simone singt etwa 40 von insgesamt 55 Minuten.“ Eine große Rolle in einer kleinen Oper, die einem keinerlei Ruhephasen gönne. Er verstehe selbst nicht, warum „Eine florentinische Tragödie“ nicht öfter auf den Spielplänen stehe, an mangelhafter musikalischer Brillanz liege es jedenfalls nicht.
ECHTE PSYCHOPATHEN
Auf den Mord an Guido Bardi, der von Dmitry Golovnin verkörpert wird, folgt übrigens die nächste große Überraschung: Bianca, gesungen von der auch darstellerisch überragenden Asmik Grigorian, findet erneut Gefallen an ihrem Mann.
Die Liebe erfährt ebenso ein Revival wie der Respekt. Christopher Maltman hat dafür eine private Theorie: „Es gibt Hinweise in Oscar Wildes Text, dass die beiden Komplizen sind und wussten, wie die Geschichte ausgehen würde. Ich denke, Bianca und Simone sind Serienkiller, die haben das nicht zum ersten Mal gemacht. Immer, wenn ihre Liebe abkühlt, brauchen sie ein neues Opfer. Das gibt ihnen einen sexuellen Kick und bringt die Paarchemie wieder in Schwung.“
Der schauspielerische Aspekt sei enorm. „Aber das ist er in allen meinen Rollen. Natürlich steht der Gesang bei einer Oper im Vordergrund. Man muss also im Schauspiel eine Effizienz finden, welche die vokale Perfektion nicht gefährdet.“ Gerade bei den großen Wagner-Rollen wie Wotan, Amfortas, Hans Sachs oder dem Holländer, die Christopher Maltman weltweit singt, sei diese Ausgewogenheit unerlässlich.
Bianca und Simone sind Serienkiller. Die haben das nicht zum ersten Mal gemacht.
Christopher Maltman
Christopher Maltman
„Die Bühne ist meine Welt, hier bin ich in meinem Element. Ich war eines dieser nervigen Kinder, die ständig Aufmerksamkeit bekommen wollten“, erzählt er amüsiert. „So gesehen, habe ich den richtigen Beruf ergriffen. Vor Publikum fühle ich Freude und Freiheit. Indem ich jemand anders bin, kann ich ganz ich selbst sein.“
Als Nächstes wird man den Wahlösterreicher, der seit 2020 in Wien wohnt und an der hiesigen Staatsoper bereits in 12 Produktionen zu sehen war, im Calixto-Bieito-„Ring“ an der Pariser Oper erleben können. Danach gibt er an der Met sein Rollendebüt als Jack Rance in „La fanciulla del West“. Und bei den Salzburger Osterfestspielen 2027 – Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker – ist er wieder als Wotan in „Die Walküre“ zu sehen. „Eine meiner zwei Lieblingsopern. Je nach Tagesverfassung ist es entweder diese oder ,Die Meistersinger von Nürnberg‘. Darauf freue ich mich sehr.“ Ach ja, König Blaubart wird er nächstes Jahr ebenfalls zum ersten Mal singen. In Budapest.
SPANNENDE ABGRÜNDE
Florian Boesch gehört international zu den bedeutendsten Liedinterpreten seiner Generation; seine 2022 im Theater an der Wien zu Gehör gebrachte „Winterreise“ animiert damals Anwesende noch heute zu Lobpreisungen. Die szenische Oper zählt hingegen – zumindest im Repertoirebetrieb – nicht zu den vordringlichen Interessen des Bassbaritons aus Wien.
Was hat ihn also gerade an der Titelrolle von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ interessiert? „Asmik Grigorian und ich haben 2011 gemeinsam ‚Wozzeck‘ gemacht und seit damals bestand der Wunsch, wieder einmal zusammenzuarbeiten. Aber wenn man, wie ich, nicht Verdi, Puccini oder Wagner singt, ist die Schnittmenge relativ gering. Der erste Beweggrund war also, dass wir endlich ein Stück gefunden haben, das für uns beide gepasst hat.“ Asmik Grigorian stellt gewissermaßen die sängerische Klammer der beiden Kurzopern dar. Die Rollen von Florian Boesch und Christopher Maltman sieht Regisseur Vasily Barkhatov, so viel darf man verraten, als eine Figur, was wohl als weitere Verknüpfung gedeutet werden darf.
studierte vor dem Gesang Biochemie. Er zählt international zu den führenden Wagner-Interpreten, trat bis dato in 12 Produktionen der Wiener Staatsoper auf, spielte in zwei Opernfilmen und lebt seit 2020 in Wien.
In „Herzog Blaubarts Burg“ folgt Judith ihrem frisch Angetrauten in dessen düstere Burg, wo sie sieben Türen entdeckt, hinter denen sich allerlei verbirgt: Foltergeräte, Waffen, Schätze, Schmuck, ein Garten – und überall Spuren von Blut. Aus der letzten Tür treten Blaubarts drei frühere Frauen – Morgen, Mittag und Abend verkörpernd. Für Judith, die nun ihren Vorgängerinnen hinter die siebte Tür folgen muss, ist die Nacht reserviert.
Der gängigen Auffassung, wonach Blaubart ein Frauenmörder sei, widerspricht Florian Boesch. „Er ist der Legende nach natürlich eine problematische Figur. Aber so, wie Bartók in seiner Vertonung mit ihm umgeht, hat das Stück vor allem einen hohen Grad an Symbolik. Man kann die Zimmer nicht von der Folterkammer bis zum Garten eins zu eins durchdeklinieren – und auch die Kategorie des Mordens gerät in den Hintergrund. Ich würde sagen, man schaut hier buchstäblich in die Seele eines Menschen. Der Mensch ist die Burg. Zimmer und Schlüssel stellen alle seine psychologischen Potenziale dar.“
Er müsse sich den Charakter des Blaubarts, wie bei allen Rollen, regelrecht herbauen und auch für dessen Abgründigkeit ein Verständnis entwickeln, sodass sie in seinem Zugang eine relative Normalität habe. „Gerade die extreme Ausformung dessen, was wir in unserer Conditio humana vorfinden, ist doch spannend.“
ist als Lied- und Oratoriensänger weltweit gefragt. Er trat unter Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt, Valery Gergiev oder Simon Rattle auf, unterrichtet seit 2015 an der mdw, restauriert Motorräder und baut Skulpturen.
PHONETISCH LERNFÄHIG
Für Florian Boesch ist diese Rolle kein Debüt, er hat sie 2025 in der Inszenierung von Claus Guth bereits bei den Festspielen Erl gesungen. Ebenfalls im ungarischen Original. Wie lernt man einen Text, wenn man der Sprache gar nicht mächtig ist? „Wiederholen, wiederholen, wiederholen. Nach 300 Repetitionen eines Halbsatzes geht man dann kurz aufs Klo, kommt zurück und weiß nichts mehr. Das ist wirklich die Hölle. Und wenn man ich ist, gibt man nicht auf, sondern macht so lange weiter, bis das Gehirn sagt: Okay, jetzt merke ich es mir.“ Für ihn sei „Herzog Blaubarts Burg“ ein Meisterwerk. „Die Musik entwickelt eine unglaubliche Sogwirkung. Diese dunkle Klangsprache, in der eine eigene Kategorie von Romantik steckt und die bar jeder Sentimentalität ist, hat eine starke atmosphärische und subjektive Kraft.“
Im Grunde sei die ganze Oper überorchestriert. Die gesangliche Herausforderung bestünde darin, trotz des gewaltigen Klangteppichs gehört und verstanden zu werden.
Die extreme Ausformung dessen, was wir in unserer Conditio humana vorfinden, ist doch spannend.
Florian Boesch
Florian Boesch
Nach „Herzog Blaubarts Burg“ ist Florian Boesch im Gewandhaus Leipzig in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ zu erleben, ehe er in Amsterdam die Partie des Pilatus in einer szenischen „Johannes-Passion“ – eine der für ihn seltenen Wiederaufnahmen – singen wird.
„Und ich unterrichte natürlich weiterhin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.“ Professor ist er seit 2015. Was vermittelt er seinen Studierenden in erster Linie? „Da könnte ich einen ganzen Katalog herunterbeten. Ein großer Teil ist schieres Handwerk, ohne das man nichts ausdrücken kann. Der andere Teil ist viel komplizierter und betrifft den Imaginationsraum Musik. Kunst kann man niemandem beibringen, man kann junge Menschen aber in die Freiheit des persönlichen, selbstständigen, individuellen Gestaltens locken.“ Ein Credo begleitet sein Tun: „Ich unterrichte nichts, was man auch googeln kann.“
Hier geht es zu den Spielterminen von „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ in der Staatsoper!