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Intendantin und Regisseurin Lotte de Beer.

Intendantin und Regisseurin Lotte de Beer.
Foto: Stefan Fürtbauer

Erbarmungsloses Entertainment

Volksoper

Verbrechen zahlt sich aus. Zumindest in „Chicago“, wo Roxie Hart und Velma Kelly nach spektakulären Männermorden zu medial gehypten Stars werden. Lotte de Beer inszeniert das Musical um Sex, Gier und Voyeurismus. Und das Publikum spielt mit.

Es gibt tatsächlich so etwas wie ein Antonym zu Femizid. Der Begriff heißt Androzid, ist aus naheliegendem Grund allerdings kaum bekannt und taucht in der Kriminologie meist nur im Kontext von geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Männer bei martialischen Konflikten auf.

Weil aber auch die Liebe mitunter Krieg bedeutet, ließe er sich gleichermaßen auf „Chicago“ anwenden. Denn die beiden Protagonistinnen des 1975 uraufgeführten Musicals – Roxie Hart und Velma Kelly – waren nicht zimperlich bei der Beseitigung unliebsamer Herren. Roxie meuchelte ihren Liebhaber, Velma ihren Ehemann und die eigene Schwester. Nun sitzen beide in Untersuchungshaft. Doch weil die Tänzerinnen jung, schön und skrupellos sind, machen sie alsbald medial Karriere. Unterstützung erfahren sie dabei von der korrupten Gefängniswärterin Mama Morton, Rechtsanwalt Billy Flynn und Roxies Ehemann Amos Hart. Am Ende richtet sich das Licht der Boulevardmedien zwar auf einen anderen, noch spektakuläreren Fall, doch Roxie und Velma genießen als gefeierte Jazz- Sängerinnen ihre wiedererlangte Freiheit.

Mitreißende Songs wie „All that Jazz“ oder „When You’re Good to Mama“ und eindrucksvolle Choreografien sowie die Oscar-prämierte Verfilmung aus dem Jahr 2002 mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones, Queen Latifah und Richard Gere in den Hauptrollen machten das Musical zum internationalen Longrunner.

Katia Ledoux. Die renommierte
Opernsängerin spielt die ikonische Rolle der Mama Morton.
Foto: Milagro Elstak
Katia Ledoux. Die renommierte Opernsängerin spielt die ikonische Rolle der Mama Morton.

GEWALT UND SEX

An der Volksoper wird sich nun Lotte de Beer höchstpersönlich seiner Inszenierung annehmen. Was hat die Direktorin des Hauses künstlerisch an dieser Arbeit interessiert? „Die Musik mit ihren rasanten Beats klingt nach Spaß, Glamour und einem leichten Lebensgefühl. Die Story aber ist grausam. Es geht nicht nur um Mord und Habgier, sondern auch darum, wie wir als Zuschauer*innen es genießen, via Medien daran teilzuhaben und uns das auf der Bühne anzuschauen. Die Verbrecherinnen werden gefeiert wie Popstars. Aber auch die an Bertold Brecht angelehnte Form ist interessant. Man tut gar nicht so, als ob die Handlung Realität wäre, sondern es ist ganz klar, dass man für das Publikum spielt und damit auch etwas bezweckt. Zwischen lockerem Varieté und roher Realität wird ständig die Perspektive gewechselt. Das alles interessiert mich an diesem Stück.“

Myrthes Monteiro. Zuletzt als Anita in „West Side Story“ zu sehen, mimt sie in „Chicago“ Velma Kelly.
Foto: Wolle Werner
Myrthes Monteiro. Zuletzt als Anita in „West Side Story“ zu sehen, mimt sie in „Chicago“ Velma Kelly.

Was ist an Roxie Hart und Velma Kelly denn so sexy, dass wir ihnen gebannt auf den Leim gehen? „Schon in frühesten Opferkulten gab es Rituale, die es den Menschen erlaubten, die moralischen Grenzen der Gesellschaft symbolhaft zu erweitern. Ich glaube, dass es eine der Funktionen von Theater ist, uns in eine brachiale Ekstase zu versetzen, ohne dass wir handgreiflich werden müssen. Gewalt und Sex sind offenbar anziehend, auch wenn wir gar nicht so sein wollen. Roxie und Velma sind echte Psychopathinnen. Sie empfinden keinerlei Reue. Das ist wahrscheinlich für uns, die wir vor lauter Schuldgefühlen nur noch gebückt gehen können, erfrischend (lacht).“

Man kann sich einen ähnlichen Triumph nur schwer vorstellen, wären es Männer, die skrupellos ihre Partnerinnen umbrächten. Liegt der Erfolg also auch darin begründet, dass es hier Frauen sind, die den Spieß umdrehen? „Sicher ist das so. Wobei es in der Oper fast immer Frauen sind, die umgebracht werden – und auch das schauen wir uns gerne an. Grundsätzlich ist beides verwerflich, denn Mord ist Mord. Die Geschichte von ,Chicago‘ basiert auf einem Theaterstück aus dem Jahr 1926, das wiederum an reale Fälle angelehnt ist. Damals gab es eine regelrechte Welle von durch Frauen verübte Männermorde – und eine Presse, die das begierig aufgesogen und verbreitet hat. Das Thema ist also nicht einmal erfunden.“

Lionel von Lawrence. Der Musicaldarsteller verkörpert den gewieften Anwalt Billy Flynn.
Foto: FELIX RABAS
Lionel von Lawrence. Der Musicaldarsteller verkörpert den gewieften Anwalt Billy Flynn.

VERFEHLTES NIRWANA

Extra einen Aktualitätsbezug herzustellen, kann man sich in Zeiten von True-Crime-Formaten eigentlich auch sparen. Dass Lotte de Beer „Chicago“ gerade jetzt auf den Spielplan setzt, hat tatsächlich ganz pragmatische Gründe. „Wir wollten es schon immer machen, weil es die Art von Musical ist, die wir mit unserem Ensemble und Orchester können. Und jetzt haben wir die Rechte dafür bekommen.“

Dennoch glaubt sie, dass das Stück auch am Puls der Zeit ist. „In den 1990er-Jahren dachten wir doch, auf dem Weg ins Nirwana zu sein und durch die Überwindung von Religion und fehlgeleiteter politischer Systeme immer bessere und gewaltfreiere Menschen zu werden. Das Fressen war da, nun müsste auch die Moral kommen. Heute wissen wir, dass dieser Fall nicht eingetreten ist. Die Musik des Musicals ist unglaublich manipulativ. Wir sehen etwas, was wir grauenvoll finden, und fünf Sekunden später hüpfen wir im Takt mit. Das Thema ist noch immer aktuell. Wer wird zurzeit berühmt? Nicht Personen mit dem größten Talent, sondern solche, die man am besten vermarkten kann. Roxie ist ja eigentlich eine Hausfrau, die ein Verbrechen begeht und deshalb ihre 15 Minuten Ruhm hat. Das passt gut in die heutige Zeit, wo Verbrecher auch Präsidenten werden können.“

Ich glaube, dass es eine der Funktionen von Theater ist, uns in eine brachiale Ekstase zu versetzen, ohne dass wir handgreiflich werden müssen.

Lotte de Beer

Lotte de Beer

Mit Bettina Mönch (Roxie Hart), Myrthes Monteiro (Velma Kelly) und Katia Ledoux (Mama Morton) hat Lotte de Beer ein bewährtes Powertrio engagiert, ohne sich in Stereotypien zu ergehen. Ganz im Gegenteil, gerade Roxie und Velma sind ziemlich gegen den Strich gebürstet. „Katia Ledoux, die diese Rolle unbedingt verkörpern wollte, aber Opernsängerin ist, hat extra dafür bei Edward Hoepelman, zu dem alle Musicaldarstellerinnen in Europa pilgern, Belting-Unterricht (eine spezielle Gesangstechnik, Anm.) genommen.“ Und Lionel von Lawrence wird mit Billy Flynn die größte männliche Partie übernehmen.

WARTEN AUF TOM NEUWIRTH

Die aktuelle Saison ist die fünfte unter der Direktion von Lotte de Beer. Womit ist sie zufrieden und was möchte sie noch erreichen? „Wir hatten im Juni die Pride-Edition der ,Fledermaus‘ am Haus. Da saßen Menschen im Saal, die diese Operette noch nie live erlebt haben, und andere, die noch nie bei einer Pride-Veranstaltung waren. Und an diesem Abend haben sie zusammengefunden. Diese bunte Mischung unterschiedlicher Publikumsschichten kennen wir auch von vielen anderen Abenden. Das macht mich glücklich, denn genau das war immer mein Wunsch und das sehe ich auch als Aufgabe einer ,Volksoper‘.

Bettina Mönch. Nicht nur an der Volksoper ein Publikumsliebling,
wird sie nun zu Roxie Hart.
Foto: Jan Frankl
Bettina Mönch. Nicht nur an der Volksoper ein Publikumsliebling, wird sie nun zu Roxie Hart.

Bei der Operette gelingt uns manchmal ein Erfolg und manchmal nicht. Ich will aber mehr Hits (lacht). Ich wünsche mir sowohl bei den Künstler*innen als auch beim Publikum mehr Offenheit für dieses Genre. Momentan ist es so, dass Sänger*innen Operette mitunter nicht singen wollen. Das Publikum, das Operette mag, hat oft keine Lust auf neue Sichtweisen – und jenes, das neue Perspektiven schätzt, lehnt Operette ab. Diesbezüglich hätte ich wirklich gerne eine Veränderung.“

Da könnte vielleicht Tom Neuwirth, der heuer als Frosch frenetisch gefeiert wurde, Abhilfe verschaffen. Was hat Lotte de Beer mit ihm künftig vor? „Wir haben große Pläne, die ich noch nicht verraten kann. Nur so viel: Im Juni nächsten Jahres kann man ihn wieder in der ,Fledermaus-Pride-Edition‘ erleben. Und dann haben wir noch andere Ideen … 

Hier geht es zu den Spielterminen von "Chicago" in der Volksoper!

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 08/2026

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