Wie singt man ein Sternbild?
In Francesco Cavallis Oper „La Calisto“ prallen Götter, Nymphen und Fabelwesen aufeinander. Alle im Bann von Liebe, Begehren, Macht und Gewalt. Also zutiefst menschlich. Vera-Lotte Boecker übernimmt die Titelrolle.
Schlag nach bei Ovid! Die „Metamorphosen“ des römischen Dichters – genauer gesagt der darin enthaltene Kallisto-Mythos – inspirierten den italienischen Barock-Komponisten Francesco Cavalli zu seiner 1651 uraufgeführten Oper „La Calisto“. Wobei sich Cavalli, dessen Werke Mitte des 17. Jahrhunderts zu den meistgespielten in Europa zählten, dem düsteren Stoff ein wenig lebensfroher näherte. In ihren Grundzügen blieb die Geschichte aber gleich: Als die Welt nach einem Feuer in Schutt und Asche liegt, will sie Obergott Jupiter wieder mit Wasser versorgen. Dabei verliebt er sich in die Nymphe Calisto, die von seinen Annäherungsversuchen aber nichts wissen will, hat sie sich doch dem Keuschheitskult der Göttin Diana verschrieben. Und ausgerechnet in ebendiese Diana transformiert sich nun der listige Jupiter, um Calisto zu verführen – und zum tragischen Überfluss auch noch zu schwängern. Das entfacht vor allem für die völlig Schuldlose eine Katastrophe, denn nun tritt Juno, Jupiters Gattin, zornig vor Eifersucht auf den Plan und verwandelt Calisto in eine Bärin. Am Ende hat Jupiter ein Erbarmen und erhöht Calisto zum Sternbild des Großen Bären.
FRÜHBAROCKES JUWEL
Das Theater an der Wien eröffnet mit „La Calisto“ – entstanden in Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden Berlin – seine Saison. Warum hat sich Intendant Stefan Herheim, der auch die Regie und das Lichtdesign übernommen hat, gerade dafür entschieden? „Weil es sich um ein frühbarockes Opernjuwel handelt, das seit 2003 nicht mehr in Wien zu bewundern war, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Inszenierung von Herbert Wernicke unter der musikalischen Leitung von René Jacobs bei den Wiener Festwochen damals für Furore sorgte. Das Libretto nach Ovids ,Metamorphosen‘ ist hochwertige Literatur und inspirierte Cavalli zu einer seiner schönsten Kompositionen. Als ich Christina Pluhar vor ein paar Jahren fragte, ob wir uns bei unserer ersten Zusammenarbeit nicht an dieses Werk wagen sollten, sagte sie ohne zu zögern: ,Unbedingt!‘“ Aus dem Mythos werde in der Oper eine sehr modern anmutende, vor Widersprüchen strotzende und alle christlichen Moralvorstellungen unterlaufende Geschichte.
„Das Spiel changiert zwischen Posse und Tragödie, bis es schließlich in einer überraschend erhabenen Apotheose kulminiert. Doch auch diese Erlösung Calistos am Ende ist höchst ambivalent und lässt keine höhere Moral erkennbar werden. Wie in Richard Wagners ,Der Ring des Nibelungen‘ scheint auch hier die Liebe verflucht zu sein, was in diesem Fall für das Wohlergehen der Erde fatale Konsequenzen hat“, erklärt Stefan Herheim sein Interesse am Stoff.
Vera-Lotte Boecker, die am Theater an der Wien schon mit „Lulu“ und als Dorota in „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ höchst erfolgreich war, singt die titelgebende Calisto. Was prädestiniert sie dafür? „Die unbedingte Hingabe, mit der sie ans jeweilige Werk herangeht. Vor einigen Jahren haben wir Offenbachs ,Blaubart‘ an der Komischen Oper Berlin zusammen gemacht und suchten seitdem eine weitere Gelegenheit, um miteinander zu arbeiten. Vera-Lotte gehört zu den neugierigsten und vielfältigsten Sängerdarstellerinnen, die ich kenne. Sie hinterfragt alles, ist sich aber für keine Herausforderung zu schade. Umso mehr freue ich mich, Calisto mit ihr zu ergründen“, so Stefan Herheim.
Man sollte mit dem, was wir heute unter Finesse und Schönheit verstehen, nicht umgehen wie mit einer heiligen Kuh.
Vera-Lotte Boecker
Vera-Lotte Boecker
VERRÜCKT NACH DIANA
Die zu Recht Hochgelobte hat sich in den letzten drei Jahren ein wenig rar gemacht in Wien, wo sie zwei Jahre lang zum Ensemble der Staatsoper gehörte. „Ich bin 2023 freischaffend geworden und habe seitdem einige schöne Partien gesungen. Zum Beispiel die Titelrolle in ,Das Paradies und die Peri‘ an der Hamburgischen Staatsoper, ,Daphne‘ an der Staatsoper Unter den Linden oder Donna Anna in ,Don Giovanni‘ an der Bayerischen Staatsoper. Außerdem habe ich ein Kind zur Welt gebracht und danach ein halbes Jahr pausiert“, erzählt sie bestens gelaunt. Was gab den Ausschlag, ausgerechnet zum selten gespielten Werk „La Calisto“ Ja zu sagen? „Die Neugierde. Ich bin keine Barockspezialistin, habe aber einmal Drusilla in „L’incoronazione di Poppea“ gesungen und fand Monteverdis Musik fantastisch. Auch bei ,La Calisto‘ habe ich mich in diese feine Musik verliebt und mich erst danach mit der Geschichte beschäftigt“, so die Sopranistin. „Diesen Text muss man sich langsam erschließen, die einzelnen Sätze regelrecht dechiffrieren, was mir großen Spaß macht. Wenn Calisto Juno erzählt, dass in der Höhle ,etwas Süßes‘ passiert sei, wusste das Publikum damals sicher sofort, was gemeint war. Immerhin wurde Calisto danach schwanger. Heute aber muss man aufpassen, über so etwas nicht drüberzulesen“, meint Vera-Lotte Boecker lachend.
Eigentlich sei die Geschichte schlimm. „Ein jungfräuliches Mädchen wird verführt und verliert daraufhin alles. Sie wird auch von Diana verstoßen, weil sie unkeusch war, alle Schuld wird auf sie projiziert, was wiederum sehr aktuell ist. Gleichzeitig gibt es bei Cavalli aber auch eine Wendung hin zur Leichtigkeit. Calisto ist regelrecht verrückt nach den Küssen der vermeintlichen Diana. Sie hat sich in diese Frau verliebt. Es ist also auch eine moderne Erzählung von einer spontanen lesbischen Liebe. Auf der anderen Seite ist vor allem Junos Frauenfeindlichkeit kaum auszuhalten. Der Mann, Jupiter, ist der Täter, aber Calisto wird bestraft und in eine Bärin verwandelt. In diesem Bewusstsein muss sie ihr ganzes restliches Leben verbringen. Dass sie am Ende aus diesem menschlichen Gewirr von Amor, Eros und Eifersucht herausgehoben wird, finde ich philosophisch tröstlich.“
Man könne die Verwandlung in ein Sternbild christlich lesen, also einen Erlösungsaspekt darin erkennen. Man könne aber auch sagen, dass man in den Kosmos, aus dem man gekommen sei, zurückgehe. Einen Fantasy-Moment könne sie darin jedenfalls nicht erkennen. „Aber ich weiß noch nicht, wie Stefan Herheim die Verwandlung in den Bären und das Sternbild anlegen will. Man kann es ja auch metaphorisch sehen.“
zählt zu den herausragenden Sopranistinnen ihrer Generation und wurde 2022 zur Opern-Welt-Sängerin des Jahres gewählt. Sie war Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, ist als Konzertsängerin aktiv und hat ein umfangreiches Repertoire, das von klassischen Rollen bis zu Neuer Musik reicht.
GUT GEKLAUT
Vera-Lotte Boecker offenbarte in einem früheren Interview, sie suche ständig nach neuen Herausforderungen. Meinte sie damit ausschließlich neue Charaktere oder auch das Unbekannte im Bekannten? „Durchaus auch Zweiteres. Eine Mimi beispielsweise würde mich in einer klassischen Inszenierung nicht besonders reizen. Aber in einer neuen Lesart des Stücks finde ich sie spannend. Es ist okay, Opern konventionell zu inszenieren, nur mich interessiert eben der heutige Blick darauf. Ich weiß gar nicht, wie es dazu kam, und es ist auch viel Arbeit, weil man sich alles immer neu erarbeiten muss. Aber zu sagen: ,Das sind jetzt meine fünf Partien und die singe ich immer und ewig!‘ – das ginge bei mir nicht. Ich mache mit Liebe und Leidenschaft auch viel Neue Musik und bin, was meine Stimme angeht, unerschrocken. Ich denke, es ist nur dann nicht gut für den Stimmapparat, wenn man einen inneren Widerstand spürt.“
Das Libretto nach Ovids „Metamorphosen“ ist hochwertige Literatur und inspirierte Cavalli zu einer seiner schönsten Kompositionen.
Stefan Herheim
Stefan Herheim
Und wie geht sie bei klassischen Partien mit den vielen Referenzen um? „Ich versuche natürlich, gut zu klauen (lacht). Das gebe ich gerne zu. Ich höre mir alle verfügbaren Aufnahmen meiner großen Kolleginnen an, weil es mich auch technisch interessiert, wie sie einzelne Phrasen lösen. Das ist ein Teil des Prozesses. Der andere besteht darin, Klangvorstellungen, die wahrscheinlich gar nichts damit zu tun haben, was sich der Komponist gedacht hat, radikal auszublenden. Man sollte mit dem, was wir heute unter Finesse und Schönheit verstehen, nicht umgehen wie mit einer heiligen Kuh. Sängerinnen und Sänger haben stets danach gestrebt, etwas zu ihrem Eigenen zu machen. So war Gesang schon immer. Zu Zeiten von Cavalli hat doch niemand ein halbes Jahr lang Partituren studiert, sondern man hat sicherlich improvisiert, mit Rhythmen gespielt und, je nach Abend, bestimmte Pointen gesetzt. Und diese Freiheit versuche ich mir, in Absprache mit den Dirigenten, auch zu nehmen. Das kommt im Klassikbetrieb zugunsten der Perfektion manchmal zu kurz. Aber Oper ist ein Liveerlebnis, jede Aufführung ist doch einzigartig.“
Vera-Lotte Boeckers Repertoire vergrößert sich nicht nur, immer wieder fallen auch Partien weg. Wonach entscheidet sie, ob etwas für sie erschöpft ist? „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich einer Figur nichts mehr hinzuzufügen habe. Das war bei Pamina, die ich sicher 150 Mal gesungen habe, so. Das ist traumhaft schöne Musik, aber die emotionale Entwicklung der Rolle ist überschaubar. Bei Lulu könnte es lange dauern, bis ich zu diesem Punkt komme. Eigentlich ist es eine Gefühlssache.“
Oper, auch das ein Zitat von Vera-Lotte Boecker, sei ein Leistungsberuf. Welche Aspekte meint sie damit? „Alle. Die körperliche Ebene ist eine echte Herausforderung, ich muss jedes Mal so aufgewärmt sein, dass ich mich nicht verletze. Man singt im Liegen oder auf den Knien, springt durch die Gegend, wird zu Boden geworfen – es gibt keine Produktion, bei der ich nicht mit blauen Flecken übersät bin. Dazu kommt die mentale Perspektive. Ich muss bestimmte Töne auf den Punkt abrufen können. Dabei darf einem der Kopf nicht in die Quere kommen. Das ist eine Frage gedanklicher Disziplin, die man trainieren muss“, meint sie amüsiert.
Apropos Lust auf Neues: „Regie zu führen, würde mich sehr reizen. Das wollte ich schon immer, habe mich aber nie getraut. Aber vielleicht führt mich meine persönliche Emanzipationsgeschichte eines Tages ja auch dorthin.“
Jupiter, der höchste Gott, verliebt sich in die keusche Nymphe Calisto und verführt diese in Gestalt der Göttin Diana. Juno, Jupiters Frau, verwandelt Calisto aus Zorn in einen Bären. Am Ende wird sie von Jupiter in das Sternbild des Großen Bären erhoben und erlöst.