Emily Hehl: Die Freiheit, immer neu zu beginnen
Emily Hehl ist 27, hat mit Jan Lauwers an der Staatsoper inszeniert und alleine Hits wie „La bohème“ in Coburg und „Rigoletto“ in Freiburg. Ihre nächste Premiere: „Tree of Codes“ an der Neuen Oper Wien (Koop mit Wien Modern) im Reaktor. Premiere ist am 31. Oktober.
„Tree of Codes“ ist eine österreichische Uraufführung. Können Sie mir in wenigen Sätzen erklären, was das für eine Oper ist?
„Tree of Codes“ ist ein beeindruckendes Musiktheaterwerk der australischen Komponistin Liza Lim, das 2016 in Köln uraufgeführt wurde. In diesem Stück begegnet uns eine Vielzahl unvollendeter Geschichten – berührend kleine und erschreckend große. „Eine Oper über Blutlinien und Erinnerung, Zeit, Auslöschung und Erkenntnis“, schreibt die Komponistin selbst. Das Werk basiert auf Jonathan Safran Foers gleichnamigem Buch „Tree of Codes“, das wiederum auf Bruno Schulz’ Kurzgeschichtensammlung „The Street of Crocodiles“ aufbaut.
Die poetischen Geschichten des polnischen Schriftstellers liefern das Material für die Bilder und Figuren, die uns im Stück begegnen. Foers Buch wiederum inspiriert die Form der Oper: Es konzentriert sich auf Leere, Nichtigkeit und Verschwinden. Foer schnitt aus seinem Lieblingsbuch, „The Street of Crocodiles“ von Schulz, den Großteil der Wörter heraus und schuf so durch das Entfernen von Wörtern eine neue Geschichte. Daher auch der Untertitel der Oper: „Cut-outs in Time – Ausschnitte aus der Zeit“.
Für Menschen, die Liza Lims Musik nicht kennen: Wie klingt das Werk? Muss man vor der Musik Angst haben, weil sie so modern ist?
Lim kreiert eine mystische Klangwelt, die in meinen Augen größer und gewaltiger als die Zeit ist. Dabei lässt sie sich gleichermaßen von schönen und brutalen Schöpfungen der Natur inspirieren – von Vogelgesängen, Kometen oder menschlichen Herzschlägen. Die Grenzen zwischen Gesang und Instrumentarium lösen sich in dieser Komposition auf: Lim schreibt für Bariton, Sopran, einen singenden Klarinettisten, Elektronik und ein Ensemble aus 15 Musiker*innen, die neben ihren Instrumenten auch ihre Stimmen einsetzen. Requiemartige Instrumentalteile stehen neben gewaltvoller Perkussion, gesprochene Texte neben jazzigen Melodien mit verstimmtem Klavier, fragile Instrumentalstimmen neben barocken Chorälen. Die Partitur ist so reich an Farben, sinnlich und humorvoll, berührend in ihrer Einfachheit und beeindruckend in ihrer Komplexität, dass man sich sehr unbesorgt und hoffentlich voller Neugier auf diese Reise einlassen kann.
Wie werden Sie das Stück inszenieren? Was werden wir zu sehen bekommen?
Mit den Komponenten dieses Projekts – einem selten gespielten Werk, einer herausragenden Besetzung und dem Reaktor als einnehmendem Ort – sehe ich meine Aufgabe vor allem darin zurückzutreten.
Das Publikum soll einen Abend erleben, der keine Bedeutungen verbuddelt und Texte nicht ausdeutet, sondern den Zuschauenden die Möglichkeit gibt, in die Atmosphäre von „Tree of Codes“ einzutauchen. Dafür kreieren wir in der Mitte des Reaktors eine Art Diorama, in dem Instrumente, Stimmen und Naturelemente miteinander verschwimmen und das vom Publikum von allen Seiten betrachtet werden kann.
Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Jan Lauwers zusammen – wie sehr und vor allem inwiefern hat das Ihre Zugangsweise zu Inszenierungen beeinflusst?
Ich bin enorm dankbar, als Assistentin von zahlreichen Regiestimmen gelernt haben zu dürfen – da bleiben zum Glück unweigerlich Dinge hängen! Bei Jan Lauwers sind das einige ganz fundamentale Gedanken, die mich geprägt haben. Theater beginnt bei den Menschen, nicht bei leblosem Material. Das Gehirn der Regie ist nicht klüger oder wichtiger als irgendein anderes. Ambiguität ist ein großes Geschenk, wenn man sie annimmt. Und ich habe von Jan gelernt, die Freiheit, im Theater jeden Tag von vorne beginnen zu können, nicht zu fürchten, sondern zu schätzen.
Wie schwer ist es als junge Kreative, in der – sehr männlichen – Opernwelt ernst genommen zu werden?
Eine schwierige Frage. Ich glaube, die Opernwelt ist ohnehin eine herausfordernde – unabhängig von Alter oder Geschlecht. Ernst genommen wird man, wenn man mit guter Arbeit an die richtigen Menschen gerät.
Wenn Sie mehrere Wünsche frei hätten: Welche zwei Opern möchten Sie unbedingt inszenieren und – vor allem – in welchen Häusern möchten Sie das tun?
Nur zwei Opern? Unmöglich! Weit vorne dabei sind auf jeden Fall Bernsteins „Candide“ und Brittens „Peter Grimes“. Bei den Häusern gehen in den nächsten Jahren einige Wünsche in Erfüllung! Doch ich wäre sehr neugierig darauf, in einer Festivalstruktur zu inszenieren – nehmen wir Aix-en-Provence. Und unabhängig von Größe oder Renommee eines Hauses finde ich es künstlerisch enorm wertvoll, wenn man eine längerfristige Arbeitsbeziehung eingeht. Wenn man an einen Ort zurückkehrt und die Menschen kennt, kann man auf einer ganz anderen Ebene einsteigen.