Chelsea Guo: „Alles kann, nichts muss" als Lebenseinstellung
Mit Schubladen kann die gebürtige New Yorkerin Chelsea Guo nicht besonders viel anfangen. Sie ist nicht nur erfolgreiche Konzertpianistin, sondern macht sich gerade auch als Opern- und Musicalsängerin einen Namen. Wer sich mit ihr trifft, bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn man nichts sein muss, aber alles sein darf.
Sein oder Nichtsein? Das ist ganz sicher nicht die (richtige) Frage, wenn man Antwort liegt nämlich bereits nach wenigen Minuten mit der vor Energie sprudelnden Künstlerin klar auf der Hand: Sein. Eindeutig. Obwohl sie es liebt, in ihrem Beruf den Moment auszukosten, begreift die gebürtige New Yorkerin dieses Sein jedoch keinesfalls als starren Istzustand, sondern immer als Werden. Als kontinuierliche Entwicklung, die auch beinhaltet, dass sich ihr künstlerisches Dasein in unterschiedliche Bereiche ausdehnen darf.
E-MAIL AUS WIEN
So war Chelsea Guo im Jahr 2022 nicht nur die erste Teilnehmerin in der Geschichte der renommierten „Young Concert Artists International Auditions“, die sowohl als Konzertpianistin wie auch als Sängerin ausgezeichnet wurde, sie gehört mittlerweile auch zum Ensemble der Wiener Volksoper. Um zu erklären, wie das passiert ist, müsse sie ein wenig ausholen, meint sie lachend. „Ich habe als Vierjährige mit dem Klavierspielen angefangen und wusste als Zehnjährige, dass ich Konzertpianistin werden möchte. Im Pre-College-Programm der Juilliard School hatte ich einen Klavierlehrer, der außergewöhnlich war, weil er uns dazu ermutigt hat, ein weiteres Instrument zu erlernen. Weil ich immer schon gerne gesungen habe, entschied ich mich schlussendlich für den Gesang. Das führte wiederum dazu, dass ich gefragt wurde, ob ich es mir vorstellen könnte, sowohl Klavier als auch Gesang zu studieren. Letztendlich blieb ich zwar beim Klavierstudium, hatte mir aber bereits ein kleines Repertoire angeeignet und konnte mich selbst am Klavier begleiten. Außerdem hat mich das Singen der Oper nähergebracht. Unzählige Male stand ich mit Studienkolleg*innen vor der Met in der Schlange, in der Hoffnung, dass wir noch irgendwie Tickets um 20 Dollar ergattern. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, als ich dort das erste Mal ‚La bohème‘ gesehen habe.“
Dass sie nun an der Volksoper die Musetta singt, kann demnach zweifelsfrei als Full Circle Moment bezeichnet werden. Dazwischen liegen jedoch noch einige weitere erinnerungswürdige Momente, von denen die Sopranistin gern erzählen möchte: „Ich war gerade im Sommerprogramm der Wolf Trap Opera Company, als sich die Volksoper per E-Mail bei mir gemeldet hat – mit der Frage, ob ich Lust auf einen Videocall hätte. Zuerst dachte ich, es sei eine Scam-E-Mail, und wollte sie sofort löschen.“
Als sie nach einem Besuch in Wien und einer gelungenen Audition gefragt wurde, ob sie es sich vorstellen könne, Teil des Opernstudios der Volksoper zu werden, sei sie aus allen Wolken gefallen, fügt sie hinzu. „Ich bin zu diesem Zeitpunkt ja noch kein einziges Mal auf einer Opernbühne gestanden“, hält sie lachend fest.
Die Sopranistin wurde in New York geboren, wo sie auch ihr Klavierstudium absolvierte. Sie erhielt mehrere Stipendien, unter anderem jenes der Gerda Lissner Foundation. Das „BBC Music Magazine“ schrieb über ihre Kunst: „Eine sehr gute Pianistin mit einer betörenden Stimme, hier ist ein seltenes Talent.“
ENTWEDER UND ODER
Das änderte sich jedoch schnell, denn schon während ihrer Zeit im Opernstudio der Volksoper war die Wahlwienerin bereits in mehreren Produktionen zu sehen. „Ich verliebe mich jeden Tag mehr in das Musiktheater. Normalerweise ist es ja so, dass die Liebe zuerst da ist und die Arbeit danach kommt. Bei mir war es umgekehrt.“
Man könnte jetzt sagen: Chelsea Guo ist ins kalte Wasser gesprungen. Das stimmt jedoch wirklich nur im übertragenen Sinn, denn wenn die Volksoper eine Sache nicht ist, dann ein Ort, der Kälte ausstrahlt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Betriebstemperatur ist konstant hoch, auch die kühle Winterluft wird im Inneren des Gebäudes sofort in Wärme umgewandelt. Diese mit Offenheit gepaarte Wärme schätzt auch die Sopranistin, die in der Vergangenheit auch schon mit Kritik zu ihrer beruflichen Mehrgleisigkeit konfrontiert wurde.
„Aus Marketingsicht wäre es besser, ich würde mich auf eine Sache konzentrieren, aber mir geht es vor allem darum, Dinge zu tun, die mir Spaß machen und für die ich brenne. In dem Moment, in dem mir das Singen, das Klavierspielen oder das Musiktheater keine Freude mehr machen, lasse ich es und konzentriere mich auf etwas anderes. Das Schöne an meiner momentanen Situation ist außerdem, dass sich all die Kunstformen, die ich parallel ausübe, gegenseitig bereichern.“
Momentan sehe sie keine Notwendigkeit, sich für eine Sache zu entscheiden, hält sie entschlossen fest. Ein alles andere als gewöhnlicher Weg, der sich für sie jedoch richtig anfühlt.
RUHIGE KÜHNHEIT
Die Musiktheatersaison 2026/27 begann für Chelsea Guo mit ihrem Debüt als Maria in „West Side Story“. Ein Erlebnis, für das sich die quirlige und zugleich ungemein eloquente Künstlerin zu Superlativen hinreißen lässt. „Ich hatte noch nie so viel Spaß auf einer Bühne“, hält sie freudestrahlend fest. An Maria schätzt sie vor allem ihre ruhige Kühnheit. „Sie weiß, was sie will, und hat nicht das Gefühl, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Ich hätte gerne auch mehr von dieser Kühnheit.“
In Sachen Mut braucht sich Chelsea Guo aber ohnehin nicht verstecken. Schließlich hatte sie nur zehn Probentage, um sich auf ihr Debüt als Maria vorzubereiten. „Am Tag der ersten Aufführung hat mir mein Gesangslehrer, der in Arizona lebt, eine Nachricht geschrieben, in der er mich daran erinnert hat, dass die Zuschauer*innen nicht kommen, um mich zu sehen, sondern um sich selbst zu sehen. Das fand ich sehr treffend. Und auch sehr beruhigend.“
Rodolfo und seine Freunde haben große Träume und glauben daran, dass ihnen und ihrer Kunst die Welt offensteht. Die Zeiten sind zwar hart, doch die Liebe und ihre Kunst geben ihnen Halt. Als klar wird, dass Rodolfos Geliebte Mimì schwer krank ist, breitet sich jedoch Dunkelheit aus.
Über die Proben für das Musical sagt sie außerdem: „Es ist ein Genre, das davon profitiert, dass man sich mit all seinen Emotionen hineinwirft. Ein gebrochener Ton kann sogar zum Gesamtausdruck beitragen. Im Gegensatz zur Oper, die von Natur aus höhere technische Anforderungen an den Gesang stellt und es sich daher nicht leisten kann, dass die Technik hinter dem Gefühl zurücksteht. Die Unterschiede sind mit jenen zwischen einem Foto und einem Gemälde vergleichbar – das eine ist rau und unmittelbar, das andere akribisches Handwerk. Allerdings haben beide die Kraft, einen zu bewegen.“
In der Volksoper steht als nächstes Puccinis „La bohème“ auf dem Programm. Chelsea Guo singt die Musetta, die, wie sie hinzufügt, ebenfalls eine sehr starke Figur ist. „Sie weiß, was sie will. Und mit ihrer Arie nimmt sie den zweiten Akt sehr für sich ein.“ Schon seit dem Studium sei sie ein absolutes „Puccini-Girl“, ergänzt sie nach einer kurzen Pause. „Die ‚bohème‘ ist einfach eine perfekte Oper. Jedes Mal höre ich etwas Neues und Unerwartetes.“
Auch Wien fühle sich für sie teilweise immer noch neu an, erklärt sie zum Abschluss. „In New York hatte ich eine Wohnung, in der es zuging wie in Monicas Appartement in ‚Friends‘. Das muss ich mir hier noch aufbauen.“ Mit ihrer gewinnenden, offenen Art wird ihr das mit Sicherheit schnell gelingen. Oder anders gesagt: Was noch nicht ist, das wird bestimmt.
Hier geht es zu den Spielterminen von „La bohème“ in der Volksoper!