Raus aus der Enge
Der preisgekrönte Regisseur Philipp Stölzl inszeniert Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ und erzählt in großen Bühnenbildern von erotischen Obsessionen, der Sehnsucht nach Freiheit und dem Tod. Wir zeigen Ihnen erste Bilder aus der Koproduktion an der Staatsoper unter den Linden in Berlin und sprechen mit dem Regisseur, wie verkorkst Wagner wirklich war.
Was würden Sie tun, wären Sie ein Seemann und dürften nur alle sieben Jahre an Land gehen? Betrinken? Eine Frau suchen? Nachdem weitere hypothetische Fragen alle Wagner-Fans am Geisteszustand des Autors zweifeln lassen würden, lassen wir das jetzt. Regisseur Philipp Stölzl inszeniert am Theater an der Wien einen „Fliegenden Holländer“ den er konsequent aus der Sicht von Senta, der Tochter von Daland, erzählt. Das Stück ist eine Koproduktion mit Berlin, daher können wir Ihnen hier auch bereits erste Szenenfotos – aus der Staatsoper unter den Linden – zeigen. Bemerkenswert und unglaublich poetisch umgesetzt ist die Idee eines Bühnenbilds im Bühnenbild: Bilder öffnen sich im Hintergrund und werden zu Schaukästen. Und eines noch: Es ist eine Inszenierung, von der man sicher sein kann, dass diese sowohl Wagner-Fans als auch Wagner-Neulinge abholen wird. Eine Seltenheit, gerade in diesem nahezu religiösen Kosmos. Wir haben Philipp Stölzl am Rande von Dreharbeiten in Köln interviewt.
Lassen Sie uns mit ein paar Wagner- Fragen beginnen: Was für ein Bild haben Sie von Wagner?
Er ist ja mehr ein ganzes Universum als nur ein Komponist. Genialer Autodidakt, ein Fantast, ein Utopist, dann aber wiederum auch ein verschrobener Sektierer mit peinlichen, auch unangenehmen Seiten. Eine irre Mischung, es wundert nicht, dass er fortwährend fasziniert.
War Wagner so verkorkst, wie seine Libretti es sind?
Das würde ich nie so sagen, die Wechselwirkungen sind bei ihm ja sehr komplex. Ob das „Tristan“ ist, mit seiner direkten Spiegelung der Wesendonck-Geschichte, oder „Parsifal“ mit diesem angenommenen, irgendwie augenzwinkernden Privat-Christentum, das ist von Werk zu Werk unterschiedlich und total spannend.
Und wie passt das zusammen: Diese eigenartigen Libretti und dann diese unsterblich schöne Musik?
Ich erwische mich tatsächlich oft bei dem heimlichen Wunsch, dass diese soghafte, hypnotische Wahnsinnsmusik andere Geschichten und über andere Figuren erzählen würde. Wenn man sich fragt: Warum spielt man Wagner immer noch?, dann sicher nicht wegen der Libretti. Aber so ist es nun mal – und wir müssen und wollen uns daran abarbeiten.
War Wagner der größte italienische Komponist außerhalb Italiens?
Sicher nicht. Seine italienischen Klänge, bei „Rienzi“ beispielsweise, sind ja eher ein bissl unbeholfen.
Was würden Sie Wagner fragen, wenn Sie eine Stunde mit ihm hätten?
Ich hätte ehrlicherweise Angst vor menschlicher Banalität hinter dem genialen Werk. Ich habe außerdem mal an einer Serie über seine Ring-Uraufführung 1876 gearbeitet, die blieb zwar unverfilmt, ich bin aber deswegen umfassend eingelesen und habe keine Fragen mehr (lacht).
Stimmen Sie Christian Thielemann und mir zu, wenn wir behaupten: Wagner-Opern klingen auf talienisch viel größer, gefühlvoller …
Ich habe noch nie eine Wagner-Oper auf Italienisch gehört, wusste gar nicht, dass es das gibt. Was ich allerdings gehört habe, ist Thielemanns Berliner „Ring“, das hatte etwas Federleicht-Italienisches, das war ziemlich toll.
Ist man verzweifelt, wenn man als heutiger Regisseur eine derart abstruse Geschichte wie den „Fliegenden Holländer“ das erste Mal liest?
Eigentlich ist der „Holländer“ mit das schlüssigste und überschaubarste Libretto in Wagners Œuvre, es gibt die Folie dieser Geisterlegende, davor die ganz gut nachvollziehbare Seelengeschichte von Senta und ihre Obsession, das Motiv der Goldgier, das sich dann auch im „Ring“ findet ... Es ist quasi Wagner für Anfänger.
Wie geht man an eine derart abstruse Geschichte heran, wenn man diese für das heutige Publikum umsetzen muss?
Das ist eigentlich eine Grundfrage, die man sich bei jeder Oper aus dem klassischen Repertoire stellt: Wie erzählt man diese alte Geschichte immer wieder neu für ein heutiges Publikum? Ich nähere mich immer von zwei Seiten an: erst die Musik. Was sind da für Energien und Farben drin? Wie schafft man eine Szene, die die Musik zum Leuchten bringt – und umgekehrt. Dann der Erzählbogen. Das ist die eigentliche Challenge, weil die alten Libretti uns oft so fern erscheinen, Konflikte und Prämissen basieren auf längst vergangenen Gesellschaftsformen, fast immer ist da der muffige „Male Gaze“ auf die Frauenfiguren. Das ist für mich immer der schwerste Teil, hier eine Schlüssigkeit und einen heutigen Blick herzustellen.
In der ersten Szene sitzt Senta in ihrem Zimmer und liest das Märchen vom „Fliegenden Holländer“. Was wollen Sie uns damit erzählen? Alles nur ein Traum, ein Märchen, ein Gefängnis?
Nein. Die Inszenierung erzählt ja zentral von Sentas neurotischer Obsession für den Holländer, sie sehnt sich nach dem Wegsegeln mit dem Seemann ins sturmumtoste Meer, sie will raus aus der Enge und Fremdbestimmtheit der eigenen (Frauen-)Welt. Doch hinter der Romantik und der Erotik dieser Prämisse schimmert eben auch der Wunsch nach Suizid, der Gedanke, dass man nur in der „anderen Welt“ das Glück finden kann. Am Beginn der Oper sehen wir Senta als Kind, die sich in ein großes Buch, in die Welt von Sagen und Märchen, flüchtet und dort zum ersten Mal auf den Holländer trifft. Es ist der Beginn ihres emotionalen Bogens an diesem Theaterabend.
Ich bin jemand, der versucht, das Publikum möglichst breit abzuholen.
Philipp Stölzl
Philipp Stölzl
Sie spielen mit einem Bühnenbild im Bühnenbild: Bilder im Hintergrund öffnen sich und werden zu Schaukästen. Warum?
Das Bühnenbild ist ein großbürgerlicher Salon im Stil des späten 19. Jahrhunderts, also Wagners Gegenwart. Ein riesiges, dramatisches Meergemälde dominiert den Raum – Sinnbild für Sentas Sehnsucht nach der anderen Welt. Dieses Gemälde öffnet sich immer wieder und gibt den Blick frei auf Sentas „Innenwelt“, wenn man so will. Der eigentliche Clou der Inszenierung, dass nämlich der Holländer ausschließlich in Sentas Fantasie existiert, lässt sich über diese Setzung im Bühnenbild sehr gut erzählen.
Und welche Rolle bleibt für Eric? Ist er der wahre Verlierer der Geschichte?
Eric ist eigentlich die greifbarste Figur in der Oper, der einzig „normale“ Mensch. Er verzweifelt an Sentas Wahnsinn und Todessehnsucht. Seinen Wunsch nach Liebe, Heirat und Zugehörigkeit scheitert an Sentas psychischer Verfassung.
Wem soll man Treue schwören: seinem Herzen oder den Vorstellungen der Umwelt?
Seinem Herzen natürlich! Immer!
Sie inszenieren ein großes, verzweifeltes Champagnerglas- Showdown. Warum?
Senta wird in unserem Narrativ zwangsverheiratet, mit einem älteren Geschäftspartner ihres Vaters. Die Hochzeit wird zum Spießrutenlauf und zur seelischen Folter für sie. In ihrem Kopf wünscht sie sich den Holländer und seine geisterhafte Mannschaft herbei, um Rache an ihren Peinigern zu üben. Alles geschieht – aber nur in ihrer Fantasie. In der echten Welt suizidiert sie sich und darf sich im Tod endlich mit dem Holländer vereinigen. Nicht gerade ein Happy End.
In Berlin hat jemand in den Schlussapplaus gerufen: „Der Wagner hätte sich im Grabe umgedreht.“ a) Geht das überhaupt?
Ach, dieses „Im-Grabe-Umdrehen“ ist ja so ein Ausdruck von orthodoxen Leuten, die die Kunst nicht verstanden haben. Kunst ist ja lebendig und befindet sich in einer ständigen Metamorphose, lebt von Überschreibung und Übermalung, nichts ist in Stein gemeißelt.
Die Inszenierung erzählt von Sentas Obsession für den Holländer.
Philipp Stölzl
Philipp Stölzl
b) Und: Ist das nicht eine Adelung?
Für mich nicht. Ich bin jemand, der versucht, das Publikum möglichst breit abzuholen. Aber dass es manchen Leuten halt nicht gefällt, damit muss man leben.
c) Was hat den Menschen so erregt?
Es gibt eben Menschen, die am liebsten nur historische Aufführungspraxis sehen wollen, für die ist jede Interpretation ein Graus. Für die muss es auch Inszenierungen geben, finde ich. Aber eben nicht nur.
Widersprechen Sie mir (Sie dürfen), wenn ich behaupte, dass diese Inszenierung vermutlich noch viele Jahre an Opernhäusern laufen wird – weil sie in Wirklichkeit für Wagner-Fans und Wagner- Neulinge gemacht ist. War das Ihre Grundintention?
Ich mache die Opern immer so, wie sie mir selber schlüssig und sinnlich erscheinen. Bei diesem „Holländer“ scheint dabei etwas rausgekommen zu sein, was das Publikum über lange Zeit fasziniert und begeistert. Ich freu mich das sehr darüber – ein seltenes Gut auf der Bühne, wo normalerweise alles sehr vorübergehend ist.
Was drehen Sie gerade in Köln?
Ich verfilme den Roman „Frankie“ von Jochen Gutsch, da geht es um die Freundschaft zwischen einem trauerdepressiven Mann und einem sprechenden Kater. Das wird eine Tragikomödie mit surrealem Einschlag, zur Abwechslung mal ein Kammerspiel.
Warum inszenieren Sie Oper? Ich nehme an, es ist viel, viel schlechter bezahlt als Film – also ein viel undankbarerer Job. Ein Irrtum?
Ich habe mit 19 am Theater angefangen, die Bühne begleitet mich als zentraler Ort durchs Leben, ich kann mir das gar nicht anders vorstellen. Der ständige Wechsel zwischen Filmset und Probebühne ist ein Privileg, über das ich jeden Tag glücklich bin. Ob dann das eine oder andere Projekt mehr oder weniger gut bezahlt wird, spielt dabei überhaupt keine Rolle.