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Regisseurin Ruth Brauer-Kvam, Komponist Kyrre Kvam und ihr Hund Gizmo im Türkenschanzpark.

Regisseurin Ruth Brauer-Kvam, Komponist Kyrre Kvam und ihr Hund Gizmo im Türkenschanzpark.
Foto: Marcel Urlaub

Ronja und Birk

Volksoper

Astrid Lindgren Superstar. Zum Saisonstart präsentiert die Volksoper die musiktheatralische Uraufführung „Ronja Räubertochter“. Ruth Brauer-Kvam inszeniert das Abenteuer, für das ihr Mann Kyrre Kvam die Musik schrieb. Geheimnisvoll, nordisch, mitreißend.

Die Frau trägt lässige gelbe Pantoffeln zur knallroten Sarouelhose, der Mann mit dem verwuschelten Hipster-Look wirft einen Ball über die saftig-grüne Wiese, den der aufgeregte kleine weiße Hund enthusiastisch apportiert. Was aussieht wie ein sonntägliches Familienidyll, ist in Wahrheit der berufliche Termin zweier ziemlich gut beschäftigter Künstler. Für Regisseurin und Schauspielerin Ruth Brauer-Kvam und Komponist und Musiker Kyrre Kvam stehen anlässlich ihrer neuesten Produktion Fotos und ein Interview auf dem Programm. Der Türkenschanzpark bildet dafür lediglich die harmonische Kulisse, was Gizmo, so heißt der entzückende Hund, vortrefflich für sein Privatvergnügen zu nutzen weiß. Astrid Lindgren goes Musiktheater, so die Devise. Genauer gesagt „Ronja Räubertochter“, der letzte Roman, den die schwedische Bestsellerautorin zu Papier brachte. Die aktuelle Umsetzung ist ein Auftragswerk der Volksoper – ein Stück, das locker die ganze Familie vor den Vorhang holen dürfte, sind die Identifikationsfiguren und Konsensthemen darin doch ebenso vielfältig wie fantasiereich.

Der Inhalt im Schnelldurchlauf: In einer wilden Gewitternacht kommt Ronja als Tochter des Räuberhauptmanns Mattis und seiner Frau Lovis zur Welt. Unglücklicherweise spaltet bei diesem Unwetter ein Blitz auch die Mattisburg – das bis dahin sichere Bollwerk der Bande – in zwei Teile. In die andere Hälfte, jenseits des tiefen Höllenschlunds, zieht ausgerechnet der verfeindete Borka samt Familie und räuberischer Sippe ein.

Maximilian Klakow gehört im Stück zur Borkabande.
Sein Volksoperndebüt gab er 2016 in „Axel an der Himmelstür“.
ZUSATZFOTOS: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Maximilian Klakow gehört im Stück zur Borkabande. Sein Volksoperndebüt gab er 2016 in „Axel an der Himmelstür“.

Doch Ronja und Borkas Sohn Birk denken Jahre später gar nicht daran, die Fehde ihrer Väter fortzuführen. Sie schließen zum Unmut der Altvorderen Freundschaft miteinander und finden, als der elterliche Konflikt eskaliert, Unterschlupf in einer Bärenhöhle. Tief im Wald beginnt für beide nun ein Sommer der Freiheit, umgeben von geheimnisvollen Graugnomen, gefährlichen Wilddruden und seltsamen Rumpelwichten.

Es ist wohl kein Spoiler, zu verraten, dass Ronjas und Birks Konfliktmanagement am Ende tatsächlich für Frieden sorgt. Stephan Lack dramatisierte den weltbekannten Stoff, Kyrre Kvam komponierte die Musik, Keren Kagarlitsky übernahm die Orchestrierung, und Ruth Brauer-Kvam wird inszenieren.

Es geht um Versöhnung – und diesen Gedanken brauchen wir im Moment mehr denn je. – Ruth Brauer-Kvam
Foto: Marcel Urlaub
Es geht um Versöhnung – und diesen Gedanken brauchen wir im Moment mehr denn je. – Ruth Brauer-Kvam

NORWEGISCHER DISNEY-SOUND

„Schon als kleiner Junge habe ich ,Ronja Räubertochter‘ geliebt und später auch unseren Töchtern vorgelesen. Zuerst war es also ,mein‘ Buch, dann wurde es zu unserem“, erzählt Kyrre Kvam. „Ich habe es erst durch Kyrre kennengelernt. Und obwohl ich die Schauspielerin in der Familie bin, wollten die Mädels immer, dass er ihnen vorliest. Wahrscheinlich habe ich zu viel gestaltet“, ergänzt Ruth Brauer-Kvam amüsiert.

„Mir geht es, glaube ich, wie so vielen: Ich habe das Gefühl, dass das meine Geschichte ist. Sie liegt mir nah und hat mich wirklich geprägt. Ich habe mich als Kind mit Ronja identifiziert, dass sie ein Mädchen ist, war mir völlig egal“, erinnert sich Kyrre Kvam an Zeiten, als Gender nicht so wichtig war. Zumindest nicht in den Geschichten von Astrid Lindgren. Für ihn gab es also keine Sekunde des Zögerns, als er das Angebot bekam, das Stück zu komponieren. „Ich glaube, ich wurde auch gefragt, weil ich Skandinavier bin. Ein Schwede war keiner vorhanden, also ist es der Norweger geworden“, lacht er.

 

Das Ensemble bei der Anprobe: Die Kostüme entwarf Alfred Mayerhofer.
ZUSATZFOTOS: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Das Ensemble bei der Anprobe: Die Kostüme entwarf Alfred Mayerhofer.

Wie ist er musikalisch an das Werk herangegangen? „Erst dachte ich, dass ich sehr in die Tiefe gehen müsste, und habe angefangen, ursprüngliche norwegische Musik zu hören. Edvard Grieg hat sich zum Beispiel auch von norwegischer Volksmusik für seine klassischen Kompositionen inspirieren lassen. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich nur mein Radar einschalten muss, denn ich bin in der Kirche aufgewachsen. Und in der Kirchenmusik ist das harmonische Erbe schon enthalten, weil die norwegischen Christen Elemente der Volksmusik aufgegriffen und mit neuen christlichen Texten versehen haben. All das war also bereits in mir.“

Das Ziel sei jedenfalls eine nordische Klangästhetik gewesen. „Es ist alter norwegischer Disney-Sound“, findet Ruth Brauer-Kvam eine nachvollziehbare Analogie, „Kyrres Musik ist so schnörkellos und pur wie die Figur der Ronja selbst es auch ist. Keren Kagarlitsky hat seine Kompositionen für das große Orchester ausnehmend schön arrangiert. Das Ganze klingt nach alten Orchestermelodien, die auf einer ganz unprätentiösen klaren Struktur basieren.“

DIE REGISSEURIN Ruth BRAUER-KVAM

ist als Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin ein echtes Theater-Multitalent. Sie arbeitet(e) mit Regiegrößen wie Barrie Kosky und Herbert Fritsch eng zusammen, wurde für ihre Rolle des Conférenciers im Musical „Cabaret“ mit dem Österreichischer Musiktheaterpreis ausgezeichnet und inszeniert Schauspiel, Oper, Operette und Musical.

ANALOGE ABENTEUER

Und was hat die Regisseurin an dieser Arbeit interessiert? „Ich empfinde es als meine Pflicht, so oft wie möglich gutes Theater für Kinder oder junge Menschen zu machen.,Ronja Räubertochter‘ ist vor allem eine Geschichte über Versöhnung – und diesen Gedanken brauchen wir im Moment mehr denn je. Aber es geht auch um eine Vater-Tochter-Beziehung, um Seelenverwandtschaft, das Erwachsenwerden, die Natur. Astrid Lindgren war geprägt von H.D. Thoreaus Roman ,Walden‘, der davon handelt, mit wenigen Mitteln im Wald zu leben. Sie hat sich für artgerechte Nutztierhaltung eingesetzt. Eigentlich hat sie mit ,Ronja Räubertochter‘ ein Volksmärchen geschrieben.“

Kyrre Kvam erinnert sich an eine Kindheit, in der es ganz normal war, nur mit einem Messer ausgerüstet in die Natur zu gehen und stundenlang an einem Stück Holz zu schnitzen. „Mobiltelefone gab es zum Glück noch nicht. Vielleicht schaffen wir es damit, bei den Kids auch eine Sehnsucht zu wecken.“

Hannah Severin verkörpert die Titelrolle. An der Volksoper war sie schon in „Spring Awakening“ zu sehen.
ZUSATZFOTOS: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Hannah Severin verkörpert die Titelrolle. An der Volksoper war sie schon in „Spring Awakening“ zu sehen.

Erstmalig in der Geschichte der Volksoper teilen sich zwei Produktionen – „Die Zauberflöte“ und „Ronja Räubertochter“ – ein Bühnenbild. Das sei zwar eine Herausforderung, so Ruth Brauer-Kvam, aber auch sehr spannend. „Der Nachhaltigkeitsaspekt, was die Materialien, aber auch die menschlichen Ressourcen betrifft, steht dabei im Vordergrund. Wir haben allerdings neue Projektionen, die Monika Rovan von Hand gezeichnet hat und die uns in diese magische Räuberwelt katapultieren sollen. Alle Geräusche – wie Wind, Wasser, Feuer, Tierlaute – macht der Beatboxer und Soundmagier Georg Haselböck live auf der Bühne. Wir setzen Schattenlampen ein. Alles ist analog.“

Ich habe mich als Kind mit Ronja identifiziert.
Dass sie ein Mädchen
ist, war mir völlig egal.
- Kyrre Kvam
Foto: Marcel Urlaub
Ich habe mich als Kind mit Ronja identifiziert. Dass sie ein Mädchen ist, war mir völlig egal. - Kyrre Kvam

PROFESSIONELLE BEZIEHUNG

Das Ehepaar Brauer-Kvam arbeitet gern und oft zusammen. Vor allem im Rabenhof, wo bereits „Luziwuzi“, „Orpheus in der Unterwelt“ oder „Pension Schöller“ in Koproduktion entstanden. „Es ist ein permanenter Austausch, alles, was ich komponiere, spiele ich zuallererst ihr vor“, erzählt Kyrre Kvam. „Und ich habe ihn sehr gerne bei den Proben dabei“, erwidert Ruth Brauer-Kvam, „weil er ein sehr genaues Auge hat. Ich bin schnell von etwas begeistert. Er nicht. Wenn es ihm gefällt, weiß ich, dass ich auf einem guten Weg bin.“ Über die Arbeitsrituale ist man sich trotz der Routine offenbar nicht ganz einig. Zwischen „Wir reden bis kurz vor dem Einschlafen über Ideen“ (er) und „Ich halte mich an bestimmte Zeiten“ (sie) klafft doch ein gewisser Spielraum.

Eike Onyambu, seit 2022 am Grips-Theater Berlin engagiert, spielt Birk.
ZUSATZFOTOS: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Eike Onyambu, seit 2022 am Grips-Theater Berlin engagiert, spielt Birk.

Darüber, dass Hannah Severin die Idealbesetzung für die Hauptrolle der Ronja sei, war man indes sofort gleicher Meinung. „Das war ab dem Moment klar, als sie beim Casting zur Tür reinkam“, erinnert sich Kyrre Kvam. „Sie hat eine unglaubliche Kraft und ist dabei doch ganz zerbrechlich“, findet Ruth Brauer-Kvam. „Da ist kein Funken Eitelkeit, nichts, nur Hingabe. Für mich ist sie ein Ausnahmetalent.“

In welchen Figuren von „Ronja Räubertochter“ können sich die beiden heute wiederfinden? „Wenn ich jetzt in den Proben sitze, sehe ich auch vieles von Birk in mir“, hat Kyrre Kvam seit seiner Kindheit auch eine Identifikationsentwicklung durchgemacht.

DER KOMPONIST Kyrre Kvam

war Musicaldarsteller, ehe er sein künstlerisches Wirken immer mehr in Richtung Theater- und Filmmusik verlagerte. Er komponierte u. a. die Musik für die Serien „Braunschlag“, „Kafka“ oder „Ich und die Anderen“ und realisierte klanglich viele Theaterstücke, oft in Kooperation mit Nikolaus Habjan, wie etwa bei „Die Blendung“ – ab 2027 auch am Theater in der Josefstadt.

„Ich halte Lovis, Ronjas Mutter, für eine tolle Frau. Sie ist eigentlich die Chefin des Clans, eine Art Urmutter, von der ihre Tochter einmal sagt, dass sie einfach alles wisse. Sie sieht Glatzen-Per (den ältesten Räuber in der Mattis-Bande, Anm.) nur an und weiß, dass er sterben wird. Genauso spürt sie, wann Ronja Hunger hat, und bringt ihr Brot in den Wald. Dieses Urvertrauen, das Frauen in sich tragen, verkörpert für mich Lovis.“ In diesem Zusammenhang fände sie es sehr schade, dass Frauen in unserer Gesellschaft nicht mehr alt werden dürften. „Ständig wird einem suggeriert, man müsse den Frühling festhalten, dabei kann man im Alter auch eine ganz andere Qualität im Leben finden.“

Abschließend noch eine Information für alle Fans von Juergen Maurer, der Ronjas Vater Mattis spielen wird: Ja, er wird auch singen!

Hier geht es zu den Spielterminen von „Ronja Räubertochter“ in der Volksoper!

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 07/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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