Nina Blum: Ich nehme mir alle Freiheiten
Spannend, märchenhaft, interaktiv. Regisseurin Nina Blum bringt mit der Wanderoper „Geheimmission Zauberflöte“ Mozart auf den Punkt. Faszinierend für Kinder. Eine Wohltat für Erwachsene.
Tollere Kostüme. Aufregendere Bühnenbilder. Spannendere Geschichten. Wenn Nina Blum Kindertheater macht, ist ihre Mindestanforderung der Komparativ. Die Regisseurin gibt sich nicht mit herkömmlichen Standards zufrieden, sondern zieht alle Register, um ihrem jungen Publikum bestmögliche Qualität bieten zu können. „Viele wollen ausschließlich für Erwachsene arbeiten und sind an Kindertheater gar nicht interessiert, weil sie das als Zweite-Klasse-Kunst sehen. Bei mir ist das ganz anders. Mein Team und ich nehmen Kinder sehr ernst, weshalb ich vor 20 Jahren auch damit begonnen habe, für diese Zielgruppe Theater zu machen. Inzwischen bin ich in der Kulturszene so etwas wie die Jeanne d’Arc für Kinder geworden, weil mir diese Arbeit wirklich ein Herzensanliegen ist.“
2006 gründete sie den „Märchensommer“ in Poysbrunn, den es mit ihr als Intendantin seit zwölf Jahren auch in Graz gibt. Der Erfolg liege darin, innovative Märchen mit eigens komponierter Musik aufzuführen. Heuer stand das Stück „Aschenputtel – neu getanzt“ auf dem Programm, bei dem der Ball lediglich als Ausgangspunkt für ein selbstbestimmtes Leben diente. „Ich will meiner neunjährigen Tochter sicher nicht erzählen, dass die wahre Erfüllung für sie darin besteht, einen Prinzen zu heiraten“, meint Nina Blum, „sondern die Botschaft lautet, dass es selbst dann, wenn man sich in einer unbefriedigenden Lebenssituation befindet, lohnend sein kann, groß zu träumen und alles daran zu setzen, diese widrigen Umstände hinter sich zu lassen.“
Einen großen Teil des Erfolgs mache aus, dass die Zuschauer*innen eingebunden seien. „Sie bleiben nicht am selben Platz sitzen, sondern wandern mit dem Ensemble mit. Das ist eine spezielle Erzählform, bei der die Darsteller*innen mit dem Publikum interagieren. An manchen Stellen teilen sich die Wege sogar, sodass sich auch der jeweilige Blickwinkel ändert.“ Als Bogdan Roščić sie vor Jahren gefragt habe, ob sie sich ihr Konzept auch für die Wiener Staatsoper vorstellen könne, habe sie aus Überzeugung sofort Ja gesagt.
ARIEN MIT AKKORDEONBEGLEITUNG
2021 inszenierte Nina Blum an der Wiener Staatsoper höchst erfolgreich „Die Entführung ins Zauberreich“, frei nach Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. 2023 folgte „ Das verfluchte Geisterschiff“, frei nach Richard Wagners „Der fliegende Holländer“. Heuer im Oktober wird sie die „Geheimmission Zauberflöte“, frei nach Mozarts „Die Zauberflöte“, starten und dabei wie gewohnt das halbe Haus künstlerisch in Beschlag nehmen. „Beim ,Geisterschiff‘ haben viele gesagt: Was, Wagner für Kinder? Bei der ,Zauberflöte‘ höre ich hingegen: Ja, das passt super. Dabei ist es, finde ich, umgekehrt, denn ,Der fliegende Holländer‘ ist als Geschichte relativ einfach zu erzählen. ,Die Zauberflöte‘ aber ist sehr seltsam, ich stelle mir vor, dass Mozart und Schikaneder sich diesen Plot schon leicht angeheitert ausgedacht haben.“
Ich bin keine autoritäre Regisseurin, sondern sehe eine Inszenierung als gemeinsame Entwicklungsreise.
Nina Blum
Nina Blum
Nichts sei stringent. Selbst die titelgebende Zauberflöte werde über weite Strecken sträflich vernachlässigt. „Margit Mezgolich, die das Buch geschrieben hat, und ich wollten die ganze Geschichte mit mehr Bedeutung aufladen“, erzählt Nina Blum, „bei uns ist die Kraft der Gemeinschaft wichtiger als ein höheres Machtinstrument, um Spannungen zu lösen. Im Original ist auch der ursprüngliche Konflikt zwischen Sarastro und der Königin der Nacht unklar. Bei uns geht es dabei vereinfacht um Sonne und Mond, Tag und Nacht. Sarastro hat der Königin den Mondstein gestohlen, seitdem funkeln ihre Sterne nicht mehr und sie ist verdammt, in ewiger Finsternis zu leben.“
Pamina stamme also auch aus beiden Welten, der hellen und der dunklen, und es sei ihr Bestreben, diese beiden Pole auch wieder miteinander zu vereinen. Das sei ihr Herzenswunsch, der sich in einer der Prüfungen, deren tieferer Sinn sich bei Mozart auch nicht wirklich erschließe, manifestiere.
Nina Blum lässt die Arie zwischen Papageno und Pamina, die seltsamerweise eine Art Liebeslied ist, in ihrer Version vom tatsächlichen Liebespaar, also Tamino und Pamina, singen. Das Ganze dauert nicht drei Stunden, sondern 80 Minuten. Gerald Resch hat die Musik für ein 15-köpfiges Orchester, das ebenfalls quer durch die Staatsoper wandern wird, arrangiert und einen eigenen Song beigesteuert. Papageno und Papagena werden von Daniel Ogris und Patrizia Leitsoni – beide bekannt aus dem Genre Musical – dargestellt.
„Auch das ist etwas Besonderes und die Arien des Papageno werden zum Beispiel nur von einem Akkordeon begleitet“, erklärt Nina Blum. „Damit knüpfen wir an eine alte Tradition an, denn Schikaneder war auch kein Opernstar, sondern ein Vorstadtsänger. Außerdem sind es Musicalsänger*innen eher gewohnt, zu improvisieren und mit dem Publikum zu interagieren.“ Beides wichtige Impulse bei der Wanderoper. „Ich nehme mir alle Freiheiten“, resümiert Nina Blum zu Recht selbstbewusst. Kinder würden es lieben, ein Teil der Heldenreise zu sein. Und auch von Erwachsenen höre sie immer wieder, dass ihnen die Wanderoper deutlich mehr Spaß mache als so manche konventionelle Aufführung. Mögen Kinder Opern generell? „Nicht unbedingt. Aber sie lieben Geschichten. Und wir wollen ihnen die ,Zauberflöte‘ nachvollziehbar und in sich schlüssig erzählen. Die Musik selbst ist ohnehin großartig und entfaltet ihre ganz eigene Magie.“
Auch den Einwand, dass möglicherweise nur der bildungsbürgerliche Nachwuchs in den Operngenuss käme, kann Nina Blum entkräften. „Drei Viertel aller Vorstellungen sind für Schulklassen reserviert. Der Status der Eltern spielt überhaupt keine Rolle.“
ENTSPANNTE TEAMPLAYERIN
Neben dem „Märchensommer“ in Poysbrunn und Graz leitet Nina Blum auch die „Sommernachtskomödie“ auf der Rosenburg, die sich ausnahmsweise an ein erwachsenes Publikum richtet. Zudem ist sie als freie Regisseurin – wie eben aktuell für die Wiener Staatsoper – tätig. Wie lassen sich all diese Aktivitäten unter einen Hut bringen? „Mit einem guten Team geht sich alles aus. Ich habe zwar viel Energie, aber ich mache das ja nicht alleine, sondern mit Menschen, die genauso begeistert bei der Sache sind wie ich. Ich bin kein Kontrollfreak, sondern habe Vertrauen. Und ich habe einen Mann, der partnerschaftlich gemeinsam mit mir unsere Tochter erzieht.“
Als Schauspielerin arbeitet sie seit 2021 überhaupt nicht mehr. „Meine Lust am Inszenieren war letztendlich größer, ich habe gespürt, dass ich nicht mehr selber auftreten muss. Das war auch eine gute Entscheidung, denn bis heute fehlt mir die Bühne nicht. Ganz im Gegenteil. Ich arbeite auch nach wie vor in meinem Ursprungsberuf als Psychologin, mache Leadership-Programme und Teamentwicklung. Auch dabei ist der Gemeinschaftsprozess sehr wichtig. Ich bin keine autoritäre Regisseurin, sondern sehe eine Inszenierung als gemeinsame Entwicklungsreise. Mir ist es wichtig, die Potenziale aller Beteiligten auszuschöpfen.“
Man hat den Eindruck, dass Nina Blum nie auf Engagements gewartet, sondern sich Projekte vielmehr aktiv gesucht und entwickelt hat. Woher rührt diese Eigenständigkeit? „Das hat viel mit mir als Mensch zu tun. Meine höchsten Anker sind Unabhängigkeit und Freiheit. Das ist auch der Grund, warum ich früh gemerkt habe, dass Schauspielerin allein nichts für mich ist. Also habe ich mein erstes Festival gegründet, eigene Kabarettprogramme gemacht, Regie geführt. Ich habe eine große Schaffenslust und sicher auch ein Gründer-Gen in mir. Ich brauche und liebe das Neue. Meine Stärke sind meine Ideen, gepaart mit einer hohen Begeisterungsfähigkeit und Umsetzungskraft.“
Würde sie auch anderen Schauspielerinnen, die oft zu Recht über zu wenig gute Rollen klagen, raten, selber aktiv zu werden und sich auch die Autorin, die Regisseurin, die Intendantin zuzutrauen?
„Ich glaube nicht, dass alle dazu geboren sind. Manche sind geniale Schauspielerinnen und einfach prädestiniert dafür, auf einer Bühne zu stehen. Da ist das passend und stimmig. Viele haben auch gar kein Interesse an der Regie. Ich habe aber schon die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen, im Unterschied zu Männern, oft erst spät für befähigt erachten, gewisse Dinge in Angriff zu nehmen, obwohl etwas schon lange in ihnen schlummert. Es ist aber wichtig, einem inneren Ruf auch Raum zu geben und zu schauen, ob es Möglichkeiten gibt, Projekte zu verwirklichen.“
Sie selber sei von ihrer Persönlichkeit her schon so gestrickt, dass sie Veränderung als etwas Positives begreife. „Manche brauchen eher Kontinuität. Das ist weder schlechter noch besser, sondern lediglich anders.“
Welche Oper würde sich künftig noch für eine Wanderung eignen? Nina Blum lacht. „Ich versuche Bogdan Roščić schon seit Längerem davon zu überzeugen, ,Carmen‘ für Kinder zu inszenieren. Ich habe da eine konkrete Idee im Kopf, wie diese Oper auch für Kids funktionieren könnte.“ Vielleicht ihr viertes Staatsopernprojekt? Eigentlich bestehen daran nach diesem Gespräch kaum Zweifel.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Geheimmission Zauberflöte" in der Wiener Staatsoper!