Genie und Wahnsinn
Als Tänzer und Choreograf ein Popstar. Exotisch. Exzentrisch. Erotisch. Später schizophren und in der Psychiatrie verschollen. Mit seinem Ballett „Nijinsky“ setzte John Neumeier der Legende Vaslav Nijinsky ein symbolstarkes Denkmal.
Bilder, Fotos, Statuen, Karikaturen, Briefe, Ballettschuhe, Memorabilia: John Neumeier beherbergt in seinem privaten Refugium eine Art Museum, dessen Sammlung Vaslav Nijinsky gewidmet ist und die sich trotz ihres beträchtlichen Umfangs stetig vergrößert. Eines der wohl kuriosesten Objekte ist zugleich auch eines der bezeichnendsten: Eine kleine Nippesfigur, die den russischen Tänzer und Choreografen von Weltruf in der Rolle des Faun zeigt und Anfang des vergangenen Jahrhunderts in den USA bei Woolworth verkauft wurde. Hergestellt in großer Menge und billig angeboten, zeugt sie von der unglaublichen Popularität des Künstlers.
1889 in Kiew als Sohn balletttanzender Eltern geboren, brachte es Vaslav Nijinsky ob seiner Wandlungsfähigkeit, seiner Virtuosität, seiner Grazie und seiner enormen Sprungtechnik selbst rasch zu großer Bekanntheit. Als er 1908 den Impresario Sergei Djagilew kennen- und lieben lernte, dessen Ballets Russes den Tanz unter Einbeziehung zeitgenössischer Komponisten, Kostüm- und Bühnenbildner zu einer neuen avantgardistischen Kunstform erhoben, avancierte er zum internationalen Star. Besonders das Pariser und Londoner Publikum konnte sich gar nicht sattsehen an den „orientalisch“ inspirierten Gesamtkunstwerken – und an Nijinsky, dessen subtile Erotik sein Können unterstützte. Seine Rollen in den von Michel Fokine choreografierten Balletten „Scheherazade“, „Le Spectre de la Rose“ „Pétrouchka“ und „Le Dieu bleu“ waren stilbildend. Seine eigenen Kreationen wie „L’Après-midi d’un faune“, „Jeux“, „Le sacre du printemps“ oder „Till Eulenspiegel“ gelten nicht nur John Neumeier als Geburtsstunden des modernen Balletts.
1913 heiratete Vaslav Nijinsky überraschend die ungarische Aristokratin Romola de Pulszky, was zum Bruch mit seinem Mentor und Liebhaber Djagilew führte. Schon bald darauf litt er unter Wahnvorstellungen, ehe man bei ihm Schizophrenie diagnostizierte. Damit war seine Karriere vorbei. Er verbrachte den Großteil seines restlichen Lebens in psychiatrischen Kliniken und Pflegeheimen. Aus dieser Zeit stammen vordringlich auch seine Arbeiten als bildender Künstler, die sich heute größtenteils ebenfalls im Besitz von John Neumeier befinden. Erst in seinen letzten fünf Lebensjahren gelang es Nijinsky, wieder mit der Außenwelt in Kontakt zu treten – ehe er 1950 in London starb.
MAGIE AUS DER DISTANZ
John Neumeier gehörte als Tänzer unter anderem dem Stuttgarter Ballett von John Cranko an und leitete insgesamt 51 Jahre lang das Hamburg Ballett, das er zu einer der führenden Compagnien weltweit formte. Auch die angeschlossene Ballettschule avancierte in dieser Zeit zur international anerkannten Ausbildungsstätte. Er choreografierte mehr als 180 Stücke und begründete 2006 die Stiftung John Neumeier mit dem Ziel, sein Lebenswerk sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen.
Was fasziniert ihn so sehr an Nijinsky, dass er 2000 ein gleichnamiges Ballett kreierte, das 26 Jahre später nun auch an der Wiener Staatsoper gezeigt wird? „Die Antwort darauf würde das gesamte Magazin füllen“, meint der Choreograf lächelnd und gelobt eine Kurzfassung. „Ich bin in einer mittelgroßen Stadt in Milwaukee groß geworden. Ballett fand nur einmal im Jahr statt, wenn ein Tournee-Ensemble bei uns Station gemacht hat. Für mich war Tanz etwas Magisches, das ich schon deshalb nur aus der Distanz kannte, weil ich meist im letzten Rang saß. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, habe ich durch Zufall das Buch ,The Tragedy of Nijinsky‘, geschrieben von dessen ehemaligem Klassenkameraden Anatole Bourman, in die Hände bekommen. Durch diese Lektüre wurden Tänzer für mich überhaupt erst zu Menschen, die Freunde und Familien hatten, Glanz und Ruhm, aber auch Schmerz und Leid erfuhren. Das war der Beginn meiner Leidenschaft. Als ich älter wurde, faszinierten mich auch die Exotik und der Glamour jener Zeit, in der die Djagilew-Company das Ballett durch die Arbeit mit bildenden Künstlern und großen Musikern zur völlig neuen Kunstform erhoben hat. Vaslav Nijinsky war als Tänzer der erste Superstar des 20. Jahrhunderts. Er ist in meinen Augen auch der Begründer der modernen Choreografie, die für ihn – anders als bei Fokine, der öfters Improvisationen erlaubt hat – eine genau festgelegte Kunstform war. Nijinsky hat jede Bewegung zu jeder musikalischen Sekunde exakt geplant. Und irgendwann habe ich ihn auch als bildenden Künstler für mich entdeckt. Seine Werke sind für mich nicht die Arbeiten eines psychisch Kranken, sondern die eines wahrhaftigen Künstlers, der sich formal zum Beispiel mit Sonia Delaunay-Terk messen kann.“
KEINE SEIFENOPER
Eigentlich wollte John Neumeier nie ein Ballett über Vaslav Nijinsky machen. „Im Jahr 2000, zu seinem 50. Todestag, bat mich Erik Näslund, der damalige Direktor des Tanzmuseums in Stockholm, Objekte aus meiner umfangreichen Sammlung für eine große Ausstellung auszuleihen. Ich habe zwar zugestimmt, mir ist aber auch schnell klar geworden, dass ich das, was ich über Nijinsky zu sagen habe, in meiner Sprache, der des Tanzes, formulieren müsste. Es ging mir nicht um eine Dokumentation seines Lebens, ich wollte auch nicht die Eifersuchtsgeschichte zwischen Djagilew und Nijinskys Frau Romola nacherzählen oder seine großen tänzerischen Erfolge rekonstruieren. Was ich aber reizvoll fand, war eine subjektive impressionistische Darstellung seiner emotionalen Landschaft.“
Tänzer symbolisieren einzelne Teile der Persönlichkeit von Nijinsky, vergangene Rollen vermischen sich mit realen Charakteren seines Lebens, albtraumhaften Visionen des Ersten Weltkriegs stehen verworrenen Erinnerungen an die vermutete Untreue seiner Ehefrau gegenüber. In Nijinskys Augen ist es die Welt um ihn, die langsam psychotisch wird, nicht er.
studierte Tanz an der Royal Ballet School in London und wurde von John Cranko an das Stuttgarter Ballett engagiert, wo er auch seine ersten Choreografien schuf. 51 Jahre lang leitete er das Hamburg Ballett, an dem er auch die renommierte Ballettschule installierte. Zu seinen erfolgreichsten Choreografienzählen „Romeo und Julia“, „Die Kameliendame“, „Medea“, „Odyssee“, „Messias“, „Illusionen – wie Schwanensee“, „Matthäus-Passion“ und „Nijinsky“.
John Neumeier kreierte zur Musik von Frédéric Chopin, Dmitri Schostakowitsch, Robert Schumann und Nikolai Rimski-Korsakow eine Biografie von Nijinskys Seele. Wie alle seine Arbeiten, verändert sich auch diese ständig. „Das, was das Publikum in Wien zu sehen bekommen wird, ist nicht genau das, was die Zuschauer vor drei Monaten in Barcelona, wo das Hamburg Ballett mit ,Nijinsky‘ gastierte, gesehen haben.“ Wien und der Staatsoper ist der Choreograf seit Langem eng verbunden. Zuletzt erarbeitete er 2024 sein Handlungsballett „Die Kameliendame“ gemeinsam mit dem Wiener Staatsballett.
Dessen Direktorin Alessandra Ferri tanzte in „Nijinsky“ einst Romola, 2016 schuf John Neumeier für sie eigens das Ballett „Duse“. „Die Compagnie unter der Leitung von Alessandra agiert ganz in meinem Sinne. Das heißt, dass man eine Arbeit nicht nur an der äußerlichen technischen Abfolge einer Choreografie misst, sondern auch an die Innenwelt des Werks denkt. Erst aus dem Wissen, warum ein bestimmter Schritt gemacht wird, entsteht Hingabe.“
ÜBERVOLLER TERMINKALENDER
In seiner Wahlheimat Hamburg kämpft John Neumeier gerade mit den Mühlen der Bürokratie, die es ihm schwer macht, seine über viele Jahre zusammengetragene Sammlung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Die Stadt hat vor vier Jahren eine Villa gekauft, die man meiner Stiftung vermieten will. Seitdem ist aber nur über Organisatorisches gesprochen worden, gemacht wurde nichts. Nachdem schon so viel Zeit vergangen ist, weiß heute niemand, ob das für die Renovierung vorgesehene Geld ausreichen wird. Es ist ein Albtraum. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Viel mehr freue ihn, dass beim Hamburg Ballett nach dem konfliktreichen Abgang seines unmittelbaren Nachfolgers Demis Volpi mit dem aktuellen interimistischen Leiter Lloyd Riggins wieder Ruhe eingekehrt sei.
Er war unglaublich erotisch in „Scheherazade“, sehr androgyn in „Le Spectre de la Rose“, total unschuldig als „Pétrouchka“ und ein wirklicher Danseur noble in „Les Sylphides“.
John Neumeier
John Neumeier
Weniger als eine Intendanz fehle ihm ein Probenraum für eigene Kreationen. Wobei er für neue Choreografien ohnehin keine Zeit habe, wie er zugibt. „Ich habe meinen Terminkalender ein bisschen zu voll gemacht. Das muss sich wieder ändern.“ Als Nächstes zeigt er mit dem Joffrey Ballet in Chicago seinen 2011 uraufgeführten „Liliom“. Für wie viele Jahre ist er eigentlich ausgebucht? „Drei“, antwortet John Neumeier. „Drei plus“, korrigiert er zögerlich. Und der Mann, das darf man voller Bewunderung schreiben, ist 87.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Nijinsky“ in der Wiener Staatsoper!