Stay Tuned: Verkörperte Poesie
Martin Salamon-Winter, ehemaliger Tänzer des Wiener Staatsballetts, holt „Stay Tuned“, eine Produktion von Sol León, Paul Lightfoot und dem dänischen Ensemble Kammerballetten, in die Wiener Stadthalle. Neun herausragende Tänzer*innen und vier Musiker*innen lassen einen Abend entstehen, der den Kern dessen, was Menschsein bedeutet, auf zarte und zugleich eindringliche Weise freilegt.
„Ich verstehe nicht, wie sie das machen“, antwortet Martin Salamon-Winter auf die Frage, wie die besondere Magie, die von „Stay Tuned“ ausgeht, zustande kommt. Wenn diese fast mythische Anziehungskraft selbst für den ehemaligen Tänzer des Wiener Staatsballetts unerklärlich ist, dann heißt das schon etwas. Achtzehn Jahre lang gehörte er der renommierten Tanzinstitution an, nun hat er sich einer anderen Aufgabe verschrieben. Und die lautet: Mit „M.ART.in productions“ internationale Ballettproduktionen nach Wien zu holen. Mit „Stay Tuned“ setzt er diesbezüglich direkt am obersten Ende an. Die Produktion, die am 4. und 5. Dezember in der Wiener Stadthalle (Halle F) – und damit erstmals außerhalb Dänemarks – zu sehen ist, wurde vom international gefeierten Duo Sol León und Paul Lightfoot entwickelt und in Kooperation mit Kammerballetten umgesetzt. Die beiden Künstler*innen, deren Kurzballett „Skew-Wiff “ 2011 in Wien zu sehen war, hatten zudem bis 2020 die Künstlerische Leitung des Nederlands Dans Theater (NDT) inne.
„Es ist schon lange mein Traum, ein Stück des NDT nach Wien zu bringen, aber irgendwie klappte es nie“, so der ehemalige Tänzer, der zudem eine Ballettakademie – die Summer Ballet Academy – leitet. „Es ist schon etwas länger her, da habe die Tänzerin Chloé Albaret gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, im Rahmen der Akademie zu unterrichten. Sie meinte, dass sie das gerne machen würde, aber gerade keine Zeit hat, weil sie ein neues Stück von Sol und Paul erarbeitet. So kam die Sache ins Rollen.“
In ihren Arbeiten verbinden sich Virtuosität und Freiheit, bringt Salamon-Winter die Herangehensweise des Duos auf den Punkt. „Sie arbeiten an jedem noch so kleinen Detail, trotzdem hat man als Tänzer*in nicht das Gefühl, in einem Käfig zu stecken.“
Er könne sich gut vorstellen, in der Zukunft noch mehr internationale Kompanien und Produktionen nach Wien zu bringen, fügt er hinzu. Die Frage, ob es nicht ungewöhnlich sei, eine Ballettproduktion in der Stadthalle zu zeigen, beantwortet er folgendermaßen: „Es sind die Tänzer*innen und die Musiker*innen, die den Raum erschaffen.“
Seine letzte Produktion als aktiver Tänzer und Ensemblemitglied des Staatsballetts sei im Übrigen „KaiserRequiem“, eine Arbeit des Choreografen und Regisseurs Andreas Heise, gewesen, erzählt er. „Ich hatte sehr viel Freiraum, die Rolle des Todes nach meiner eigenen Interpretation zu gestalten. Das war ein sehr schöner Prozess“, erzählt Salamon-Winter, der durch eine Erkrankung in seiner Kindheit zum Tanz fand. „Der Arzt meinte damals, dass ich durch das Tanzen eine Chance hätte, richtig atmen zu lernen. Es hat funktioniert.“
„Mit ihren Körpern lassen sie Poesie entstehen“
Anruf bei Alexander McKenzie, dem Künstlerischen Leiter von Kammerballetten in Kopenhagen. Auch er gerät ins Schwärmen, als wir ihn fragen, was sich das Publikum von „Stay Tuned“ erwarten kann. „Modernes Ballett auf allerhöchstem Niveau“, so die prägnante Antwort McKenzies, der jedoch sogleich zu einer umfangreicheren Ergänzung ansetzt: „Sol León und Paul Lightfoot schaffen es, Ballette zu kreieren, die ‚cutting-edge‘, aber gleichzeitig tief in der Balletttradition verankert sind. Sie sind abstrakt, allerdings gibt es auf einer darunter liegenden Ebene immer eine Form von Storytelling, die man mit dem Herz und dem Körper erfahren und erfassen kann. Man begreift plötzlich, dass es diese tiefe, emotionale Ebene gibt, die einen auf magische Weise hineinzieht, obwohl man keinen konkreten Handlungsbogen hat.“
Darüber hat „Stay Tuned“ jedoch eine klare Message, die folgendermaßen lautet: dedicated to non-violence in the world. Es sei deshalb auch ein sehr emotional aufgeladenes und hochaktuelles Stück, wie Alexander McKenzie betont. Das Zentrum des Stückes bilden jedoch die neun Tänzer*innen, die León und Lightfoot für die Inszenierung gewinnen konnten. „Mit ihren Körpern lassen sie Poesie entstehen“, hält er fest. „Auf diese Weise gelingt es ihnen, die tiefsten menschlichen Gefühle freizulegen – Angst, Trauer, Liebe. Allerdings in einer Form, die so präzise zwischen Abstraktion und Storytelling liegt, dass alle Menschen im Publikum daran anknüpfen können. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zuschauer*innen die beiden Vorstellungen mit dem tiefen Gefühl verlassen werden, dass das Leben und menschliche Beziehungen sehr, sehr kostbar sind.“
Bevor wir uns wieder verabschieden, möchte Alexander McKenzie noch darauf verweisen, dass auch die Musik eine zentrale Rolle spielt. Es werden unter anderem Werke von Max Richter, Vivaldi und Händel zu hören sein. „Gesamtkunstwerk“ sei ein Begriff, der bei den Arbeiten von Sol León und Paul Lightfoot zurecht immer wieder aufkäme, fügt er hinzu.
Ein Teil der Einnahmen aus dem Kartenverkauf wird an die St. Anna Kinderkrebsforschung gespendet.