PALE BLUE im WUK Wien: In 100 Artefakten von der Welt erzählen
Ausgehend von der „Voyager 1“ und der Frage, wie sich die Welt in 100 Artefakten darstellen lässt, inszeniert Choreograf Nikolaus Adler ab 27. Juni 2026 im Großen Saal des WUK seine neue Tanzproduktion PALE BLUE, die sich als choreografisches Experiment zwischen Ausstellung und Performance versteht. Wir haben den Choreografen und die Tänzerin Lea Karnutsch vor einer Probe getroffen.
Was würden wir über unsere WELT erzählen, wenn wir dafür nur 100 ARTEFAKTE auswählen dürften? Es ist eine große Frage, die in den Morgenstunden zum Zeitpunkt des Interviews in der Luft liegt. Doch der Probenraum am Rennweg scheint sich genauso wenig von der Tiefe der Frage beirren zu lassen wie Choreograf Nikolaus Adler und Tänzerin Lea Karnutsch. Das Große steckt im Detail oder in dem Fall: im Alltäglichen. Aber beginnen wir von vorne.
Getanzte Ausstellung
Ausgehend vom Start der Raumsonde „Voyager 1“ im Jahre 1977, mit der die „Golden Record“ mitgeschickt wurde, auf welcher ausgewählte Artefakte als Botschaft für außerirdisches Leben codiert wurden, beschäftigt sich PALE BLUE mit der bewegten Repräsentation unserer Welt.
„Die Idee dahinter ist, dass das Publikum sich darauf einlässt, diese Choreografien zu lesen. Dass alle durch ihre eigenen Interpretationen eine sehr individuelle Ausstellung bekommen, die auch von den eigenen Erfahrungen geprägt ist“, beginnt Nikolaus Adler mit dem Wunsch, wie das Publikum auf die Performance blicken soll.
Was kann man sich unter einer getanzten Ausstellung vorstellen? „Es ist sehr populär, in Ausstellungen eine Performance zu machen und das wollten wir mit Absicht nicht,“ betont der Choreograf. Das Publikum, das in einem rechten Winkel sitzt – „in Referenz dazu, dass alle einen anderen Blickwinkel haben“ – soll dabei von außen in den Ausstellungsraum blicken. „Es ist nicht so, dass die Zuschauer*innen in der Galerie sind, sondern mit einem entfernten Blick, fast wie Außerirdische, auf die Welt blicken“, bringt es Adler auf den Punkt.
Wer sind wir und was umgibt uns?
Der Name des choreografischen Experiments, PALE BLUE, bezieht sich dabei auf das bekannte Foto „Pale Blue Dot“, das 1990 von der Voyager 1 vom Planeten Erde geschossen wurde, und versteht sich gleichzeitig auch als Weiterführung der letzten inszenierten Choreografie von Nikolaus Adler. Diese Choreografie trug den Namen BRIGHT RED und beschäftigte sich mit der Frage „Was macht uns als Individuum aus?“. PALE BLUE widmet sich wiederum der Fragestellung, „Welchen Stellenwert hat die Begegnung mit Anderen für unser Selbstverständnis als Individuum?“.
„Meine Überlegung war, ein Stück zu machen, das sich mit der Frage beschäftigt, was uns umgibt – vor allem in Zeiten, die sich nach Umbruch anfühlen. ,Zeitenwende‘ ist ja auch gerade ein Begriff, der herumschwirrt.“ Durch das Benennen von alltäglichen und beliebigen Gegenständen soll sich das Publikum der Welt oder seiner Umwelt bewusstwerden – „und dadurch unweigerlich auch sich selbst“, so Adler.
100 Artefakte in 70 Minuten
Nikolaus Adler, der selbst von 1992 bis 2007 Tänzer am Wiener Staatsballett war und seit 1995 international als Choreograf tätig ist, überließ einen großen Teil der Gestaltung der Performance seinem Team. Die Tänzer*innen der Produktion wurden im Vorfeld von Adler gebeten, jeweils um die 20 Artefakte zu den Proben mitzubringen. „Wir haben auch viele Artefakte geteilt – es sind nicht nur solistische Choreografien, sondern auch viele Duos, Trios oder Gruppensequenzen“, so die Tänzerin Lea Karnutsch.
Die Bandbreite der Artefakte ist dabei eine große – von „Strand“ über „Wasser“, bis „Stille“ ist alles dabei. In der 70-minütigen Performance sollen die Tänzer*innen dabei als „lebende Archive“ dieser fungieren. „Da haben unsere Köpfe schon geraucht“, gibt Karnutsch zu. „100 Artefakte sind 100 Choreografien. Auch wenn nicht jede*r alles tanzt, ist es schon viel zu merken. Das war schon herausfordernd.“
„Es sind ja auch sehr persönliche Gegenstände, die die Tänzer*innen mitgebracht haben“, findet Adler. „Da fand ich es schon wichtig, den Artefakten einen gewissen Raum zu geben, sie zu konservieren und nicht drüberzufahren. Das Stück gewinnt dadurch.“
Ausgewählte Artefakte
Gesammelt wurden die Artefakte von den fünf Tänzer*innen – Lea Karnutsch, Eva-Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidovič Bintchende, Xianghui Zeng – in einem Zeitraum von zwei bis drei Monaten.
„Ich war in der Zeit sehr viel in Deutschland und merke, dass viele meiner Artefakte eine Repräsentation dieser Zeit sind. Von mir gibt es zum Beispiel einige Artefakte aus dem Zug“, fügt Karnutsch lachend hinzu. „Ich habe versucht, nicht aktiv danach zu suchen, sondern die Dinge, die mich in dem Zeitabschnitt beschäftigt haben oder die ich neu kennengelernt habe, mitzunehmen.“ So hat es beispielsweise das Streicheln einer Ratte auch in die Inszenierung geschafft.
Wie wählt man als Team aus einer solch großen Auswahl die finalen Artefakte aus?
„Niki [Adler, Anm.] ist mit einem Katalog von Aufgabenstellungen auf uns zugekommen, wie wir die Artefakte am besten in Bewegung umsetzen können, wie zum Beispiel anhand des Geräuschs des Artefakts. Und so haben wir die Artefakte nach und nach ausgesucht“, fasst es Karnutsch zusammen. „Wir sind da sehr unterschiedlich auf die Artefakte zugegangen – von eher abstrakt bis hin zu fast pantomimisch, wo wir fast Scharade spielen,“ erinnert sich die Tänzerin.
Dabei waren nicht alle Artefakte leicht in die Choreografie zu integrieren – ein Beispiel hierfür wäre „Zwielicht“ gewesen. „Ich hatte viele Begriffe, die keine Gefühle oder Objekte waren und hatte somit sehr abstrakte Artefakte. Es war teilweise schwieriger, auf diese zuzugehen, weil man viel hinterfragen musste – aus welcher Situation kommt es? Wie habe ich mich da gefühlt? Welche Leute waren da beteiligt?“
Kein Kanon, sondern Alltag
„Das Publikum wird kurze bis lange choreografische Sequenzen sehen, bei denen man eingeladen wird, diese zu interpretieren. Bei Musik oder Mode hat jede*r eine Meinung, aber beim Tanz gibt es eine gewisse Hemmschwelle, Dinge zu interpretieren. Es wäre schön, wenn man bei der Inszenierung nicht sagt, ‚Wie müsste man das Stück interpretieren?‘, sondern ‚Wie interpretiere ich das?‘ “, findet Niklaus Adler klare Worte.
Für Adler ist es dennoch nicht das Ziel, einen Kanon der Welt zu schaffen. „Auf der Goldenen Schallplatte gibt es viel Musik und Bilder, und es ist natürlich ein sehr westlicher Blick auf die Welt.“ Sein Wunsch wäre es, dass das Publikum die verschiedenen Sequenzen je nach kultureller Erfahrung unterschiedlich interpretiert. „Ich habe die Tänzer*innen dabei gebeten, nicht Meilensteine der Welt zu nehmen, sondern eher zufällige Artefakte, die aber nicht beliebig sind. Ein bisschen random, aber nicht bedeutungslos“, fasst es der Choreograf lachend zusammen.
Mit welchem Gefühl das Publikum aus dem Raum gehen soll, fragen wir abschließend noch Lea Karnutsch. „Mit einem Staunen. Wie ein kleines Kind, das in einem abstrakten Bild alles lesen kann. Im besten Fall ergeben sich nach dem Stück spannende Gespräche, in denen wir selbst als Tänzer*innen staunen, was das Publikum alles reinlesen konnte.“
Man darf also gespannt sein, welche unterschiedliche Geschichten die 100 Artefakte ab dem 27. Juni im WUK enthüllen werden – und sich aufs Staunen freuen.