Vierteilige Symbiose
Ikonen des Tanzes und gegenwärtige choreografische Stimmen vereint: Das Wiener Staatsballett zeigt in seiner nächsten Premiere „American Signatures“ in der Volksoper einen Vierteiler: Werke mit amerikanischer Tanzschrift von Jerome Robbins, Pam Tanowitz, Lar Lubovitch und Jessica Lang.
Beim zeitgenössischen Ballett, das wissen Tanzbegeisterte natürlich, werden oft und gern mehrere Choreografien an einem gemeinsamen Abend programmatisch zusammengefasst. Das hat für das Publikum den Vorteil, unterschiedliche Positionen erleben zu können, und erhöht zudem die Chance, Choreograf*innen (näher) kennenzulernen. „American Signatures“ – die jüngste Arbeit des Wiener Staatsballetts – bietet diesfalls vier moderne Blickwinkel.
INTERPLAY
Jerome Robbins kam 1918 als Jerome Rabinowitz in New York zur Welt, studierte sowohl klassisches Ballett wie auch Modern Dance und begann seine Tanzkarriere 1937 zunächst im Musical, ehe er 1940 ins Ballet Theatre – das spätere American Ballet Theatre – wechselte. Als einer der Solisten der Compagnie erregte er mit Rollen wie Hermes in „Helen of Troy“ und Benvolio in „Romeo and Juliet“ Aufsehen.
Als 25-Jähriger kreierte er mit „Fancy Free“ zur Musik von Leonard Bernstein sein erstes eigenes Ballett, das später zum Musical „On the Town“ erweitert wurde. Jerome Robbins zählt heute zu den wichtigsten Ballettschöpfern des 20. Jahrhunderts und hat mit seinem unverkennbaren Stil den amerikanischen Tanz entscheidend geprägt. „Interplay“, seine zweite choreografische Arbeit zu Morton Goulds jazzig angehauchter Partitur, die 1945 in New York Premiere feierte und mit der er eines jener Werke geschaffen hat, die seine Ästhetik entscheidend geprägt haben, eröffnet schwungvoll „American Signatures“.
DISPATCH DUET
Zwei Pas de deux bilden den Mittelteil des Ballettabends. Pam Tanowitz’ „Dispatch Duet“, das die in New York geborene und lebende Choreografin mit dem Royal Ballet London uraufgeführt hat, manipuliert das formale klassische Schrittmaterial auf unbekannte und amüsante Weise zu einer Komposition des Amerikaners Ted Hearne, der – parallel zu Tanowitz’ choreo- grafischer Sprache – musikalische Ideen und Konventionen verdreht und sie durch seine individuelle musikalische Sprache filtert. Die gefeierte Choreografin und Künstlerin hat über Jahrzehnte hinweg ihre eigene unverwechselbare Tanzsprache entwickelt. Sie hinterfragt die Pioniere ihres Fachs auf subtile Weise, ohne sich von überholten Vorstellungen einschränken zu lassen. Heute zählen die renommiertesten Tanzcompagnien der Welt – darunter die Martha Graham Dance Company, das Royal Ballet London und das New York City Ballet – zu den Institutionen, die Pam Tanowitz’ Werke in ihre Repertoires aufgenommen haben.
EACH IN THEIR OWN TIME
Das zweite Pas de deux – Lar Lubovitchs „Each In Their Own Time“ – ist eine jüngere Arbeit des Choreografen, der seit Jahrzehnten zu den vielseitigsten und populärsten Tanzkünstlern Amerikas gehört. Unter dem Eindruck der Coronapandemie für zwei Solisten des New York City Ballet entstanden, kreiert das Duett eine intime, nach innen gestaltete Welt – choreografiert mit emotionaler Tiefe und architektonischer Klarheit zu Klavierwerken von Johannes Brahms, die von einer Pianistin auf der Bühne gespielt werden. Aufgewachsen in Chicago, wurde Lubovitch an der renommierten Juilliard School in New York ausgebildet. Bevor er 1968 die Lar Lubovitch Dance Company gründete, tanzte er selbst in zahlreichen Ballett-, Jazz- und modernen Ensembles. Für seine Arbeiten – darunter 100 Kreationen allein für die eigene Compagnie – mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet, kürte ihn „The New York Times“ zu einem der zehn besten Choreografen der Welt.
LET ME MINGLE TEARS WITH THEE
Jessica Lang – sie beschließt „American Signatures“ – ist eine amerikanische Regisseurin und Choreografin mit Sitz in New York City. Sie ist Resident Choreographer des Pacific Northwest Ballet und Artist in Residence beim Sarasota Ballet. Seit 1999 hat Lang mehr als 100 Werke für renommierte Compagnien geschaffen, darunter das American Ballet Theatre, The Royal Ballet London, das Pacific Northwest Ballet, das Sarasota Ballet, das Birmingham Royal Ballet, das National Ballet of Japan und ihre eigene Compagnie Jessica Lang Dance. „Let Me Mingle Tears With Thee“ ist Jessica Langs visuell-choreografische Auseinandersetzung mit Giovanni Battista Pergolesis berühmter Vertonung von „Stabat mater“. Die Hauschoreografin des Pacific Northwest Ballet entwickelt eine berührende Bewegungssprache, mal fließend-weich, mal energetisch-impulsiv, und lässt so mit den Tänzerinnen und Tänzern die sakrale Musik lebendig werden. Zuletzt choreografierte sie die Balletteinlage für den Opernball 2026.
Hier geht es zu den Spielterminen von "American Signatures" in der Volksoper!