Zum Inhalt springen

Seit zwei Monaten sind die Theater coronabedingt wieder geschlossen.

Seit zwei Monaten sind die Theater coronabedingt wieder geschlossen.
Foto: Ulrike Schild / Wiener Volkstheater

Dramaturg des Volkstheaters: Das Jetzt und das Irgendwann

Kommentar zum Theater-Lockdown

Matthias Seier, Dramaturg am Wiener Volkstheater, über eine seltsame Zeit zwischen Ereignislosigkeit und Gepolter der Ereignisse.

Verwaiste Straßen, leere Kinosäle und Theater, geschlossene Kaffeehäuser und Clubs – gleichzeitig soviel Zeit in den eigenen vier Wänden, dass man die Maserung seiner Tapeten auswendig kennt. Während ich diesen Text schreibe, ist der dritte Lockdown weiterhin im vollen Gange. Der zehnte Monat der Pandemie, vielleicht nähern wir uns ihrem Ende, vielleicht auch nicht, Vorhersagen gibt es viele und Garantien gibt es keine.

Wirklichkeitszerfall und Beobachterintensität

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl beschrieb während des ersten Lockdowns unsere neugeordnete Beziehung zur Außenwelt: „Der Wirklichkeitszerfall, den wir gerade erleben, geht mit einer erhöhten Beobachterintensität einher, man spaziert mit geschärften Sinnen durch die Gegend. Jeder Gang nach draußen folgt komplizierten Choreografien.“

Zeit und Raum sind aus den Fugen – das ist das Gefühl, dass uns Corona mitgibt, je länger der Zustand andauert. Die Gegenwart dehnt sich bis in ein fernes Irgendwann aus. Wochentage verschwimmen, alles wird zur Sisyphos-Arbeit, man fährt auf Sicht. Die Einladung zum Zoom-Call lässt auf sich warten, Netflix nicht mehr spannend, im ORF läuft die Regierungsansprache. Everyday is like Sunday und irgendwann ist Frühling.

Aber ungeachtet dieser seltsamen Stasis macht das Weltgeschehen ja trotzdem weiter: unaufhörlich prasseln die Nachrichten auf uns ein, die Eindrücke, das Gepolter der Ereignisse. An die unendlichen Corona-Liveticker, immer wieder neuen Öffnungsstrategien und schwankenden Kurvendiagramme habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Aber dass ich inmitten des Lockdowns an einem Donnerstag bis 3 Uhr nachts vorm CNN-Stream klebe, um den Sturm aufs Kapitol live mitzuverfolgen, hat eine andere Qualität. Eine erhöhte Beobachterintensität auch hier: die verwackelten Aufnahmen, die überrumpelten Nachrichtensprecher*innen, die übereilten Tweets, die atemlose Erschütterung, die Schockwellen des Terrors. Da ist es wieder, das Plötzliche und Unvorhergesehene, das in meine statische Welt stürzt.

Mensch als Sehnsucht und Risikofaktor

Wir sind in einem abgekapselten Hier das dauernde Jetzt. Doomscrolling einerseits, Social Distancing andererseits. Sehnsucht nach Menschen, gleichzeitig Mitmenschen als Risikofaktor. Eine ewige Gegenwart, gleichzeitig ein permanentes Neujustieren. Wie gehen wir mit diesen kognitiven Dissonanzen um?

Es wird Aufgabe der Kunst und der Theater sein, diese Dissonanzen einer pandemischen und post-pandemischen Erfahrungswelt zu begleiten, zu sezieren, zu transformieren. Joseph Vogl spekuliert, die neuen Sinneswelten und Alltagschoreografien seien „Experimente zur Erprobung eines neuen Kollektivs“. Lassen Sie es uns gemeinsam erproben, sobald es wieder geht. Everyday is like Sunday und irgendwann ist Premiere.

Zur Person: Matthias Seier

1993 im Münsterland geboren. Er studierte von 2012 bis 2017 Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Ab 2014 arbeitete er als Dramaturgieassistent, seit 2018 als Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Seit der Spielzeit 2020/21 ist der Dramaturg am Volkstheater Wien. Seine ersten Produktionen sind „Einsame Menschen" und „Der Theatermacher".

Matthias Seier am Wiener Volkstheater

Weiterlesen

Freie Theaterszene bis renommierte Häuser: Alles Theater?

Redaktion
Autor
Mehr zum Thema
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Johanna Lakner
studierte Fashion
und Visual Arts, ehe
sich ihr Interesse
in Richtung Theater
und Oper verlagerte.
    Festspiele Reichenau
    Jedes Stück braucht ein Zuhause
    Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Festspiele Reichenau
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12