Zum Inhalt springen

Bernd Spitzer und Christian Spatzek in der Nestroy-Inszenierung.

Bernd Spitzer und Christian Spatzek in der Nestroy-Inszenierung.
Foto: Ingo Folie

Der Zerrissene von Johann Nestroy

Ein Stück in einer Minute

Gleich zwei Mal Mordverdacht und einen reichen Mann auf der Suche nach dem wahren Glück gibt es in diesem österreichischen Klassiker. Woher Nestroy Inspiration bezog und wer die Rolle außer ihm spielte, haben wir zusammengefasst.


Inhalt

Der Schlosser Gluthammer hat im Haus des reichen Herrn von Lips Reparaturen zu machen. Er trifft auf Kathi, das Patenkind von Lips, und erzählt ihr, dass seine Verlobte kurz vor der Hochzeit verschwand und er sich nach finanziellen Problemen nun wieder als Schlossergeselle durchschlägt.

Herr von Lips ist zwar steinreich, ihm ist aber schrecklich langweilig. Was er noch nicht ausprobiert hat, ist die Ehe. Er schwört also, die erste Frau zu heiraten, die vorbeikommt. Gleich darauf wird ihm Madame Schleyer gemeldet, die ihm Karten für einen Wohltätigkeitsball verkaufen möchte. Tatsächlich macht er ihr einen Antrag, der sie überrascht, aber sehr freut. Da erkennt Gluthammer in ihr seine vermisst geglaubte Verlobte wieder. Er gerät mit Lips in Streit, während der Rauferei stürzen sie beide über das unbefestigte Geländer in einen Bach.

Die Männer retten sich ans Ufer, glauben aber beide, den jeweils anderen getötet zu haben. Lips versteckt sich auf dem Hof seines Pächters Krautkopf, wo ihn Kathi als Knecht unterbringt. Sein Testament, das zuerst seine Freunde als Erben ausweist, ändert er rasch und unbemerkt zu Kathis Gunsten. Als er sich dann doch zu erkennen gibt, soll er wegen Mordes an Gluthammer eingesperrt werden. Als er sich auf Krautkopfs Speicher verbirgt, trifft er Gluthammer, der sich ebenfalls dort versteckt hat. Somit gibt es keinen Grund mehr für eine Verhaftung – und Lips kann Kathi, Gluthammer Madame Schleyer heiraten.

Werkgeschichte

Johann Nestroy schuf die Posse 1844 nach der Vorlage der französischen Vaudeville „L´Homme blasé“ von Félix-August Duvert und Augustin-Théodore de Lauzanne, welches am 18. November 1843 in Paris uraufgeführt worden war. Nestroy folgte der Vorlage zwar Szene für Szene, „verwienerte“ aber stark und schuf eine ganz eigene, für ihn sehr charakteristische Posse. Die Musik komponierte Adolf Müller.

Aufführungsgeschichte

„Der Zerrissene“ wurde am 9. April 1844 im Theater in der Wien uraufgeführt. Nestroy spielte selbst den Herrn von Lips. Obwohl damals auch eine Übersetzung von „L´ Homme blasé“ gespielt wurde, setzte sich Nestroys Version rasch durch. Es gab bis 1859 mehr als hundert Aufführungen, was für diese Zeit als riesiger Erfolg gewertet werden kann.

Prominente Interpreten

Otto Schenk inszenierte die Posse 1984 bei den Salzburger Festspielen und spielte auch selbst den Gluthammer. Herr von Lips war Helmuth Lohner, Krista Stadler Madame Schleyer, Fritz Muliar Krautkopf und Birgit Doll verkörperte Kathi. Die Aufführung wurde aufgezeichnet und kann auf DVD noch heute nachgesehen werden. Auf DVD gibt es auch eine Inszenierung vom Burgtheater Wien, in der Karlheinz Hackl Lips spielte, Birgit Minichmayr war seine Kathi. Kitty Speiser verkörperte Madame Schleyer, Branko Samarovski Krautkopf und Robert Meyer Gluthammer.

2014 brachte man die Posse im Theater in der Josefstadt heraus. Michael Dangl war als Lips zu sehen, Martina Ebm als Kathi und Marianne Nentwich als Madame Schleyer. In der Regie von Michael Gampe spielte Martin Zauner Gluthammer.

Zu den Spielterminen von der Zerrissene bei den Festspielen Stockerau!

Theresa Steininger
Autor
Mehr zum Thema
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Johanna Lakner
studierte Fashion
und Visual Arts, ehe
sich ihr Interesse
in Richtung Theater
und Oper verlagerte.
    Festspiele Reichenau
    Jedes Stück braucht ein Zuhause
    Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Festspiele Reichenau
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12