Zum Inhalt springen

Im März soll „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem dritten Roman Fjodor Dostojewski im Wiener Volkstheater zur Premiere kommen. Die Proben laufen.

Im März soll „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem dritten Roman Fjodor Dostojewski im Wiener Volkstheater zur Premiere kommen. Die Proben laufen.
Foto: Wiener Volkstheater

140. Todestag von Literaturgenie Fjodor Dostojewski

Jahrestag

Vor 140 Jahren starb Fjodor Dostojewski. Er ging mit seinem Oeuvre nicht nur in die Literaturgeschichte ein, seine Werke waren auch Vorbilder für zahlreiche Opern. Im März ist ein Wiedersehen mit dem russischen Schriftsteller auf der Bühne des Volkstheaters geplant.

Ob „Der Spieler“ von Sergej Prokofjew oder Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“: Einige Werke des russischen Dichters Fjodor Dostojewski verbinden wir heute mit bekannten Opern. Dass das nicht immer selbstverständlich war, zeigt der Blick in die Geschichte. Zu Lebzeiten und in den ersten beiden Jahrzehnten nach Dostojewskis Tod im Jahr 1881, der sich am 9. Februar eben zum 140. Mal jährt, gab es keine einzige Oper auf Basis seiner literarischen Werke.

Mahler: „Fjodor Dostojewski wichtiger als Kontrapunktübungen"

Die Komponisten verhielten sich zurückhaltend. Selbst wenn es einige wenige Ausnahmen gab. So soll Gustav Mahler gesagt haben, die Lektüre Fjodor Dostojewski sei für angehende Komponisten wichtiger als Kontrapunktübungen. Und Modest Mussorgski brachte seine große Verehrung für Dostojewski zum Ausdruck. Nach dessen Tod legte er bei einem Auftritt das schwarz verhüllte Bild des Dichters auf das Podium und improvisierte einen Trauermarsch. Aber bis es Werke des Dichters auf die Opernbühne schafften, dauerte es. Diese anfängliche Zurückhaltung lag wohl an der komplexen Ideenführung in den großen Romanen und den miteinander verwobenen Handlungssträngen sowie der Fülle an Personen. So lautet zumindest die gängige Meinung von Experten.

Doch ab Anfang des 20. Jahrhunderts fanden Werke Dostojewskis auch den Weg auf die Opernbühne. Erst zaghaft mit „Der Christbaum“ von Wladimir Rebikow. Später auch durch Otakar Jeremias und Daniel Ruyneman mit „Die Brüder Karamasow“ oder Arrigo Pedrollos „Schuld und Sühne“.

„Der Spieler" an der Wiener Staatsoper

Ein Wendepunkt war Sergej Prokofjews „Der Spieler“, geschrieben zwischen 1915 und 1917. Diese Oper wurde auch durch die Widrigkeiten der Oktoberrevolution erst zwölf Jahre nach der Fertigstellung zur Uraufführung gebracht. Doch das Werk machte schließlich mit der atemlos gedrängten, harten, schroffen Musik Furore. Und es etablierte sich als Ausnahmeerscheinung auf den Spielplänen zahlreicher Opernhäuser.

Zuletzt war „Der Spieler“ an der Wiener Staatsoper 2017 in der Regie von Karoline Gruber zu sehen. Die Produktion wurde auch mit Misha Didyk, Elena Guseva, Linda Watson, Elena Maximova und Morten Frank Larsen unter der musikalischen Leitung von Simone Young aufgezeichnet. Ob sie sich demnächst im Streaming-Angebot der Wiener Staatsoper finden könnte, ist noch nicht fixiert, heißt es auf Anfrage.

Ähnlich bekannt wie „Der Spieler“ ist die 1930 uraufgeführte Oper „Aus einem Totenhaus“ von Leoš Janáček. Darin wird eine Geschichte über Macht und Unterwerfung in einem sibirischen Strafgefangenenlager erzählt. Diebe, Mörder und politische Gefangene treffen hier an einem Ort der Bestrafung und Überwachung fern jeder Zivilisation zusammen, Dostojewski verarbeitete hier seine eigene vierjährige Lagerhaft. In diesem Musiktheaterwerk über den immergleichen, zermürbenden Lageralltag gibt es weder Held noch eine auf Lösung setzende Handlung. Vielmehr geht es darum, Schlaglichter auf Erniedrigungen und Beleidigungen zu werfen. Und auch Janáčeks Musik beschreibt ungeschönt die im Lager herrschende Brutalität.

Fjodor Dostojewski als Vorlage für Librettos

Nach dem Zweiten Weltkrieg wählten vor allem deutsche und später italienische Komponisten Dostojewskis Werke zur Vorlage für Librettos. Ob das nun Hans Werner Henze, Giselher Klebe oder Luigi Cortese, Valentino Bucchi und Luciano Chailly waren. 

Und selbst, wenn sich mit Gleb Sedelnikows „Arme Leute“ und Mieczysław Weinbergs „Der Idiot“ auch einige russischsprachige Komponisten des Oeuvres annahmen, so ist die Mehrzahl der rund 40 Musiktheaterwerke, die auf Basis von Dostojewskis Romanen und Erzählungen entstanden, außerhalb Russlands komponiert worden.

Unter den aktuellsten Werken hierzulande ist Jury Everhartz` „Das Krokodil“. Das Werk wurde 2004 im Jugendstiltheater am Steinhof in Wien uraufgeführt und kann auf youtube nachgesehen werden (siehe unten).


„Erniedrigte und Beleidigte“ im Wiener Volkstheater

Apropos Wien: Ein Wiedersehen mit Dostojewski auf einer Wiener Theaterbühne ist für März im Volkstheater geplant. „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem dritten Roman des Autors soll zur Premiere kommen. Regisseur Sascha Hawemann möchte in seiner Inszenierung „Splittermenschen“ präsentieren, die in den Fängen der Großstadtwelt um Erfolg kämpfen. Ein Strudel aus Intrigen, Gier, Verführung und Machtkampf kann erwartet werden, heißt es aus dem Theater.

Bis zur Premiere kann die Aufzeichnung der Produktion „Erniedrigte und Beleidigte“ vom Staatsschauspiel Dresden von 2018 empfohlen werden. Sie wurde mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen ausgezeichnet und ist auf youtube nachzusehen (siehe unten).


Ekstatische Auflösung von Sinn und Logos

Regisseur Sebastian Hartmann erzählt darin keine stringente Geschichte. Er bringt vielmehr in seinem assoziativen Zugang zu Dostojewskis Werk scheinbar zusammenhanglose, mitunter auch sich wiederholende Szenen rund um einen selbstsüchtigen Patriarchen, skrupellose Instrumentalisierung und den sozialen Auf- oder Abstieg. Diese verbindet er mit aufwühlender Musik und mit Wolfram Loths Hamburger Poetikvorlesung zu einer Collage über Geld, Intrigen und Liebeswirren.

Im Juryurteil hieß es: „Hartmanns Arbeit zielt nicht auf die lineare Nacherzählung des Romanstoffs, sondern – wie schon bei Dostojewski angelegt – auf die ekstatische Auflösung von Sinn und Logos. So wie sie in Krankheit, Liebe und hier tatsächlich auch in der Kunst erfahrbar werden.“ Möge diese die Wartezeit auf die Volkstheater-Premiere und generell auf eine Wiederbegegnung mit dem Werk Dostojewskis auf Theater- und Opernbühnen verkürzen.

Spielplan des Wiener Volkstheaters: Erniedrigte und Beleidigte

Weiterlesen

Fünf junge Schauspieler mit Star-Potenzial

Theresa Steininger
Autor
Mehr zum Thema
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Johanna Lakner
studierte Fashion
und Visual Arts, ehe
sich ihr Interesse
in Richtung Theater
und Oper verlagerte.
    Festspiele Reichenau
    Jedes Stück braucht ein Zuhause
    Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Festspiele Reichenau
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12