Dieses Zitat von Arthur Schnitzler ist für mich eines der treffendsten, das auf unsere Zeit, unser Leben, die Menschen um uns herum – uns selber? – zutrifft.

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Einerseits lässt sich niemand gern in die Karten schauen, keiner spricht offen aus, was ihn bewegt, ängstigt, verletzt. Andererseits entäußern sich die Menschen in den digitalen Medien auf eine irritierende Weise, man fotografiert, filmt, zeigt gern alles von sich – und das in den privatesten Momenten. Und doch ist die Scham eines der stärksten und wirkungsmächtigsten Gefühle. Inszenierung ist alles. Jeder will vorgeben, wie er zu ‚lesen‘ ist. Alles ist Außenwelt. Und die Sprache ist Maske.

Davon erzählt auch das wohl berühmteste Drama Schnitzlers, der über lange Zeit skandalumwitterte ‚Reigen‘, bei dessen Wiener Aufführung 1921 in den Kammerspielen etliche hunderte Menschen mit Stöcken, Stinkbomben und Wurfgeschoßen protestierten. Und auch wenn sich Jahrzehnte nach der sogenannten sexuellen Revolution moralische Kategorien änderten, heute auf Tinder in der Minute das direkt abgehandelt wird, was Schnitzlers Figuren noch wortreich verkleiden mussten, trifft der Text immer noch genau den Kern menschlicher Gefühle: Einsamkeit, Sehnsucht, Trieb.

Ein zentraler Text der Moderne, der nichts von seiner Schärfe und seinem Humor eingebüßt hat, die Figuren – menschliche Archetypen, jenseits der ihnen von Schnitzler zugeschriebenen Figurenbezeichnungen. Schnitzler, Arzt und Schriftsteller, der die menschliche Spezies durch und durch kannte, legt in seinen Dramen wie mit dem Seziermesser das Innerste seiner Figuren frei, egal wie wortreich elegant sie sich bedecken.

Zur Person: Karin Bergmann

Zur Legende wurde Bergmann, als sie als „künstlerische Trümmerfrau“ nach dem Burgtheater- Skandal 2014 das Haus übernahm und bis 2019 erfolgreich weiterführte. Sie ist Theaterleiterin der Salzkammergut Festwochen Gmunden.

Das trifft auch auf sein Drama ‚Freiwild‘ zu, das erstaunlich moderne Züge aufweist. Das ‚Gmundner Wochenblatt‘ von 1897 schrieb anlässlich der damaligen österreichischen Erstaufführung: ‚Junge, auf sich allein und ihr Können angewiesene dramatische Künstlerinnen sind Schnitzlers Freiwild, das jedermann zu erjagen das Recht zu haben glaubt ...‘ #MeToo um 1900!

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Dass dieser Text vor genau 125 Jahren am Stadttheater Gmunden seine österreichische Erstaufführung in Anwesenheit des Autors erlebte, war die Initialzündung für ein kleines Schnitzler-Festival, das ich heuer in meinem ersten Sommer bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden plane. Neben der Neuinszenierung von ‚Reigen‘ in der Regie des jungen Österreichers Franz-Xaver Mayr und der szenischen Lesung von ‚Freiwild‘ präsentiere ich Prosa, Einakter, Briefwechsel und Tagebücher von Arthur Schnitzler – selbst unentwegter Chronist seiner erotischen Getriebenheit.

Nach vielen Jahrzehnten wird das Stadttheater Gmunden endlich wieder eigene Aufführungen produzieren, und Künstlerinnen und Künstler sollen die Stadt mit ihrer Energie und ihrer Spielfreude erobern. Wie könnte man das 150-Jahr-Jubiläum dieses Theaters besser feiern? Feiern Sie mit!“

Zu den Spielterminen der Salzkammergut Festwochen Gmunden!