Zum Inhalt springen

In der Inszenierung von Sina Heiss befindet sich „Iwanow" in einer Art Pattsituation.

In der Inszenierung von Sina Heiss befindet sich „Iwanow" in einer Art Pattsituation.
Foto: Anna Stöcher

„Die Überflüssigen“ im TAG: Neue Antworten für die Sinnkrise

Theater an der Gumpendorferstraße

Der Termin der Uraufführung musste aufgrund von Corona-Erkrankungen im Ensemble verschoben werden - nun, am 23.02., ist es soweit: Im Theater an der Gumpendorferstraße (TAG) rollt „Die Überflüssigen“ von Sina Heiss eine alte Sinnfrage neu auf. Wie kommen wir
aus einer existenziellen Krise wieder heraus? Und wie kann gerade das Theater dabei heilsam sein?

In der Mitte steht ein Schachfeld. Ziellos kreist Iwanow um das Brett herum, blockiert von Erschöpfung und Überforderung, nicht fähig einen Zug zu setzen. Dabei dürfte von außen betrachtet alles glatt laufen für den Start-Up-Unternehmer, Mitte 30. Trotz seines beruflichen Erfolgs, „tunnelt er in sinnlose Leere hinein“, sagt Regisseurin Sina Heiss.

Schon Anton Tschechows „Iwanow“ fühlte sich im 19. Jahrhundert aus der Zeit gefallen – Sina Heiss stellt diese Sinnfrage im digitalen Bobo-Lockdown-Alltag neu. Das Bühnenbild wird zu Iwanows Spielfeld gegen sich selbst, das Schachbrett visualisiert seine Pattsituation.

Die Pandemie wird nicht direkt angesprochen – („das nervt ja schon“, so die Regisseurin) –, vielmehr geht es um die Angst, überflüssig zu sein, die durch die Pandemie nur noch verstärkt wurde. Heiss will in ihrem Stück Antworten suchen, wie Iwanow wieder Mut finden kann, Mut zum Handeln.

„Coronern halt so rum“

Ursprünglich hatte Anton Tschechow „Iwanow“ als Komödie verfasst, schrieb das Stück aber kurzerhand zur Tragödie um. Ob „ihr“ Iwanow eine Tragödie oder Komödie ist, lässt Heiss bewusst offen: „Was mir an Tschechows Stück gefällt, ist, dass er versucht in der Ausweglosigkeit die Absurdität zu finden.“ Auch das sei für die derzeitige Pandemie relevant: „Wir coronern halt so rum. Aber die Versuche, wie wir unsere vermeintlichen Überflüssigkeit umgehen wollen, können absurd komisch sein.“

Sina Heiss arbeitet als freie Theatermacherin mit Schwerpunkt auf modernen Adaptionen, interdisziplinären Kollaborationen
Foto: Anna Stöcher
Sina Heiss arbeitet als freie Theatermacherin mit Schwerpunkt auf modernen Adaptionen, interdisziplinären Kollaborationen

Erfolgreiche Nische für TAG

Es sind eben solche Neu-Interpretationen von klassischen Stücken, die seit zwölf Jahren das TAG-Erfolgsrezept sind, sagt Geschäftsführer Gernot Plass. Das Theater zählt ein fünfköpfiges Ensemble. Das hauseigene Repertoire wird ergänzt von einer Reihe an Formaten – Poetry Slams, Konzerte, Impro-Theater. Das stets ausverkaufte Impro-Festival im Herbst zieht jenseits der Stadt- und Landesgrenzen ein internationales Publikum an. „Wir brauchen eine eigene, klar erkennbare Nische, wenn wir uns in der Wiener Theaterlandschaft, umgeben von etablierten Logentempeln behaupten wollen“, so Plass.

Das beweist auch verlässlich das TAG-Erfolgsstück „Ödipus“: Die griechische Tragödie wird hier zur schrillen 70er-Jahre-Komödie. Pointierte Wortwitze rund um den Bobo-Vorstadtneurotiker Ödipus – Woody Allen lässt grüßen – übersetzen die eigentlich grausame
antike Tragödie zur lockerflockigen, aber nicht seichten, Slapstick-Comedy.

Das TAG hat sich mit Neu-Interpretationen von klassischen Stücken einen Namen gemacht.
Foto: Anna Stöcher
Das TAG hat sich mit Neu-Interpretationen von klassischen Stücken einen Namen gemacht.

„Nicht theatermüde“

Mit dem Stück ist dem TAG selbst nach dem Lockdown eine erfolgreiche Saisoneröffnung gelungen: Die Menschen seien nicht theatermüde geworden, so Plass, im Gegenteil, es sei umso deutlicher geworden: „Nichts kann reales Theater ersetzen!“ Besonders der gesellschaftliche Aspekt, die Premierenfeiern, die Gespräche mit dem Publikum und den
Schauspieler*innen, sei durch kein digitales Angebot abzulösen.

Dennoch: Der Lockdown zog auch Theaterschaffende in schwere Sinnkrisen, sagt Sina Heiss. Immer mehr stellten sich die Frage: Wofür braucht es Theater denn noch? Sind die Bühnen an sich überflüssig geworden? Heiss suchte nach zufriedenstellenden Antworten: „Theater kann ein Labor für neue Ideen sein. Ein Ort, um kontroverse Themen
ansprechen zu können.“

Mut für den nächsten Zug

Das ist auch ihr Wunsch für „Die Überflüssigen“: Dass das Stück ein weiterer Beitrag wird, um psychische Erkrankungen anzusprechen und über dieses Sprachrohr zu entstigmatisieren. Heiss wolle keine Antworten per se vorgeben, „das ist zu einfach“. Stattdessen hofft sie, dass sich das Publikum in Iwanows Krise stückweise selbst wiederfinden kann und Mut findet, die eigenen unangenehmen Lücken zu betrachten. Und so den nächsten Zug entscheidet.

Zur Person: Sina Heiss

Geboren 1981 in Tirol. Studierte Jazz-Gesang an der Anton Bruckner Privatuniversität und Visuelle Mediengestaltung an der Kunstuniversität Linz. Die Zeit zwischen 2011-2015 verbrachte sie in New York, wo sie ihr Masterstudium in Theaterregie an der Columbia University bei Anne Bogart abschloss. Ihr interdisziplinärer Zugang zu Theater wurde maßgeblich durch Big Dance Theater NYC geprägt, wo sie mehrere Jahre als Regieassistentin tätig war.

Juliane Lehmayer
Autor
Mehr zum Thema
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Johanna Lakner
studierte Fashion
und Visual Arts, ehe
sich ihr Interesse
in Richtung Theater
und Oper verlagerte.
    Festspiele Reichenau
    Jedes Stück braucht ein Zuhause
    Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Festspiele Reichenau
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12