Sommerfrische für Auge und Ohr
Reichenau und Grafenegg zeigen, wie vielfältig Niederösterreichs Festivalsommer klingt.
Wenn in Niederösterreich der Sommer beginnt, öffnen sich zwei Bühnenräume, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch dasselbe versprechen: große Kunst in besonderer Atmosphäre. In Reichenau wird Theater zur präzisen Momentaufnahme, in Grafenegg entfaltet sich Musik nicht nur unter freiem Himmel, sondern u.a. auch im neuen Rudolf Buchbinder Saal. Zwei Festivals, zwei besondere Standorte und mit internationaler Strahlkraft.
Bei den Festspielen Reichenau hat Maria Happel ein kluges, elegant-feines Programm zusammengestellt, in dem Stars auf die besten Jungen treffen. Es geht um Sommerfrische und Spielfreude, aber auch um Druck, Verantwortung und die Kunst, aus vielen starken Positionen ein stimmiges Ganzes zu formen. Zu den Höhepunkten zählt eine neue Sicht auf Johann Strauß’ „Die Fledermaus“: Nils Strunk und Lukas Schrenk versetzen die Operette ins Wien der Zwanzigerjahre, wo Fassaden bröckeln, sich alles dreht und Veränderung zum Grundzustand wird. Auch Stefan Zweigs „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ passt ideal in diesen Theaterkosmos: eine Geschichte über den Sprung ins Unbekannte – und damit auch über das Theater selbst, das jeden Abend ohne Auffangnetz entsteht. Auch Martin Prinz erinnert mit „Die letzten Tage“ an ein sehr dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte.
Grafenegg wiederum setzt auf den großen Klang. Die Tonkünstler sind seit zwanzig Jahren Residenzorchester des Grafenegg Festivals und bilden auch heuer das künstlerische Rückgrat: von der Sommernachtsgala über die Konzertreihe Sommerklänge bis zum Festival selbst. Eine besondere Zäsur markiert zudem der neue Rudolf Buchbinder Saal, der Ende Mai seine Türen öffnet. Als klangliches und architektonisches Meisterwerk verbindet er Geschichte, Gegenwart und Zukunft und macht Grafenegg noch stärker zu einer musikalischen Visitenkarte weit über Niederösterreich hinaus. Dass Rudolf Buchbinder, der das Festival über zwei Jahrzehnte geprägt hat, bald den Intendantenstab weitergibt, verleiht diesem Sommer zusätzlich Bedeutung.