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Foto: Gerhard Wasserbauer

Die jungen Buben im Café

Kolumne

Wer das Kaffeehaus retten will, der muss es neu erfinden, weshalb sich eine Runde ebenso junger wie fähiger Wirte und Köche jetzt des „Florianihofs“ angenommen hat. Wunderbar unernstes Essen vom Frühstück weg – und bis nach Vorstellungsende!

Fast jeder in Wien hat ein G’schichterl zum „Florianihof“ und das ist meist dem Amtshaus vis-à-vis zu verdanken. Bis zu seiner Auflassung vor ein paar Jahren war das Josefstädter Magistrat in der Florianigasse eine wienweit beliebte Hochzeits- location. Ob Mutantrinken vorher oder Sektempfang hinterher – das „Florianihof“ war der logische Ort, den Bund fürs Leben zu begießen – und manchmal auch noch die Scheidung. In letzter Zeit aber war es ruhig geworden um das schöne alte Café mit den großen Fenstern zum Platz, so ganz ohne die Amtshaus-Kundschaft. Zuletzt war ganz zu.

Das hat sich vor ein paar Wochen geändert: Auf einmal brodelt es in der Hütte bis spät in den Abend – und zum Frühstück geht es schon wieder weiter. Der alte Schriftzug prangt noch unverändert an der Fassade, beim Eingang aber steht der neue Name: „Das Drittl“ ist eine Unternehmung ebenso junger wie fähiger Gastronomen, die schon an ihrer ersten Adresse in der Wasagasse glänzende Kritiken bekamen – und jetzt, wegen des großen Erfolgs, mehr Platz brauchten.

DIE ZUKUNFT HEISST SPEISEHAUS

Luca Presser hat „Das Drittl“ vor ein paar Jahren als frischg’fangter Modul-Abgänger gemeinsam mit ein paar Freunden gegründet und vom Start weg mit derart köstlicher, neu und kosmopolitisch interpretierter Wiener Küche bekocht, dass ihnen der Platz bald zu klein wurde. Mit zwei Hauben im Gepäck und mit ein paar neuen, kaum älteren Partnern wurde jetzt das leer stehende Kaffeehaus gekapert. Brasserie statt Café scheint nunmehr die Devise, Altwiener Speisehaus für das 21. Jahrhundert könnte man aber auch sagen. Der ehrwürdige, aber stets etwas gräulich-blass wirkende Saal wurde in sehr attraktivem Rubinrot gestrichen, die Bänke und Sessel erneuert, eine neue Bar installiert, an der man nun auch essen kann. Was soll man sagen? So geschäftig und beschwingt, wie hier vom Nachmittag weg exquisite Cocktails gemixt werden und die köstlichsten Sachen aus der – nunmehr offenen – Küche geschossen kommen, so ansteckend fröhlich, wie der Disco

Funk der 1970er aus den Boxen wummert, kann man gar nicht anders, als sich wohlzufühlen. Und das Beste: Küchenschluss ist um 22:30 Uhr, da geht sich das Souper nach der Vorstellung in den meisten Fällen ganz gemütlich aus.

INSZENIERUNG DER GURKENSUPPE

Die Tische sind aus Marmor und dicht an dicht gestellt, so kennt man das auch aus Paris. Zum Start empfiehlt sich – als erster Snack zu einem der sehr appetitanregend gemixten Aperitifs – die Gurkenkaltschale. Mag zunächst kontraintuitiv erscheinen, die Art, wie die an sich so sommerliche Erfrischung hier inszeniert wird, will man aber gekostet haben: Sie wird in einem Kännchen serviert, aus dem man sie bei Tisch selber in knusprig herausgebackene Sphären aus hauchdünnem Teig (Pani Puri, kennt man aus der südindischen Küche) träufeln lässt, mit Jalapeño-Relish toppt und die selbst gefüllte Praline von der Gurke mit einem Biss verschlingt. Da zerstiebt die Kugel, es ergießt sich ein Schwall kühler, köstlich abgeschmeckter Frische über den Gaumen, der Knusper knuspert, die Chilis beißen sanft, ebenso kurzweilig wie köstlich – nicht wenige Tische lassen sich den Spaß gleich noch einmal bringen.

Das Beef Tatar kann es auch. Das wird auf die knusprig und doch auch flaumig gerösteten Scheiben vom Holzofenbrot der Bäckerei Ströck (wirklich außerordentlich gut, gibt’s in den Filialen immer nur am Samstag, Anm.) gehäuft, Pfeffer-Aioli, knusprige Kapern und gebeizter Eidotter dazu – schon seit den Zeiten des Ur-„Drittls“ eines der besten Tatars der Stadt.

FOTO: Gerhard Wasserbauer

WENN DER DÖNER LUXUS WIRD

Wer Wien sagt, muss auch Favoriten sagen, und so gibt es an diesem Ort der Neuinterpretation unserer liebsten Küche, als Hommage an den Zehnten, einen Yaprak-Spieß nach bester Istanbul-Tradition, nur halt in Miniaturform: Hauchdünn geschichtetes Prime Beef, kraftvoll gegrillt, mit eingelegtem Rettich, Joghurt und frisch gebackenem, fluffig-knusprigem Paratha-Brot kombiniert, zum Fingerlecken gut. Torchon vom Karpfen ist dann klassisch französische Terrinenkunst: der Friedfisch aus dem Waldviertel mit allerhand Kräutern, Gewürzen und einer fantastischen Pfefferkruste ebenso unerwartet wie unwiderstehlich tischfein gemacht, dazu hausgemachter Senf und selbst eingelegte Essiggurkerl – irrsinnig gut.

FOTO: Gerhard Wasserbauer

DIE AMEISEN AM BAUM

Bei den Hauptspeisen darf man sich über Hecht freuen, vom Holzkohlengrill und, fast wie im Elsass, auf köstlich bissiges Sauerkraut gebettet, das Ganze badet in pikant abgeschmeckter Paprika-Beurre-blanc richtig gut. Die geschmorten Rindsbackerl klingen vielleicht nach Beisl-Klassiker, hier werden sie aber, ebenso amüsant wie virtuos, als eine Art Ameisen am Baum aus der asiatischen Küche interpretiert: Löffelweich, in zart orientalisierendem Schmorsaft, mit Saté lackiert, mit köstlich in Butter sautierten Perlzwiebeln und mit knackigen Blättern vom taufrischen Romanasalat an der Seite, in die man sich das weiche Fleisch löffeln darf. Ist eine riesige Portion, aber leider viel zu gut, um aufhören zu können. Au ja, falls einmal eine Matinee ansteht: Brunch ist hier die ganze Woche ein Thema, mit nicht weniger geschliffener Küchenleistung, da darf man sich den French Toast mit Crème fraîche und Miso-Karamell nicht entgehen lassen – gemeingefährlich köstliche Komposition!

Das Drittl im Florianihof

Aus dem verblichenen Kaffeehaus wurde eine vor Energie und Ideen sprudelnde Brasserie mit bemerkenswert köstlicher Küche.

Infos: Florianigasse 45

1080 Wien

T: 0676 4248520

dasdrittl.at

Erschienen in
Bühne 08/2026

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Severin Corti
Severin Corti
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