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Angelika Hager ist Autorin und Kolumnistin. Aktuell läuft ihre neue Bühnenshow „Pollywood” im Wiener Rabenhof Theater. Sie gestaltet auch den „Salon” in Bad Vöslau.

Angelika Hager ist Autorin und Kolumnistin. Aktuell läuft ihre neue Bühnenshow „Pollywood” im Wiener Rabenhof Theater. Sie gestaltet auch den „Salon” in Bad Vöslau.
Foto: Schwimmender Salon

Angelika Hager: Analog, Baby!

Kolumne

Ein Plädoyer für den analogen Luxus der Unmittelbarkeit, große Schauspielkunst und die Faszination echter Geschichten: darüber schreibt Angelika Hager in ihrer neuen Kolumne.

Wollen wir ins Kino gehen, Schatzi?”, fragte ich meine Tochter, als sie so fünf Jahre alt war, also Ende der 1990er- Jahre. Sie sah mich damals mit großen Augen an und stellte die Gegenfrage: „Warum sollen wir außer Haus fernsehen gehen? Ich will, bitte, lieber ins Theater.” An diese Episode dachte ich bei den ersten Premieren dieser Saison. Das Theater ist natürlich ebenso Modeerscheinungen unterworfen wie die Fashion-Industrie. Aber Schauspielerinnen und Schauspieler, die fernab ihres Auditoriums durch die Gänge und Logen galoppieren, um gleichzeitig in Großaufnahme auf einer riesigen Leinwand gezeigt zu werden?

Gekrümmte Kameraleute, die auf der Bühne rückwärts trippeln, um die mimische Ausdruckskraft der Agierenden auf Leinwand zu bannen? Nicht mehr taufrisch, der Gag. Und viel zu oft gesehen. Ebenso wie diverse Männerrollen mit Frauen zu besetzen, auch sehr beliebt (Peter Zadek machte mit Angela Winkler als Hamlet vor Jahrzehnten einen mutigen Schritt), was vordergründig als große feministische Geste gewertet werden könnte. Aber solange nur eine Schauspielerin oder eine Sängerin im Kulturbetrieb weniger verdient als ein Kollege in derselben Liga, sind mir solche kosmetischen Eingriffe in Richtung Gleichberechtigung auch egal. Bearbeitungen von Klassikern? Schwierig, wenn man nicht im Besitz des Talents von Simon Stone ist, dessen Ibsen-Haute-Couture „Das Ferienhaus” auch noch in dieser Theatersaison an der BURG zu sehen ist.

Wenn das Bearbeitungspersonal nicht auf der Höhe ihres Autorenopfers ist, besteht Abrutschgefahr in die Mittelmäßigkeit. In die Stone-Produktion, die ja fast vier Stunden dauert, könnte ich auch drei Mal am Stück gehen, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Hier wird der Formel, die der britische Autor Wilkie Collins im 19. Jahrhundert für ein gelungenes Stück ausgab, in Perfektion gehuldigt. Sie lautete: „Make them laugh, make them weep, make them wait.”

Und um diese Lachen-Weinen-Warten-Dreifaltigkeit in einer solchen Qualität zu bedienen, bedarf es natürlich Fünf-Sterne-Miminnen und -Mimen. Ich denke, besser als Franziska Hackl, Michael Maertens, Roland Koch und Caroline Peters kann man in die Psyche von Figuren nichteintauchen. Ich wage zu behaupten, dass wir in einer Stadt leben, in der unsere Theater über Ensembles verfügen, die an Qualität, Charisma und Typenvielfalt ihresgleichen suchen – und zwar quer durch die Generationen. Was für fantastische junge Frauen die Josefstadt unter ihrem Dach vereint, war beim Eröffnungs-Schnitzler zu erleben: Johanna Mahaffy und Lili Winderlich sind eine Freude, toller Neuzugang bei den Männern: Johannes Zirner.

Was das Ensemble (Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Thiemo Strutzenberger) beim Jonglieren auf Elfriede Jelineks Textlawine „Unter Tieren” leistet, ist tatsächlich atemberaubend. Da nimmt man gern auch die etwas ermüdende Redundanz des Texts in Kauf. „Filmschauspieler müssen auch Theater spielen”, war der 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffman, der aufregendste Charakterdarsteller (was für ein idiotisches Wort eigentlich, wen soll man sonst darstellen!?) seiner Generation, überzeugt. „Es gibt keine andere Kunst, die so im Moment lebt wie die des Schauspielers auf einer Bühne. Bei fast jeder anderen Kunstform kannst du nachbessern, wenn was nicht optimal gelaufen ist. Auf der Bühne bist du deiner Konzentration und deinem Können ausgeliefert.”

Und in einer Gesellschaftsphase, in der es von Fake News, KI-Bearbeitungen und digitalen Erlebnissen, also einer Secondhand-Kultur, nur so wimmelt, wird die Sehnsucht nach Authentizität, Unmittelbarkeit, Intimität und dem simplen Erzählen von Geschichten ohne technisches Brimborium immer größer werden. Analog ist der neue Luxus. Und Theater und Oper können ihn bedienen wie keine andere Kunstgattung.

Erschienen in
Bühne 08/2026

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