Christopher Wurmdobler: Von wegen vierte Wand
Christopher Wurmdobler in seiner neuen Kolumne über das Durchbrechen der vierten Wand und warum Theater ein gemeinsamer Erlebnisraum ist.
"Dit hamwa in Berlin jelernt“, berlinert die tolle Stefanie Reinsperger, wenn sie in Fritzi Wartenbergs und Mareike Fallwickls „Elisabeth!“ als Elisabeth von der Burgtheater-Bühne ins Parkett hinunterklettert, ein bisschen herumkrakeelt und ein Bad in der Menge nimmt. Beziehungsweise sich im Auditorium von jemandem den Perückenzopf abschneiden lässt. Nicht, dass das Aufbrechen der sogenannten „vierten Wand“ oder das Herumkrakeelen jetzt fürchterlich neu wären im Theater oder besonders häufig in der deutschen Hauptstadt praktiziert würden. Direkte Ansprache ist auch an den großen Wiener Häusern längst ein beliebtes Stilmittel. Manche im Publikum empfinden so etwas vielleicht trotzdem noch als ein wenig herausfordernd. Zum Beispiel wenn das eigene Verlegenheitslachen live kommentiert wird wie bei Alicia Aumüller und Patrycia Ziółkowska in Nicolas Stemanns „Ödipus Tyrann“ – grandios und ab Oktober wieder am Volkstheater zu sehen.
„Lachen hilft jetzt auch nichts“, halten die beiden Schauspielerinnen dem nervös lachenden Publikum entgegen und machen einem Zuschauer auch noch Vorwürfe: „Du bist schuld!“ So was will erst einmal verdaut werden.
Keine Angst, das ist noch kein Mitmachtheater. Niemand muss. Aber Theater ist halt schon auch der gemeinsame Erlebnisraum. Die trennende „Wand“ ist schließlich nur gedacht und nicht real; auch wenn man manchmal den Eindruck bekommt, dass zwischen Bühnengeschehen und Publikum eine unüberwindbare Barriere steht.
Im Idealfall aber sind die Grenzen fließend, sind oben und unten durchlässig. Das ist ja gerade das Spannende. Vor ein paar Festwochen-Jahren gab es in der Halle E den großartigen fünfstündigen Bernhard- Schnitzler-Hofmannsthal-Abend „Extinction“ von Julien Gosselin, der mit einem Rave begann. Beim Bierbestellen an der Bar ist mir zwar aufgefallen, dass dem smarten Barmann ein Mikrofon im Gesicht klebte. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass mein Kellner wenig später als Fin-de-Siècle-Arzt im Bühnenset vor der Livekamera stehen wird.
Es geht übrigens auch umgekehrt. Also dass Zuschauerinnen oder Zuschauer selbst auf die Bühne heraufgeholt werden. Oder ganz unverhofft dort landen. Eine Freundin kam einmal verspätet zu einer Theatershow und wurde dann vom Saaldienst über eine Hintertüre Richtung Parkett geschickt – mit dem Ergebnis, dass sie sich plötzlich zu ihrem eigenen Erstaunen auf der Bühne befand, die sie durch einen Kleiderkasten betrat, und so selbst zum Mittelpunkt des Geschehens wurde. Das Berliner Performance-Kollektiv Gob Squad spielt seit Jahrzehnten erfolgreich damit, dem Publikum Bühne und Aufmerksamkeit zu schenken. Und im Akademietheater steht immer noch ab und zu eine Produktion auf dem Spielplan, in der etwas Ähnliches passiert. Weil ich hier nicht spoilern mag, wird aber nicht verraten, um welches Stück es sich handelt. Der Effekt, dass plötzlich eine mehr oder weniger zufällig ausgewählte Zuschauerin zur Performerin wird, war jedenfalls selbst nach meinem dritten Vorstellungsbesuch noch überraschend. Publikum auf der Bühne: Jemand sollte unbedingt mal einen Text dazu schreiben.