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Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.
Foto: Michael Mazohl

Julya Rabinowich: Die lieben Verwandten

Kolumne

„Das bin doch ich!“: Julya Rabinowich schreibt in ihrer neuen Kolumne, warum Verwandte sich in jedem literarischen Text selbst erkennen und wie eine Buchpremiere in New York dadurch zum Kuriosum wurde.

Ich will hier keinesfalls behaupten, meine letzte Kolumne über Verwandtschaft sei irgendwie in der Verwandtschaft auf taube Ohren gestoßen. Man könnte fast sagen, die Ohren der oben genannten Verwandtschaft waren ganz und gar hellhörige, wenn auch ungnädige gewesen. Und hier muss ich also zum Canossagang antreten, mich mit der neunschwänzigen Katze bearbeiten, dass es knallt wie hunderte Sektkorken, muss mich in meinem Vergehen wälzen und „Mea culpa!“ schreiend durch einsame Gassen dieser Stadt laufen. Spannenderweise hat die gesamte Verwandtschaft von St. Petersburg über Wien bis nach New York nichts, rein gar nichts dagegen, wenn ich ziseliert feine, schöne Dinge über sie verfasse. Von diesem, von zartem Lobgesang geprägten Wege aber darf ich mich nicht straflos entfernen. Manche würden das sogar als exstatische Jubelraserei bezeichnen, die auf wohlgeneigte Köpfe treffen soll. Dabei ist eine ungeschönte Kolumne wie ein Selfie ohne Filter. Liebevoll ehrlich! Aber eben nicht von jedem ersehnt. Egal. Die Schreibenden laufen zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklungsstufe und auf jeder Biegung und Kreuzung ihrer Laufbahn (daher heißt diese auch Laufbahn und nicht Schwebebahn; in Gefahr schwebt man deutlich seltener und weit wahrscheinlicher auf rosaroten Wolken mit der Kennziffer sieben) Gefahr, Dramen auszulösen.

Sei es jetzt mit Kolumnen, Romanen, mit Theaterstücken oder mit Film und Fernsehen. Meistens lautet die gefürchtete Reaktion: „Das bin doch ich!“ (Ich bitte Thomas Glavinic hier inniglich um Verzeihung für das Zitat, ich weiß, er hat es nicht so gemeint.) Die sogenannte Selbst-Erkenntnis kann aber auf totale Irrwege geraten. „Das bin doch nicht ich!“ Und der interessanteste Aspekt dieser Entwicklung kumuliert in diesem Fakt: Oft ist es ja „weder ... noch“! Man erkennt sich, so man denn den Drang danach hat, sich überall wiederzufinden, in jedem blinden Spiegel. Man soll wirklich nicht so leichtfertig behaupten, Kunst würde über alle Grenzen hindurch verbinden oder gar versöhnen! Manchmal ist das absolute Gegenteil der Fall: Die Verzwistung durch Literatur, die Vergrämung durch Theater, das Grauen lauert wirklich überall! Niemals vergessen werde ich den Auftritt meines New Yorker Cousins, mit dessen Familie die meinige nicht wirklich gut gestellt war, aus mannigfaltigen Gründen. Das führte jedenfalls dazu, dass wir uns, seit ich neun Jahre alt war, für weitere zwanzig nicht sahen, nicht hörten, kurzum: keine Ahnung voneinander hatten. Man könnte es mit der Emigration erklären, aber das allein reicht nicht aus. Die Familientragödie der Erwachsenen, auf zwei Generationen verteilt, legte sich einfach wie ein Bann über uns. Jedenfalls spielten sich in New York, das ich damals auf Einladung eines Festivals betrat, während der Präsentation meines Debütromans bemerkenswerte Szenen ab: Kaum hatte ich aufgehört zu lesen, teilte sich die Menge mit einem Raunen, ein wenig wie in einer garstigen Rom-Com, in der der Held in letzter Sekunde die Hochzeit der Geliebten mit einem anderen durch Aufschrei und Einspruch verhindert. Die Menge raunte also, teilte sich, mein Cousin, den ich über zwanzig Jahre nicht gesehen hatte und der es nicht für nötig befunden hatte, mich von seinem Erscheinen zu informieren, stürmte auf die Bühne und schrie ein abgewandeltes Glavinic-Zitat bei gleichzeitig völliger Unkenntnis des Glavinic: „Der, über den sie da schreibt, das bin ich!“ Ich hätte am liebsten mit einem abgewandelten Götz-Zitat geantwortet. Und: Er war es nicht. Aber verdammt, ich habe ja schon wieder über die Verwandtschaft geschrieben.

Erschienen in
Bühne 08/2026

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