Anna Thao-Nhi Duong: Der Herr und sein Stand
Anna Thao-Nhi Duong (25), geboren und aufgewachsen in Salzburg, schreibt seit ihrem 15. Lebensjahr. Manchmal sammelt Duong Sätze – um diese herum schreibt sie dann Kurzgeschichten. Es sind kleine literarische Miniaturen. Zärtliche Beobachtungen des Lebens, der Menschen, der Liebe und des Alltags. Hier ist ihre erste Geschichte für die BÜHNE: eine Geschichte über die Nacht und den Würstelstand.
Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich oft mir vertraute Gestalten. Gelegentlich weiß ich, wie sie heißen. Ich selbst wollte mir nie einen Namen machen. Oder ein Gesicht haben, das einem bekannt vorkommen mag. In meinem Kopf scheint das Bekanntsein alles mühsamer zu machen. Manchmal stelle ich mir vor, in einem vergangenen Leben ein Ninja gewesen zu sein. Welche Gefahren wohl hinter der einen oder anderen Ecke lauerten und welche Probleme es in diesem zurückgezogenen Lebensstil gegeben hat? Der Wunschgedanke, im letzten Leben derartig stark gewesen zu sein, gibt mir viel Kraft.
In diesem Leben bin ich nachts nur selten allein unterwegs. Wie jetzt. Vorhin war ich das erste Mal allein auf einem Konzert. Eine Band aus Übersee hat in einem kleinen Lokal gespielt. Ich wollte sie schon immer einmal live sehen. Das Konzert war ok. Nicht herausragend, wie ich erwartet hatte. Wobei ich mir immer vornehme, keine zu hohen Hoffnungen gegenüber zukünftigen Erfahrungen zu haben. Mein Ticket habe ich erst heute Mittag gekauft. Der Kauf wurde von mir hinausgezögert, da ich dachte, bis dahin eine Begleitung gefunden zu haben. In Wahrheit hatte ich aber niemanden gefragt. Auf dem Heimweg spaziere ich zu einem Würstelstand. Ich habe Appetit auf etwas Bestimmtes und nur dieser Stand bekommt es richtig hin. Er ist schlicht, nicht plakativ. Aber auch nicht zu minimalistisch, das Menü wird bebildert dargestellt. Zufrieden treffe ich dort auf keine Gäste. Ungewöhnlich, aber es ist nachts unter der Woche. Der Ventilator macht laute Geräusche, daneben kniet der Glatzköpfige und schlichtet etwas ein. Trotzdem nimmt er meine Schritte sofort wahr, beim Aufstehen richtet er seine schwarze Schürze.
„Hallo, Madame, was möchtest du?“, fragt der Herr. Er ist nicht viel größer als ich. Sein strenges Gesicht kommt mir vage bekannt vor, vielleicht sehe ich ihn zum dritten Mal. Seinen Nickname für mich finde ich amüsant. „Bitte eine Bosna und ein Sprite. Danke, Chef“, sage ich. Er nickt: „Ok, bekommst du, Madame.“ Ich stelle mich ans Eck und sehe bei der Vorbereitung zu. Er lässt sich Zeit. Trotz meines leeren Magens bin ich geduldig. Von klein auf habe ich mich über Berufe gewundert, die weit über das Berufsbild hinausgehen. Räumlich betrachtet: den Arbeitsplatz. Nicht aufgrund ihrer Zeiten, Verpflichtungen, sondern ihrer Distanz oder Nähe zu sich selbst. Jobs, die unmittelbar mit der Person verbunden sind, diese teilweise sogar ausmachen. In der Großstadt sieht man oft Stars, aber die Sterne nicht. Die meisten Stars können nach der Showtime keine Maske abnehmen. Niemand kann immer vor Blitzlicht und Aufnahmen fliehen. Ein Star muss einem nicht einmal geläufig sein, sondern einfach das gewisse Etwas haben. Ich erkenne einen Rockstar, wenn dieser mir gegenübersteht oder ich einen Lebensausschnitt sehe. Der Herr des Stands ist absolut einer, stelle ich fest. Nachdem er das Weckerl getoastet hat, beginnt er zu tratschen. „Weißt du, egal, was du im Leben machst: Schau, dass du es richtig machst. Spaß hast. Egal, ob Job, Familie oder Beziehung, Freund. Anständig ist eh keiner, Madame. Alle tun nur so.“ Als Reaktion sehe ich ihn mit aufmerksamen Augen an. Abertausende Geschichten stehen ihm ins Gesicht geschrieben, dabei ist er kein alter Herr. „Kennst du den Stand neben dem einen Luxushotel?“, fragt er vor dem Grill. Ich nicke. Einmal war ich dort, es hat mir nicht so geschmeckt. „Den habe ich mit aufgebaut. Alle Berühmtheiten essen ihre Wurst dort. Alle lieben sie. Der da drüben, die großen Stars, Politiker, wer auch immer. Das Beste dran: Ich wusste nie, für wen das war. Bodyguards oder andere Handlanger standen da und hatten die verrücktesten Extrawünsche. Manchmal dachte ich mir: Ich glaub’s nicht.“
Mit der linken Hand stellt er die Flasche auf den Tresen und mit der rechten hält er mir zwei Servietten hin. „Und jetzt bin ich hier. Der Laden läuft, ist auch viel günstiger. Leute sagen, sie kommen wegen mir her“, meint er und überreicht mir dabei die perfekte Komposition. Ich liebe das Verhältnis der Zutaten und rieche, wie gut sie schmecken wird. „Geil, dankeschön. Es ist mir eine Ehre. Wie lautet dein Name?“, frage ich ihn. „Das spielt doch keine Rolle, Madame“, antwortet er. „Ich bin nur der, dessen Wurst alle glücklich macht. Nenn mich gern weiter Chef.“ Ich bedanke mich bei der namenlosen Berühmtheit und genieße die heiße Bosna im Gehen.