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Angelika Hager leitet das Gesellschaftsressort beim Nachrichtenmagazin „profil“, ist die Frau hinter dem Kolumnen Pseudonym Polly Adler im „Kurier“ und gestaltet das Theaterfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau.

Angelika Hager leitet das Gesellschaftsressort beim Nachrichtenmagazin „profil“, ist die Frau hinter dem Kolumnen Pseudonym Polly Adler im „Kurier“ und gestaltet das Theaterfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau.
Foto: Schwimmender Salon

Angelika Hager: Die Mäh-Prinzessin

Kolumne

Elfriede Jelinek wird demnächst 80. Wahrscheinlich graut ihr schon lange vor den nicht abzuwendenden Lobhudeleien. Hier ist noch eine.

So wie Madonna, Bob Dylan oder Patti Smith hat sie einen schon ein Denkleben lang begleitet. Ich hatte einen misanthropischen, aber durchaus progressiven Deutschlehrer. Als ich ihn auf die Frühstückseireste in seinem Vollbart aufmerksam gemacht hatte, wurde ich prinzipiell zwei Noten heruntergestuft. Ich bin ihm dennoch dankbar.

Wir turnten durch die „Wiener Gruppe”, deklamierten Ernst Jandl und H. C. Artmann – und irgendwann hatten wir Elfriede Jelineks ersten Roman „wir sind lockvögel baby” (1970) auf dem Stundenplan. Was für ein wilder Sprachparcours, durch den Frank Zappa, Heintje, Cola trinkende Mörder und Versatzstücke von Krimis, Pornos und Werbeslogans geworfen wurden. Es war, als ob jemand am Schlagzeug sitzt und Sprachsalven in die Welt trommelt.

Erlegen ist man nicht nur diesem Jelinek-Pace, sondern auch ihrer Erscheinung. Wenn jemand in der österreichischen Literaturszene dem damals noch unverbrauchten Adjektiv „cool” entsprach, dann war das die formidable Madame Jelinek. Auf Fotos vermittelte sie die Aura einer erhabenen, von der Kleingeistigkeit der Gegenwart elegant angewiderten Punk-Göttin. Sie strahlte mit jener Art von Schönheit, deren Besitzerinnen unaufgeregt selbstbewusst sind. Vergleichbar mit Schriftstellerinnen wie Djuna Barnes, Joan Didion oder Simone de Beauvoir, die ebenso Könnerinnen präziser, originärer Selbstinszenierungen waren.

Bei Jelinek ist es japanischer Purismus von Comme de Garçons, Yamamoto und Miyake, der die Funktion eines Schutzpanzers hat. Signalwirkung besaßen ihre Frisuren, die vom verstrubbelten kurzen Undone-Look der Punk-Ära über geflochtene Zöpfe bis zur Trümmerfrauen-Tolle reichten. Ihre Kleidungshandschrift ist auch ein Ablenkungsmanöver, das sie so erklärte: „Ich ziehe die Kleidung an, damit die Leute auf sie schauen, nicht auf mich.“

Welche Frisur Elfriede Jelinek heute trägt, weiß ich nicht. Sie lebte die letzten Jahre sehr zurückgezogen, sprach von Angststörungen und fuhr nicht einmal nach Stockholm, um sich den Literaturnobelpreis persönlich abzuholen – ihre Rede wurde als Videoaufzeichnung im schwedischen Fernsehen abgespielt. Jelineks Abwesenheit wurde 2004 mit hämischen Medienkommentaren versehen, die bei den Preiskollegen wie Harold Pinter oder Samuel Beckett ausgeblieben waren.

Ich hatte noch das Glück, im Alter von 20 plus, von meinem damaligen Kulturchef Heinz Sichrovsky zu einem Hausbesuch bei Elfriede Jelinek mitgenommen worden zu sein. Sie wohnte in Penzing, mit ihrer Mutter, was man nach der Lektüre von „Die Klavierspielerin” als erstaunlich empfand. Paulus Manker war auch da, der eigentlich „Die Klavierspielerin” verfilmen wollte und Kathleen Turner als Wunschkandidatin hatte. Die Geschichte ging gut aus, denn es sollten dann Isabelle Huppert und Michael Haneke werden. Ich war damals sehr amüsiert, dass Jelinek Manker mit jener ironischen Milde, die man begabten Problemkindern entgegenbringt, zu domptieren wusste.

Der erste TV-Beitrag über Elfriede Jelinek erschien übrigens in einem Jugendmagazin namens „Kontakt”, in dem sie Orgel spielend als linksextremistische Schriftstellerin vorgeführt wurde. Es war thematisch alles ein bisschen „Ein Kessel Buntes”, denn danach folgte eine Geschichte über eine „Näh-Prinzessin”, also eine flinker Nadelkunst fähiger Wettbewerbsgewinnerin. Elfriede Jelinek bleibt eine Mäh-Prinzessin, indem sie sprachlich die Gemeinheiten der Gegenwart unverdrossen niederzumähen versucht. Ich verneige mich hiermit.

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