Julya Rabinowich: Leerblühen oder nicht?
Dieser Frage stellt sich unsere Kolumnistin Julya Rabinowich diesmal.
Manchmal verspricht das Leben etwas, das es vielleicht gar nicht zu halten vorhat. Das nennt man dann „vielversprechende Ansätze“. Versprechen kann man bekanntlich vieles. Aber hat schon einmal jemand etwas von „ungehaltenen Ansätzen“ gehört? Ja, ungehalten kann man natürlich schon werden, wenn das Vielversprechende plötzlich etwas Minderleistendes geworden ist. Aber Vorsicht ist geboten, denn „Leistung“ ist ein schwer strapaziertes Wörtchen, von „Was woar mei Leistung?“ bis „Leistungsverweigerer“ gibt es „hundred shades of grey“ an Zuschreibung, politischer Ausschlachtung und preisverdächtiger Rückgratertüchtigung, also kurz gesagt: Moralakrobatik vom Feinsten.
Ich werfe nun nicht nur meine 50 Cents in die Waagschale, ich oute mich gleich ganz. Als ich durchaus nach Wunderkind-Spirit riechenden zarten Kindheitsjahren plötzlich und unerwartet in übelste Pubertät ausbrach, waren die Hüter meiner Entfaltung (kurz gesagt, die nächsten Verwandten, die sich schon sehr auf das kleine Genie, mit dem man so schön Eindruck schinden konnte, in ihren Reihen gefreut hatten) alles andere als amüsiert. Das angehende Wunderkind, das mit sechs Jahren bereits artig ganz gut funktionierende und kitschfreie Gedichte schrieb und auf ein reichhaltiges Œuvre an Aquarellmalereien zurückblicken konnte, warf ganz plötzlich hin.
Statt Homer, mit dem man mich intensiv gefüttert hatte, gab es plötzlich zu der größten Fassungslosigkeit meiner Eltern He-Man! Statt der intensiv geforderten und geförderten konzentrierten Dostojewski-Lektüre wälzte sich das kleine Ungeheuer mit mehreren Bänden der Elfenwelt in den Laken! Es war, als hätte man einen Mogwai nach Mitternacht gefüttert, es war das pure, boshafte Chaos, es war, kurz gesagt, heftigste Enttäuschung. Ja, überhaupt: die totale Gremlinisierung des, nun ja, vielversprechenden Zöglings. Es blieb nicht bei He-Man und Elfenwelt. Es ging weiter: Richtung Punkeinlage und Gothic-Inspiration. Die ehemals Vielversprechende malte sich eine Fledermaus mitten auf die Stirn, als wollte sie KISS beitreten, hüllte sich in unübersichtliche schwarze Wallekleider und versuchte, des Nächtens fortzubleiben. Trotz Verbot.
Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten. Je nachdem, wessen Blickwinkel man einnahm. Was für mich ein Befreiungsschlag war, war für meine Eltern eine so mutwillige wie kleckerige Nestbeschmutzung. Die Erwartung des familiären Genies war ja bereits ins Nest gelegt worden, als ich ungefähr drei Jahre alt war, stattdessen saß da plötzlich ein gewichtiges Kuckuckskind, das all die guten Anlagen hinausgekippt hatte, um mehr Platz im Nest zu haben. Das Vielversprechende eben. Und die Erfüllung? Schnecken und Pustekuchen! Irgendwann sah mich meine Mutter mit einer Mischung aus Bitterkeit und Enttäuschung an und sagte: „Ich wusste nicht, dass du ein Leerblüter sein wirst.“ Falls sich jemand, so wie ich damals, fragt, was ein Leerblüter ist: Das ist eine Pflanze, die schön blüht und keine Früchte trägt. Auf mich zeigte das allerdings eher eine bestärkende Wirkung und ich unternahm mein Möglichstes, um ein echtes Früchtchen zu werden. Warum das alles hier, in der BÜHNE, in diesem Kolümnchen?, fragen sich vielleicht nun manche Lesende. Nun, ganz einfach. Das hier Geschilderte ist eine Parabel. Ganz so leerblühend war ich ja dann doch nicht. Ich war aber anders als erwartet. Und exakt dasselbe gilt auch für alles Kommende der neuen Saison.
Mehr Vertrauen, meine Damen und Herren!