Teresa Vogl: Suchende
ORF-Kultur-Gesicht und -Stimme Teresa Vogl über die Macht der Oper, die Verrohung in sozialen Medien, Frauen im Kulturbetrieb und darüber, warum sie lieber neugierig als rechthaberisch ist und Theater die KI überleben wird.
Sie moderiert Opernball und Neujahrskonzert, interviewt Künstlerinnen und Künstler, bewegt sich mühelos zwischen Hochkultur und Gegenwartskunst – und bleibt dabei erstaunlich unprätentiös. Wir haben heute das gemacht, was Teresa Vogl sonst mit anderen macht: sie zum Interview gebeten.
Mit welchen Worten bricht man ein Interview ab?
(lacht) Vermutlich mit: „Ich kann so nicht arbeiten.“ (lacht) Natürlich gibt es Gespräche, die anstrengender sind als andere. Manchmal sitzt man jemandem gegenüber, der nur in vorbereiteten Pressesätzen antwortet. Manchmal ist jemand nervös oder misstrauisch. Aber bislang habe ich immer einen Weg gefunden, das Gespräch wieder auf Kurs zu bringen.
Was ist Ihre Utopie, was das Zusammenleben der Menschen betrifft?
Weniger Urteile. Das klingt simpel, aber ich glaube wirklich, dass wir in einer Kultur des permanenten Bewertens und Verurteilens leben. Jeder scheint ständig über andere zu richten – oft, ohne deren Situation überhaupt zu kennen. Ich würde mir wünschen, dass wir Menschen ein bisschen mehr so sein lassen, wie sie sind. Natürlich dort, wo niemandem geschadet wird. Viele Konflikte würden sich dadurch wahrscheinlich gar nicht erst entwickeln.
Lesen Sie Kommentare über sich selbst?
Immer weniger. Ich glaube, das ist eine Überlebensstrategie. Man erkennt irgendwann, dass Kommentare oft mehr über die Kommentierenden aussagen als über die Person, über die geschrieben wird. Das ist ein Gedanke, den ich sehr hilfreich finde.
Sie gelten als hervorragende Interviewerin. Was macht ein gutes Interview aus?
Vor allem Vorbereitung. Und Empathie.
Nicht Schlagfertigkeit?
Die hilft natürlich. Aber Schlagfertigkeit allein macht noch kein gutes Gespräch. Viele Menschen glauben, ein Interview sei eine Art Duell. Ich sehe das anders. Für mich ist ein Interview eher eine gemeinsame Expedition.
Was bedeutet Kultur für Sie?
Kultur ist für mich die Kunst des Zusammenlebens.
Ein schöner Satz.
Aber ich meine ihn ernst. Kultur schafft Werte, Rituale und Orientierung. Gleichzeitig erlaubt sie uns, genau diese Dinge zu hinterfragen. Das macht sie so spannend.
Also Bewahrung und Revolution zugleich?
Genau. Ein gutes Kunstwerk bestätigt uns nicht unbedingt. Oft widerspricht es uns. Und gerade deshalb bleibt es interessant.
War Kultur immer Teil Ihres Lebens?
Nicht selbstverständlich. Mit fünfzehn stand ich vor einer Entscheidung: Leichtathletik oder Musik. Ich habe damals relativ intensiv Sport betrieben und gleichzeitig gesungen. Irgendwann musste ich mich entscheiden.
Was gab den Ausschlag?
Ein Musiklehrer. Er erkannte offenbar etwas in mir und schickte mich zum Vorsingen ans Stadttheater St. Pölten. Kurz darauf stand ich in „Die Zauberflöte“ auf der Bühne. Danach wurde aus einem Interesse eine Leidenschaft. Ich begann eine Gesangsausbildung, beschäftigte mich intensiv mit Musik und arbeitete gleichzeitig bereits beim Radio.
Sie sind Journalistin, Schauspielerin & Moderatorin. Was verbindet diese Tätigkeiten?
Die Stimme. Sie war immer mein wichtigstes Werkzeug. Die Stimme transportiert nicht nur Informationen. Sie transportiert Haltung, Emotionen und Persönlichkeit.
Die meisten Menschen tragen Geschichten in sich, die es wert sind, erzählt zu werden.
Teresa Vogl
Teresa Vogl
Ist das etwas, das man lernen kann?
Ja. Natürlich gibt es Begabungen. Aber Stimme ist auch Handwerk. Atemtechnik, Sprechtechnik, Artikulation – all das kann man trainieren.
Welche Oper muss jeder gesehen haben?
„Carmen“. Weil sie alles vereint, was Oper groß macht. Große Gefühle, starke Figuren, fantastische Musik, Spannung, Konflikte. Man wird hineingezogen.
Was fasziniert Sie an Carmen besonders?
Carmen selbst. Sie ist eine unglaublich moderne Figur. Eine Frau, die sich nicht besitzen lassen will.
Gleichzeitig endet die Geschichte für Carmen tragisch ...
Ja. Und gerade deshalb muss man solche Werke heute neu lesen. Man kann die Geschichte nicht einfach reproduzieren, als wären die gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte nie passiert.
Sie haben während des Studiums acht Jahre als Statistin an der Staatsoper gearbeitet. Was lernt man dabei?
Demut. Weil man aus nächster Nähe erlebt, wie viele Menschen nötig sind, damit ein Opernabend funktioniert. Das Publikum sieht die Stars. Aber hinter ihnen stehen Hunderte andere Menschen.
Teresa Vogl studierte Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft. Sie erhielt Gesangs-, Moderations- und Schauspielunterricht und ist als Moderatorin und Schauspielerin tätig. Sie moderiert auf Ö1. im ORF-Fernsehen ist sie die Stimme des Neujahrskonzerts und das Gesicht vieler großer Galas sowie dem Opernball.
Haben Sie Lieblingsmomente?
Viele. Besonders in „Carmen“. Da gibt es eine Massenszene, in der zwei Zigarettenarbeiterinnen miteinander streiten. Eine Freundin und ich haben diese Szene mit einer Ernsthaftigkeit gespielt, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Wir haben wirklich alles gegeben.
Sie gelten als große Opernliebhaberin. Gleichzeitig kritisieren Sie das Repertoire vieler Häuser.
Ja. Weil ich mir mehr Gegenwart wünsche. Wir spielen Werke, die zweihundert oder dreihundert Jahre alt sind. Das ist wunderbar. Aber eine Kunstform darf sich nicht ausschließlich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen.
Was fehlt?
Aktuelle Geschichten. Politische Themen. Gesellschaftliche Konflikte. Neue musikalische Sprachen.
Viele Besucher haben Angst vor moderner Musik.
Die verstehe ich sogar. Manchmal ist zeitgenössische Musik auch anstrengend. Aber Kunst muss nicht immer bequem sein
Wird Theater in einer digitalen Welt überleben?
Davon bin ich überzeugt.
Warum?
Weil Menschen Geschichten brauchen.Das wird sich nie ändern.
Selbst wenn künstliche Intelligenz irgendwann perfekte Unterhaltung erzeugt?
Vielleicht dann sogar noch mehr. Denn dann wächst die Sehnsucht nach dem Echten. Und im Moment ist das Echte. Die Tatsache, dass etwas hier und jetzt passiert. Ein Mensch steht auf einer Bühne und erzählt einem anderen Menschen eine Geschichte. Das ist durch nichts zu ersetzen.
Warum ist es schwieriger, eine prominente Frau zu sein als ein prominenter Mann?
Ich glaube, Frauen werden nach wie vor anders beurteilt. Weil bei Frauen oft Dinge bewertet werden, die bei Männern kaum eine Rolle spielen. Aussehen. Alter. Kleidung. Dabei sollte es um andere Dinge gehen: Kompetenz. Glaubwürdigkeit. Erfahrung.
Österreich lebt von der Kultur, aber wirklich erkannt wird das nicht. Richtig?
Das stimmt. Dabei ist Kultur eines unserer wichtigsten Alleinstellungsmerkmale. Wir müssten langfristiger denken. Mehr Förderung für den Nachwuchs. Mehr kulturelle Bildung. Mehr Investitionen in Musikschulen und Vereine. Die großen Orchester entstehen nicht von selbst. Man muss die Basis stärken.
Wie ist das, wenn man eine der quotenstärksten Sendungen des ORF moderiert – das Neujahrskonzert –, und eigentlich sieht man Sie während der Sendung nie? Frustrierend?
Nein. Eigentlich ist das sogar angenehm. Weil ich dort einfach meine Arbeit machen kann. Ohne dass jemand über meine Frisur, mein Kleid oder mein Auftreten diskutiert.
Sind Ihnen Menschen eigentlich sympathisch?
Lassen Sie mich so antworten: Ich möchte Menschen verstehen. Je mehr man über jemanden erfährt, desto schwieriger wird es, ihn pauschal abzulehnen.
Das klingt fast wie eine Lebensphilosophie.
Vielleicht ist es das. Ich habe jedenfalls noch nie ein ehrliches Gespräch geführt und danach gedacht: Dieser Mensch ist völlig uninteressant. Die meisten Menschen tragen Geschichten in sich, die es wert sind, erzählt zu werden. Und wahrscheinlich liebe ich Interviews genau deshalb. Sie erinnern uns daran, dass hinter jeder Rolle, hinter jeder Schlagzeile und hinter jedem öffentlichen Bild ein Mensch steckt.