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„Black Box" zerlegt die Illusionsmaschine in ihre Einzelteile, ohne dass dabei der Zauber von Theater verloren geht.

„Black Box" zerlegt die Illusionsmaschine in ihre Einzelteile, ohne dass dabei der Zauber von Theater verloren geht.
Foto: Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Black Box: Phantomtheater gegen den Phantomschmerz

Volkstheater Wien

Rimini Protokoll machen das Theater in „Black Box" nicht zu einem Museum, sondern zu einem Ort, an dem Erinnerungen Schicht für Schicht abgetragen werden. Was dabei am Ende ganz klar hervortritt? Die große Sehnsucht nach Theater.

Die Reise ins Innere des frisch renovierten Volkstheaters beginnt im etwas einengenden Kassenhäuschen. In Warteposition mit einem leichten Anflug von Nervosität. Der vorsichtige Blick nach draußen ins Foyer beruhigt: Alles okay, aber verdammt leer hier. Wie lange es noch so bleiben wird, kann einem auch die Kopfhörerstimme nicht sagen, der man in den nächsten 90 Minuten durch sämtliche Schaltzentralen der Simulationsmaschine folgen wird. Über das Theater an sich weiß sie jedoch ziemlich viel. Unter anderem, dass es nicht nur Sprache, sondern auch „Raum, Geruch, Adrenalin und Gemeinschaft“ ist. Auch wenn vor allem Letzteres in den vergangenen Monaten hauptsächlich zum Gegenstand von Erinnerungen geworden ist.

Erinnerungsspeicher

Erinnerung ist ein gutes Stichwort, denn das Volkstheater ist nicht nur eine Illusionsmaschine, sondern auch ein Speicher von Erinnerungen, die hier überall an den Wänden kleben. Daran ändert auch der frische Anstrich nichts. Es soll in diesem Text aber nicht der Eindruck entstehen, dass es sich um eine mit netten Anekdoten ausstaffierte Backstagetour handelt, die Rimini Protokoll hier anbieten. Denn die eigene Rolle, die man von zahlreichen anderen Theaterbesuchen ja eigentlich ganz gut kennt, ist hin und wieder gar nicht mehr so klar konturiert. War man gerade noch Akteur auf fast schon detektivischer Mission, wird man in der nächsten Station plötzlich zum Souffleur, zum Schauspieler und schließlich auch zum einzigen Zuseher im leeren Theatersaal. Auch wer beobachtet und wer beobachtet wird, ist nicht immer ganz klar. Es wäre aber auch irgendwie nicht Theater, wenn man selbst bei einer solchen Offenlegung der Maschinerie, nicht mit kleinen Geheimnissen operieren würde.

Wer spielt und wer schaut zu? Einiges bleibt bei „Black Box" offen.
Foto: Nikolaus Ostermann / Volkstheater
Wer spielt und wer schaut zu? Einiges bleibt bei „Black Box" offen.

Von der „Black Box" zum „White Cube"

Es lohnt sich jedenfalls, nicht nur gut hinzuhören, wenn man in der Kostümankleide oder im Souffleurkasten sitzt, sondern auch die Augen offenzuhalten. In der „Black Box“, die in diesem Zusammenhang eher wie ein "White Cube" anmutet, passiert nämlich so einiges. Nähmaschinen fangen an zu rattern, Schnee fällt von der Decke, Licht verändert plötzlich die Farbe und in der Unterbühne, dem Unbewussten der Weltsimulationsmaschine, fährt plötzlich ein Zug los. Die Gespräche, die über die Kopfhörer eingespielt werden, wurden alle an jenen Orten aufgenommen, an denen man sich während der Erkundungstour gerade befindet. Obwohl sie nicht sichtbar sind, entsteht der Eindruck, dass sich die sprechenden Personen mit einem im Raum befinden. Mehr soll an dieser Stelle aber auch gar nicht vorweggenommen werden. Vielleicht nur noch, dass das Wissen (vermeintlich) alleine zu sein, nichts daran ändert, dass der eigene Aufritt im hellen Bühnenlicht nicht ohne schwitzende Hände vonstattengeht.

Phantomtheater gegen den Phantomschmerz

Als „Phantomtheater für 1 Person“ bezeichnet Stefan Kaegi, Mitbegründer von Rimini Protokoll, sein Stück. Wie er im Gespräch mit der BÜHNE erklärt, bezieht er sich dabei auf das seltsame Gefühl, das in einem leeren Theater entsteht. „Ich habe relativ viel Zeit in leeren Theatern verbracht, wo man die Mengen, die sich dort normalerweise versammeln, wie ein Echo spürt." Fällt dieses gemeinsame Empfinden weg, entsteht, so Kaegi, eine Art Phantomschmerz.

Aus der manchmal unheimlichen, aber niemals bedrückenden Abwesenheit von „Raum, Geruch, Adrenalin und Gemeinschaft“ tritt am Ende der Tour vor allem eine Sache ganz deutlich hervor: Die Sehnsucht nach Theater. Und nach dem gemeinsamen Weißen Spritzer danach.

Zu Rimini Protokoll

Rimini Protokoll entwickeln ihre Bühnenstücke, Interventionen, szenischen Installationen und Hörspiele oft mit Expertinnen und Experten, die ihr Wissen und Können jenseits des Theaters erprobt haben. Außerdem übersetzen sie gerne Räume oder soziale Ordnungen in theatrale Formate. Viele ihrer Arbeiten zeichnen sich durch Interaktivität und einen spielerischen Umgang mit Technik aus.

Weiterlesen: Kay Voges holt Becketts „Endspiel“ nach Wien

Termine und Infos zu „Black Box" auf der Seite des Volkstheaters

Weiterführende Informationen zu Rimini Protokoll

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
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