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Ein Lohnverrechner, der sich selbst einlagert: Phillipp Laabmayr im Monolog „Übergang“ von Gregor Guth.

Ein Lohnverrechner, der sich selbst einlagert: Phillipp Laabmayr im Monolog „Übergang“ von Gregor Guth.
Foto: Markus Sepperer

Willkommen im Store-Age!

Freie Szene

Kann man sich selbst ein- oder auslagern? Liegt die Wahrheit vielleicht im Aufbewahren? Diesen Fragen – und noch vielen mehr – widmet sich Veronika Glatzner in ihrem Stationentheater „Lagerkollaps!“.

Gerade war noch alles gut im sogenannten Store-Age. Dann plötzlich: Lagerkollaps! Das neueste Projekt des Vereins TEMPORA beschäftigt sich auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Thema der Ein- und Auslagerung. Als installiertes Stationentheater findet „Lagerkollaps!“ in leerstehenden Erdgeschosslokalen und Teilen des Self-Storage-Lagerhauses MyPlace im 16. Wiener Gemeindebezirk statt. Die von Julia Schranz, Grischka Voss, Philipp Laabmayr und Valentin Postlmayr gespielten Monologe gewähren ebenso humorvolle wie abgründige Einblicke in skurrile Innenwelten und beleuchten unterschiedliche Facetten der Einlagerung des Selbst. Das Konzept stammt von Veronika Glatzner, die TEMPORA 2014 gegründet hat. Der Verein für „vorübergehende Kunst“ realisiert Projekte an Orten abseits der institutionalisierten Theaterräume – in Zwischennutzungen und leerstehenden Räumen. Das letzte Projekt mit dem Namen „BitSh“ verwandelte die aufgelassene Semmelweisklinik in einen Theaterraum.

Julia Schranz spielt Magdalena Schrefels Monolog „Obwohl es vom Himmel verschwindet“.
Foto: Markus Sepperer
Julia Schranz spielt Magdalena Schrefels Monolog „Obwohl es vom Himmel verschwindet“.

Bewahren oder Aufbewahren?

Auf gleichermaßen humorvolle wie eindringliche Weise rückt „Lagerkollaps!“ folgende Fragen in den Fokus: Was steckt eigentlich hinter dem Bedürfnis der Lagerung ? Welche unterschiedlichen Formen der Selbsteinlagerung gibt es und welche Rückschlüsse auf eine sich ständig verändernde Stadtgesellschaft können dadurch gezogen werden? Was ist der Unterschied zwischen Bewahren und Aufbewahren? Unterfüttert werden diese Fragestellungen mit Überlegungen zum Thema Stadtentwicklung – immer wieder wird die Aufmerksamkeit auch darauf gelenkt, dass halböffentliche Orte wie Lokale und Werkstätten immer weniger werden. TEMPORA versucht diesen Entwicklungen temporär entgegenzuwirken, indem leerstehenden Räumen mit den Mitteln des Theaters neues Leben eingehaucht wird.  

Valentin Postlmayr auf der Ottakringer Straße. Den Monolog „Wastl die Leich“ hat er selbst geschrieben.
Foto: Markus Sepperer
Valentin Postlmayr auf der Ottakringer Straße. Den Monolog „Wastl die Leich“ hat er selbst geschrieben.

(K)ein blaues Wunder

Eingelagert werden häufig auch Dinge, deren Wert auf den ersten Blick gar nicht erkennbar sind, so Veronika Glatzner im Interview mit Ö1. Manchmal lässt sich ein solcher auch gar nicht festmachen – wie etwa, wenn es im Monolog von Grischka Voss um die Einlagerung von emotionalem Ballast und von Altlasten aus vergangenen Beziehungen geht. Oder wenn eine sogenannte Himmelsarchivarin, gespielt von Julia Schranz, das Blau des Himmels aufbewahren möchte, weil sie befürchtet, es könnte durch die Maßnahmen sogenannter Geo-Engineers verloren gehen. Es kann durchaus sein, dass einem hier das Blaue vom Himmel versprochen wird, man am Ende aber doch (k)ein blaues Wunder erlebt.

Ein Untoter namens Wastl erkennt im sogenannten Store-Age eine Manifestation der Konkurrenz zwischen Körper und Klumpert (an dem er sich regelmäßig die Zehen anhaut). Wie „Storebox-Mum“ Grischka Voss hat auch Valentin Postlmayr, der sich als Wastl auch dem abendlichen Geschehen auf der Ottakringer Straße ausliefert, den von ihm gespielten Text selbst geschrieben. Bei der Generalprobe sorgte jener Teil seines Monologes, der auf dem Gehsteig vor einem leerstehenden Erdgeschosslokal stattfindet, nicht nur für Wohlwollen. „Hom’s da ins Hirn g’schissn“, dröhnte es plötzlich von der anderen Straßenseite herüber. Der Schauspieler reagierte gelassen – auch als sich einige Passant*innen spontan dazugesellten.

Der Schauspieler Phillipp Labmaayr überzeugt in „Lagerkollaps!“ als ebenso skurriler wie hintergründiger Lohnverrechner, der sich in leeren Lagerräumen einschließt, wenn ihn die Lust auf die Welt da draußen verlässt. Außerdem kann man von ihm lernen, wie man richtig steht – eine Info, die auch für Glatzners Theaterspaziergang wertvoll ist. Wobei es bei jeder der Stationen auch Möglichkeiten gibt, sich hinzusetzen.

Fazit: Wäre das auch nur irgendwie möglich, würde man viele der hier hier gezeigten Theatermomente gerne einlagern, um sie bei Bedarf wieder ganz nah an sich heranholen zu können.

Grischka Voss als „Storebox-Mum“ in einer leerstehenden Pizzeria im 16. Bezirk.
Foto: Markus Sepperer
Grischka Voss als „Storebox-Mum“ in einer leerstehenden Pizzeria im 16. Bezirk.
Zur Person: Veronika Glatzner

Studierte Soziologie an der Universität Wien und Schauspiel am Konservatorium Wien. Von 2010 bis 2013 war sie unter Andreas Beck am Schauspielhaus Wien festes Ensemblemitglied. Seit 2014 ist sie als freie Schauspielerin und immer wieder auch als Regisseurin tätig. Sie gründete den Vereins TEMPORA – Verein für vorübergehende Kunst zur Entwicklung von Theaterprojekten als Zwischennutzung von leerstehenden Räumen.

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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