Markus Scheumann: „Spannend wird es für mich dort, wo das Eis dünn ist“

In Thomas Bernhards Stück „Die Jagdgesellschaft“ spielt Markus Scheumann den Schriftsteller. Eine Rolle, die er sich zunächst nicht vorstellen konnte. Im Interview erklärt er, warum das seiner Meinung nach nur Vorteile hat.

BÜHNE: Haben Sie vor dieser Produktion schon einmal mit Lucia Bihler zusammengearbeitet?

Markus Scheumann: Ich kannte Lucia Bihler vor unserer Zusammenarbeit hier am Burgtheater nicht, habe sie also am Tag der Leseprobe zum ersten Mal getroffen. Für mich ist die Arbeit mit ihr und ihrem Team sehr inspirierend, weil es ein vergleichsweise junges Team ist, das Theater anders sieht und ganz andere Fantasien hat. Man verführt sich gegenseitig zu neuen Herangehensweisen und wird dadurch aufgefordert, andere Dinge von sich selbst zu zu zeigen. Dadurch ergeben sich schöne Überraschungen, die einen in bereits ausgetretenen Pfaden in dieser Form nicht erwarten würden.

War es auch Ihre erste Begegnung mit Thomas Bernhards Stück „Die Jagdgesellschaft“?

Wenn ich ganz ehrlich bin, kannte ich das Stück vorher überhaupt nicht und habe beim ersten Lesen wahnsinnig viel nicht gleich verstanden, weil es sich mir durch die Lektüre alleine einfach nicht erschlossen hat. Ich musste es ziemlich oft lesen, um überhaupt in diese Welt hineinzufinden.

„Der Text hat mich zunächst einmal abgeschreckt, weshalb ich dann sehr froh darüber war, dass wir die Arbeit an dem Stück sehr atmosphärisch aufgebaut haben.“

Markus Scheumann, Schauspieler am Burgtheater

Wer über Thomas Bernhard spricht, kommt in der Regel nicht umhin auch über seine Sprache zu reden. Wie ist es Ihnen mit diesem doch sehr dichten Text gegangen?

Der Text hat mich zunächst einmal abgeschreckt, weshalb ich dann sehr froh darüber war, dass wir die Arbeit an dem Stück sehr atmosphärisch aufgebaut haben. Über die Ästhetik, die wir gemeinsam erarbeitet haben, haben sich dann viele Elemente des Stückes erschlossen. Unter anderem auch seine Bösartigkeit.

Können Sie vielleicht noch ein bisschen genauer erläutern, wie Sie das mit der Annäherung über die Atmosphäre des Stücks meinen?

Es ging darum, die Fantasie aller Spielerinnen und Spieler anzuzapfen. Unter anderem auch mit ausgedehnten Improvisationen. Durch diese Form der Arbeit kam der Text dann wie durch die Hintertür zu uns und wurde schließlich „unser“ Text.

In Lucia Bihlers Inszenierung von Thomas Bernhards Untergangsstück „Die Jagdgesellschaft" spielt Markus Scheumann den Schriftsteller. Foto: Susanne-Hassler-Smith

Bernhard am Burgtheater zu inszenieren ist natürlich auch immer ein Spiel mit Erwartungshaltungen.

Das stimmt. Und diese Erwartungshaltungen fordern einen gewissen Respekt oder machen auch ein bisschen Angst, wobei das vermutlich auch einfach zu dieser speziellen Konstellation aus genau diesem Autor, dieser Stadt und diesem Theater dazugehört. Das hat uns aber nicht in unserem Spieltrieb behindert. Gleichzeitig ging es uns bei der Arbeit an dem Stück nie darum, ein Heiligtum zu zerstören. Wir wollen den Autor und das Stück neu entdecken.  

Am Anfang dieser Spielzeit waren Sie ja in Thomas Köcks „antigone. ein requiem“ als Kreon zu sehen. Auch Köcks Stück zeichnet ein besonderer Sprachrhythmus und ein extremer Fokus auf die Sprache aus. Gibt es da Parallelen?

Lustigerweise habe ich, seitdem ich am Burgtheater engagiert bin, insgesamt dann schon vier Stücke gespielt, bei denen es ganz viel um Sprache geht. Beim Stück „Vögel“ stand für mich die Sprache im Vordergrund, weil ich mich dafür mit dem Hebräischen auseinandersetzen musste. Kleists Hermannsschlacht wiederum kommt mit einer großen Wucht und einer komplizierten Sprache daher, die man total ernst nehmen muss und auch eine wichtige Rolle in dem Stück einnimmt. Und dann kam Thomas Köck, der Umbrüche an Stellen setzt, von denen man nachts noch träumt (lacht). Gerade als ich dachte, dass es da wohl kaum noch Luft nach oben gibt, habe ich dann „Die Jagdgesellschaft“ gelesen. Ein Stück, von dem ich jetzt weiß, dass es sich auch nicht so einfach aus der Hüfte spricht. (lacht)

„Richtig spannend wird es für mich, wenn ich gar nicht weiß, welche Verrenkungen ich am Ende des Tages gemacht haben werde. Dann werden Begegnungen toll.“

Markus Scheumann über neue Begegnungen mit sich selbst

Ich habe in einem Artikel gelesen, dass für Sie die interessantesten Rollen jene sind, die Sie sich absolut nicht vorstellen können. Ist das nach wie vor so?

Ich stehe immer noch zu dieser Aussage. Und auch bei diesen Stück trifft das zu. Wenn man mich vor einigen Wochen gefragt hätte, welche Rolle in einem Bernhard-Stück ich gerne spielen würde, wäre es definitiv nicht der Schriftsteller in der „Jagdgesellschaft“ gewesen. Deshalb bin ich bei diesem Stück auch so abhängig von der Regisseurin. Ich habe diese neue Fantasie gebraucht. Zu sagen, dass man sich etwas vorstellen kann, ist schon der halbe Tod. Richtig spannend wird es für mich, wenn ich gar nicht weiß, welche Verrenkungen ich am Ende des Tages gemacht haben werde. Dann werden Begegnungen toll. Vor allem die neue Begegnung mit sich selbst, die aber immer auch beängstigend ist, weil man das, was man rauslässt, gleichzeitig immer auch verschenkt. Und darauf dann keinen Anspruch mehr hat.

Sie sind also nicht gelassener geworden?

Ich würde nicht sagen, dass ich heute abgeklärter oder gelassener bin als am Anfang meiner Karriere. Natürlich gibt es einige Dinge, die ich jetzt einfach weiß, aber diese Kenntnisse machen den Beruf nicht aus. Sie sind zwar etwas wert, aber irgendwie auch langweilig. Spannend wird es für mich dort, wo das Eis dünn ist.

Wenn Sie nach Vorstellungen ins Grübeln geraten, nehmen Sie diese Gedanken dann mit nach Hause?

Ja, leider. Obwohl das natürlich gar nichts bringt. Denn wenn man einmal etwas von sich weggegeben hat, ist es einfach weg. Man kann sich auf der Bühne auch nicht vornehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Durch Vornehmen und durch Zwang erreicht man in diesem Job gar nichts. Ich bin vor kurzem total in einen Wettbewerb der Vierschanzentournee reingekippt und habe dabei plötzlich an die Schauspielerei gedacht. Ohne die beiden Jobs jetzt miteinander vergleichen zu wollen (lacht). Aber auch auf der Bühne ist es so, dass man in der Luft, ganz ohne Boden unter den Füßen, viele Dinge auf einmal richtigmachen muss.

Zur Person: Markus Scheumann

Markus Scheumann, geboren 1968 in Dortmund, studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Festengagements führten ihn u. a. an das Theater an der Ruhr in Mülheim, das Schauspiel Köln und das Düsseldorfer Schauspielhaus. Mit der Saison 2019/20 wechselte er vom Schauspielhaus Zürich ans Burgtheater.

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Alle Infos zum Premierentermin von „Die Jagdgesellschaft“ werden hier laufend aktualisiert