Wenn die Zukunft im Dunkeln liegt

Die Gedankengänge von Peter Pan und Pippi Langstrumpf sind den Figuren in „Nachtschattengewächse“ fremd. Schnell erwachsen werden und funktionieren, lautet das ihnen auferlegte Credo.

„kusch moritz / du kannst das ausziehen / so wird die zukunft nicht aussehen“, sagt Jonas zu Moritz, nachdem dieser von seinen Internatskolleg*innen dazu aufgefordert wurde, ihnen seinen neuen Pullover zu präsentieren. Das strenge Urteil abwartend dreht er sich so lange um sich selbst, bis ihm schwindelig wird. Doch nicht nur mit neuen Kleidungsstücken bereiten sich die Figuren in Johannes Hoffmanns dystopisch anmutendem Stück „Nachtschattengewächse“ darauf vor, endlich an der Welt außerhalb des Internats teilhaben zu dürfen, sondern auch mit einstudierten Verhaltensweisen und von den Erwachsenen abgeschauten Redewendungen. Wie Fremdkörper purzeln Begriffe wie „Avantgarde“ aus ihnen heraus. Und in die Zukunft müssen sie, wie in einen viel zu großen Pullover, erst hineinwachsen. Nur im Dunkel der Nacht tritt die Sehnsucht nach Autonomie flüsternd hervor.

Nachtschattengewächse: Wenn die Zukunft im Dunkeln liegt
Eren Kavukoglu und Pilar Borower in „nachtschattengewächse“. Foto: Marcella Ruiz Cruz

Atmosphärische Räume

Einen Schlüsselmoment, der ihn zum Schreiben des mit dem Retzhofer Dramapreises für junges Publikum ausgezeichneten Stückes brachte, kann Johannes Hoffmann zwar nicht festmachen, die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein interessiert den gebürtigen Grazer aber schon länger. „Vor etwa acht Jahren hielt ich mich länger in der Nähe eines Internats am Bodensee auf, um für ein anderes Stück zu recherchieren. Dieses Material habe ich für ‚Nachtschattengewächse‘ zwar nicht direkt benutzt, aber die Erinnerungen an diesen Ort kamen beim Schreiben schon immer wieder hoch“, erzählt Hoffmann. Anfangs war das Stück, das sich mit dem in unserer Gesellschaft fest verankerten Drang zur permanenten Selbstoptimierung beschäftigt, gar nicht als Jugendstück geplant, fügt er hinzu.

Der Schreibprozess sei bei ihm, vor allem am Anfang, von sehr viel Intuition geprägt, hält Hoffmann fest. Auch bei diesem Stück waren zuerst die Figuren da, die sich ganz ohne Erwachsene selbst regulieren. Der Ort, an dem sie sich befinden, bleibt jedoch undefiniert zwischen Realität und Traum. „Ich schreibe gerne in einen atmosphärischen Raum hinein“, bringt er seine Arbeit auf den Punkt. Wer ihm dort als Nächstes begegnet? Wir sind gespannt!

Zu den Spielterminen von „Nachtschattengewächse“ im Vestibül!

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