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Elfriede Jelinek polarisiert, weil sie eine Frau ist, die sich weigert, zu schweigen und altersmilde zu werden. - Matthias Seier, Dramaturg

Elfriede Jelinek polarisiert, weil sie eine Frau ist, die sich weigert, zu schweigen und altersmilde zu werden. - Matthias Seier, Dramaturg
FOTO: SOJU.STUDIO / JULIAN LEE-HARATHER

Ein Abend zur rechten Zeit

Volkstheater

Alle Karten auf den Tisch. Im Interview mit Volkstheater-Dramaturg Matthias Seier trifft die bekannte Redewendung auf zweifache Weise zu. Unser Gespräch über den vierteiligen Jelinek-Marathon „Die Ankunft“ in der Regie von Jan Philipp Gloger begann nämlich mit dem Lesen einer Hasspostkarte.

Auf seltsame Weise rührend. So beschreibt Dramaturg Matthias Seier die handschriftlich verfasste Postkarte, die auf dem großen Besprechungstisch vor uns liegt. Natürlich sei sie aber auch besorgniserregend, setzt er nach. Es ist eine anonyme Hasspostkarte, auf der in wenigen absurden Satzfragmenten gegen Elfriede Jelinek gewettert wird. Eingegangen unmittelbar nach Verkündung des Programms der Spielzeit 2026/27, wie Seier hinzufügt.

Postwendend sozusagen. Was der anonyme Schreiber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorausgesehen hat: Seine wütende Postkarte spielt uns in diesem Moment auf ebenso denk- wie merkwürdige Weise in die Karten, denn sie ist der ideale Aufhänger, um über die Kontinuität von Hass, Spaltung und rechten Denkens zu sprechen.

ES BRAUT SICH ETWAS ZUSAMMEN

Denn genau darum gehe es in „Die Ankunft“, der zweiten Volkstheater-Premiere der Spielzeit 2026/27, so Seier. Der Theaterabend in der Regie von Jan Philipp Gloger, der vier Stücke der Nobelpreisträgerin zu einem Abend zusammenzurrt, beginnt mit Jelineks erstem Theatertext „Wolken.Heim.“, ein Zitatgeflecht, das Texte von Hölderlin, Kleist, Hegel und Heidegger zu einem hochartifiziellen Identitäts- und Heimatmonolog verschmilzt. „In ihrem Schreiben haben diese Autoren, die später ja auch von den Nationalsozialisten missbraucht wurden, den Keim für nationales Denken gesät, teils noch vor dem Entstehen von Nationen überhaupt“, fasst Matthias Seier den 1988 uraufgeführten Text zusammen. Darauf folgt „Rechnitz (Der Würgeengel)“, Elfriede Jelineks zentrales Stück über die Verbrechen der Nationalsozialisten und das Schweigen, das sich vor allem in Österreich sehr hartnäckig hielt.

„In ihrem Text über das Massaker von Rechnitz sprechen die Boten des Schlosses unheimlich viel, aber nur, um nicht benennen zu müssen, was wirklich passiert ist“, hält der Dramaturg fest. Der dritte Theatertext mit dem Titel „Das schweigende Mädchen“ ist eine Auseinandersetzung mit dem Rechtsterrorismus des NSU, ihren Morden und den darauffolgenden Gerichtsprozessen.

Mit „Das Lebewohl – nein: Die Ankunft“ ist man schließlich in der Gegenwart – beim parlamen tarischen Arm des Rechtsextremismus – angekommen. Elfriede Jelinek hat den Text, der sich zunächst auf den Rückzug Jörg Haiders nach Kärnten bezog, noch einmal umgeschrieben – nämlich zu jenem Zeitpunkt, als Herbert Kickl gerade in Regierungsgesprächen saß. Die Perspektive ist die eines Mannes, der sich nonstop an seiner eigenen Macht berauscht, beschreibt Matthias Seier den jüngsten der vier Texte. „Aus der Verbindung der vier Texte entsteht im besten Fall ein großes Panorama, das die Mechanismen und Kontinuitäten rechten Denkens und Handelns entlarvt. Und gleichzeitig hoffentlich auch ein großer Theaterabend, denn es gibt eigentlich keinen Text von Elfriede Jelinek, in dem nicht unglaublich viel scharfsinniger Humor steckt.“

Matthias Seier bringt daraufhin den Begriff „Denkgebäude“ ins Spiel. Die einzelnen Stücke seien zwar voneinander getrennt, erläutert der Dramaturg, bauen im wahrsten Sinne des Wortes aber aufeinander auf. Kurz: „Es baut und braut sich etwas zusammen.“ Das klingt nicht nur unheimlich, sondern ist es auch, denn der Geist des Nationalsozialismus scheint sich in diesem Haus gemütlich eingerichtet zu haben. In dieser Hinsicht ist „Die Ankunft“ also vielleicht auch eine Geisteraustreibung.

„Auch im Titel ‚Die Ankunft‘ und im Verlauf unseres Vorhabens liegen etwas Gefährliches“, ergänzt Seier. „Denn der Abend beginnt mit dem Satz ‚Wir sind zu Hause‘ und endet damit, dass der Sprecher in ‚Das Lebewohl – nein: Die Ankunft‘ permanent sagt: ‚Wir sind jetzt da‘.“

Von Unbekannt. Eingegangen kurz nach der Spielplan-Veröffentlichung 2026/27.
FOTO: BEIGESTELLT / VOLKSTHEATER WIEN
Von Unbekannt. Eingegangen kurz nach der Spielplan-Veröffentlichung 2026/27.

ZUR RECHTEN ZEIT

Wie gelingt es ihm eigentlich, bei solch einem umfangreichen Projekt nicht in Referenzen und Sekundärliteratur zu versinken? Matthias Seier lacht und antwortet: „Man könnte bei diesen Texten natürlich eine Woche lang an einer Seite kauen. Mir ist es wichtig, sie zuerst ganz naiv und intuitiv zu lesen. Dann beginnt eine intensive Recherchephase und danach möchte ich manches auch wieder kontrolliert vergessen, weil wir unsere Stücke ja nicht für Germanist*innen produzieren. Am Ende sollte es wieder situativ und sinnlich sein, Spaß machen und Gedanken in Gang setzen. Hier ist es außerdem so, dass Jan Philipp Gloger und die Dramaturgin Brigitte Ostermann bei den ersten drei Stücken, die am Staatstheater Nürnberg ja bereits gezeigt wurden, schon sehr viel Vorarbeit geleistet haben. Die Fassungen habe ich für Wien jedoch angepasst. Schlussendlich kommt auch eine neue Inszenierung dabei heraus.“

Als fester Dramaturg am Volkstheater hat Matthias Seier mit ganz unterschiedlichen Genres, Stücken und Texten zu tun. Das sei auch eine der schönsten Seiten an seinem Beruf, merkt er an. Weil er unter anderem mit Calle Fuhr auch schon an dokumentarischen Stücken gearbeitet hat, möchten wir noch von ihm wissen, ob der Rechtsruck nicht eher nach faktischer Auseinandersetzung und Aufklärung verlangt.

„Ich bin davon überzeugt, dass beide Herangehensweisen ein Verstehen ermöglichen – nur eben auf sehr unterschiedliche Weisen. Ich bin auch nicht so pessimistisch wie Elfriede Jelinek, die sagt, dass sie in ihrem Leben keine Sekunde daran geglaubt hat, mit ihren Texten etwas bewirken zu können. Ich glaube, dass das Theater unter anderem deshalb so wichtig ist, weil es ein Ort ist, an dem man in einer Gemeinschaft Texten, Bildern und Gedanken folgen kann. In einer so fragmentierten Zeit, die mittlerweile vor allem von individuellen Algorithmen geprägt ist, kann es eine wertvolle Erfahrung sein, gemeinsam darüber nachzudenken, wo man gerade steht und wie man in Zukunft mit dieser Partei umgehen könnte.“

Zurück zur Postkarte, zur Fortdauer rechten Denkens und zur damit verbundenen Kontinuität, wenn es darum geht, sich in wütenden Nachrichten über die Nobelpreisträgerin auszulassen. Die Frage, wieso Elfriede Jelinek auch heute noch so sehr polarisiert, beantwortet Matthias Seier wie folgt: „Weil sie eine Frau ist. Und weil sie noch dazu eine Frau ist, die sich weigert, zu schweigen oder altersmilde zu werden. Außerdem hasst der Faschismus Witz und Intelligenz. Beides hat Elfriede Jelinek im Übermaß.“

„Die Ankunft“ ist daher definitiv ein Theaterabend zur rechten Zeit, wie es Matthias Seier doppeldeutig und dabei unglaublich eindeutig auf den Punkt bringt. Die Postkarte, die das bezeugt, liegt vor uns auf dem Tisch.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Die Ankunft“ im Volkstheater!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 07/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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