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Stefan Bachmann auf dem höchsten Punkt des Burgtheaters.

Stefan Bachmann auf dem höchsten Punkt des Burgtheaters.
Foto: Marcel Urlaub

Haltung statt Zurückhaltung

Burgtheater

Es sieht so aus, als würde Stefan Bachmann seinen großen Theatertanker weiterhin stabil auf Erfolgskurs halten. An Erfolgsformeln glaubt er jedoch nicht. Und an starre Dogmen schon gar nicht. Vielleicht ist das Burgtheater ohnehin eher ein Traumschiff als ein behäbiger Tanker. Wir haben den BURG-Direktor getroffen.

Irgendwann wird ein Wald auf diesem Parkplatz wachsen“, das ist kein Satz, mit dem man rechnet, wenn man sich mit dem Direktor des Burgtheaters trifft, um über das Programm der kommenden Spielzeit zu sprechen. Aber er passt zu Stefan Bachmann, der im Vorwort zum aktuellen Spielzeitbuch unter anderem die Frage aufwirft, ob er eigentlich ein Träumer sei.„Vielleicht. Aber ich bin nicht der Einzige.“ Der Satz passt auch zu seinem vorsichtigen, aber dennoch unerschütterlichen Optimismus unser Zusammenleben auf diesem Planeten betreffend, der sich unter anderem aus einfachen Beobachtungen speist. Unter anderem aus der folgenden: Bei seiner nachmittags zurückgelegten Fahrradstrecke sei ihm wieder einmal bewusst geworden, wie grün die Stadt in den letzten Jahren geworden ist. Ob sich aus diesen Bemühungen eines Tages wirklich ein innerstädtischer Wald entwickelt, ist zwar fraglich, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Wobei das mit dem Träumen im Theater sogar eher Verpflichtung als bloße Möglichkeitsform ist. Es gehört sozusagen zur „Job Description“.

Weil sich vom Träumen allein aber noch kein Spielplan zusammenschraubt, sprechen wir unter anderem über jene Faktoren, die im Idealfall zusammenkommen, damit genau das passiert. „Zusammenkommen“ ist ein gutes Stichwort für Stefan Bachmann, denn so ein Programm entstehe keinesfalls allein am Schreibtisch, betont er. „Es sind viele Gespräche dafür notwendig“, hält er fest. „In unterschiedlichen Konstellationen, vor allem aber in der Dramaturgie, sprechen wir darüber, was uns gerade beschäftigt. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Regisseurinnen und Regisseure, die mit Wünschen und Vorschlägen zu uns kommen, wie auch Verlage, die uns Stücke anbieten. So war das beispielsweise bei ‚Kyoto‘ der Fall, von dem mir zusätzlich eine Freundin erzählt hat, die das Stück in London gesehen hatte. Natürlich denken wir auch darüber nach, welche Schauspielerinnen und Schauspieler wir gerne in bestimmten Rollen sehen würden.“

VERANTWORTUNG FÜR VIELFALT

Wie schon in den vergangenen beiden Saisonen gilt: Eine thematische Klammer oder gar einmarkiges Motto gibt es nicht. „Ich würde das als Einengung empfinden“, merkt der BURG-Direktor an. „Es gibt genug Dogmatik in der Welt. Schlussendlich entsteht so ein Spielplan ja aus unterschiedlichen Perspektiven, mit denen man auf die Welt schaut und in die Geschichte zurückblickt. Ich glaube, dass es schon Theater gibt, die scharfe Profile brauchen, aber die BURG hat eher die Aufgabe, im Zentrum der österreichischen Theaterlandschaft zu stehen und inhaltlich wie auch formal eine große Vielfalt abzubilden, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Wir haben eine Verantwortung für neue Stücke, aber auch für die Klassikerpflege, für bekannte österreichische Literatur, aber auch für neue Texte österreichischer Autorinnen und Autoren.“

Gegen Dogmen jeder Art hätte er sich eigentlich schon immer gewehrt, fügt er hinzu. „Ich gehöre zu jener Generation, die sich von den 68ern abgrenzen wollte. Das bedeutet auch, dass mir alles widerstrebt, was zu ideologisch, zu festfahren und zu apodiktisch ist.“

Ich möchte nicht, dass der Erfolg, den wir bisher hatten, mein Gegner wird.

Stefan Bachmann, BURG-Direktor

Stefan Bachmann, BURG-Direktor

Manchmal spült auch einfach die Zeit bestimmte Stücke hervor, ergänzt der gebürtige Schweizer, dessen Unaufgeregtheit im Gespräch darauf schließen lässt, dass er zwar leidenschaftlicher Theatermacher ist, aber ungern ein großes Theater um Dinge macht. Er erwähnt Alfred Jarrys prägendes, avantgardistisches Monumentalstück „König Ubu“, das er sich für die kommende Spielzeit vorgenommen hat und das aufgrund seines wahnwitzigen Herrschers perfekt in unsere Zeit passt. Sogar so perfekt, dass er es in der Vergangenheit immer wieder weggelegt hätte, so Bachmann.

„Ich erinnere mich an eine Mail von Elfriede Jelinek, die mich gefragt hat, warum wir Theatermacher ‚Ubu‘ nicht spielen, es läge doch auf der Hand.“ Er lacht. Gleichzeitig könne man aus dem Text sehr viel mehr herauslesen als nur Parallelen zu Trump oder Putin. „Es ist auch ein Manifest der Kunst, der Freiheit, des widersprüchlichen Denkens und des Absurden.“

Wo wir schon bei Trump sind: Von der teils clownesken Realpolitik möchte sich Stefan Bachmann auch weiterhin nicht die Show stehlen lassen. Es sei eine Gratwanderung, hält er fest: „Früher konnten wir Theatermacher vielleicht ein bisschen mehr mit dem Kopf durch die Wand laufen. Im Moment müssen wir eher darauf achten, dass wir uns nicht zu sehr in die Vernunftecke drängen lassen. Und andauernd nur das gebrochene Geschirr wieder zusammenkleben. Egal, wie sehr sich die Politik im Narrentum verliert und uns damit scheinbar den Rang abläuft, in der Kunst können trotzdem ganz andere Räume entstehen als in der Politik – Räume voller Magie, Poesie, Verführung, Komplexität und Irritation.“

Darum geht‘s in „König Ubu“

Ubu lässt den König von Polen ermorden und reißt die Macht an sich. Er herrscht mit grausamer Willkür, führt wahnwitzige Steuern ein und brutale Hinrichtungen durch. Im Krieg gegen Russland wird er schließlich gestürzt und beginnt ein neues Leben in Frankreich. Ein Schlüsselwerk der Moderne.

DAS GOLDENE KALB

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs, das Mitte Juni stattfindet, ist im Übrigen noch nicht ganz klar, ob in der Saison 2025/26 die magische Grenze von 400.000 Zuschauer*innen überschritten wurde oder man ganz knapp unter dieser Marke geblieben ist. (Anm.: Am letzten Tag vor der Sommerpause kam die Nachricht aus der BURG, dass es geklappt hat.) Der Direktor möchte sich davon auf jeden Fall keinen Druck machen lassen. „Ich glaube nicht, dass das vorrangige Ziel sein sollte, diese Zahl immer wieder zu überbieten. Ich bin der Meinung, dass wir uns dieser neoliberalen Logik am Theater ein Stück weit entziehen müssen. Es wird jedoch zusehends schwerer, das zu verteidigen, weil die Kunst immer stärker durch eine ökonomische Brille betrachtet wird. Ihr Nutzen ist jedoch nicht messbar. Es gibt eine Rede von Max Frisch aus dem Jahr 1991, in der er sagt: ‚Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.‘ Heute tanzen wir noch sehr viel mehr um dieses goldene Kalb herum als damals. Wenn es jedoch noch einen Ort gibt, an dem zu großen Teilen noch Einigkeit darüber herrscht, dass Kultur eine Nahrung ist, dann ist das Wien.“

Gespräche über mögliche Sparmaßnahmen dürften deshalb auch keinesfalls dazu führen, dass in Sachen Mut Abstriche gemacht werden, fügt Stefan Bachmann hinzu. Theater ist für ihn das Gegenteil von Zurückhaltung. „Junge Talente zu fördern oder neue Stücke auf die Bühne zu bringen, ist riskant. Aber es ist auch unser Auftrag. Ich möchte nicht, dass der Erfolg, den wir bisher hatten, mein Gegner wird. Denn das kann nämlich ganz schnell passieren.“ Bevor das geschieht, haben Stefan Bachmann und seine Truppe jedoch bestimmt schon die ersten Bäume rund um die BURG gepflanzt. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Hier geht es zu den Spielterminen von „König Ubu“ im Burgtheater!

Universitätsring 2
1010 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 07/2026

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