Die Voraussetzungen sind ungünstig. Selbstverständlich rein theatralisch. Dass es Nienke Latten und Mark Seibert zum neuen Traumpaar des Musicals in Wien geschafft haben, ist ob der Geschichte, die sie verkörpern, nicht selbstverständlich.

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Er bringt die „Ich“ Genannte als neue Gattin mit aufs mondäne Manderley, wo egomanisch grimmig Mrs. Danvers herrscht und einen wahren Kult um die nur ein Jahr davor unter ungeklärten Umständen abhanden gekommene erste Mrs. de Winter treibt. Die Schatten der Vergangenheit können auch die Flammen des Brandes, der den Landsitz vernichtet, nicht verjagen. Nicht gerade das allerbeste Beziehungsumfeld, könnte man meinen.

„Für mich ist die Hoffnung, gemeinsam mit Mark zum Musicaltraumpaar zu avancieren, wahr geworden“, freut sich eine sichtlich entspannte Nienke Latten beim Interview. „Ich liebe es, mit ihm zu arbeiten, wir haben sehr viel Spaß auf der Bühne und fühlen uns komplett frei im Spiel. Es ist nicht zur Routine geworden, sondern ich empfinde jede Show wie neu.“

„Rebecca“ bis 2024

Das ist umso vorteilhafter, als auch das Publikum diese Chemie zu spüren scheint – natürlich auch in der Interaktion mit allen anderen Darsteller*innen – und „Rebecca“ nun bis Anfang Jänner 2024 verlängert wird. „Es ist immer schwer, über den Abschied von einer solchen großen, schönen Rolle nachzudenken“, so Nienke Latten, „weshalb ich mich wirklich sehr gefreut habe, als ich erfuhr, dass wir noch ein paar Monate dranhängen dürfen.“ Was braucht ihr Charakter „Ich“, um allabendlich, sechsmal pro Woche, darstellerisch und stimmlich glänzen zu können?

Musicaldarsteller*in zu sein ist beinahe ein Lifestyle. Ich kann nicht die ganze Nacht tanzen und am nächsten Tag eine so große Rolle bewältigen – zumindest habe ich es noch nie ausprobiert, weil mir das Risiko zu groß wäre.

Nienke Latten über ihre Vorbereitungen für ihre Rolle „Ich" bei „Rebecca"

„Es ist wichtig, jedes Mal tief in die Geschichte einzutauchen, mit seinen Gedanken nicht woanders zu sein. Wenn einem das gelingt, verfliegt die Zeit und man hat viel Freude auf der Bühne. Das ist aber nicht immer leicht. Ich habe gemerkt, dass ich nicht an einem Tag zum Beispiel einkaufen gehen, mich danach mit einer Freundin zum Kaffee treffen und noch mit meiner Familie telefonieren kann. Das nimmt zu viel Energie weg, die ich abends brauche. Es ist wichtig, untertags Ruhepausen zu haben, Sport zu machen und gut zu essen.“

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Wobei Letzteres in ihrem Fall vegan bedeutet. Dass man eine Rolle innerhalb eines Jahres auch weiterentwickelt, sei ein ganz natürlicher Prozess. „Als ich 2022 mein ‚Rebecca‘-Debüt hatte, fühlte sich vor allem der erste Akt, in dem ‚Ich‘ noch schüchtern, verlegen und unerfahren ist, für mich sehr gut an. Jetzt hat sich das auf den zweiten Akt verschoben, wo sie bereits zu einer selbstbewussten Frau geworden ist.“

Zur Person: Nienke Latten

studierte Musical an der Fontys School of Fine & Performing Arts (Diplom mit Auszeichnung). Danach tourte sie als Tessa in „Puss in Boots“ durch die Niederlande und Belgien, sang die ­Maria in „West Side Story“, war Prinzessin Jasmin in Disneys „Aladdin“ (Hamburg, Stuttgart), ehe sie als Mira im Musical „One“ debütierte. Seit September 2022 verkörpert sie „Ich“ in „Rebecca“ am Wiener Raimund Theater und sang hier auch Maria Magdalena in „Jesus Christ Superstar“.

Vokaler Spitzensport

Beinahe täglich stundenlang auf hohem Niveau zu singen ist anstrengend. Wie hält man sich dafür fit? „Viele können sich nicht vorstellen, dass man für einen Job, der einem physisch und mental viel abverlangt, auch auf einiges verzichten muss. Ich sehe es als Spitzensport. Ich trinke nur wenig Alkohol, sorge gut für meinen Körper, mache Sport und versuche, sehr viel zu schlafen. Schlaf ist alles! (Lacht.) Musicaldarsteller zu sein ist beinahe ein Lifestyle. Ich kann nicht die ganze Nacht tanzen und am nächsten Tag eine so große Rolle bewältigen – zumindest habe ich es noch nie ausprobiert, weil mir das Risiko zu groß wäre.“

Eine Alternative zu ihrem Job habe es für sie ohnehin nie gegeben. „Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass ich etwas anderes mache als Musical. Eigentlich möchte ich dabeibleiben, solange ich arbeiten kann und es Angebote für mich gibt.“ Dass Nienke Latten in jungen Jahren bereits so weit gekommen ist, verdankt sie ihrer Beharrlichkeit. Schon ihre Abschlussprüfung hat sie auf einer Skala bis 10 mit 9,5 bravourös bestanden.

Mark Seibert und Nienke Latten

Mystery auf Manderley

Düstere Geheimnisse, maliziöse Intrigen und eine große Liebe. Der romantische Musical-Thriller „Rebecca“ kehrt heim nach Wien. Und beschert dem Publikum mit Nienke Latten und Mark Seibert ein neues Traumpaar. Weiterlesen...

„Ich hatte immer viele Ambitionen und bin sehr diszipliniert“, scheut sie auch den Begriff „ehrgeizig“ nicht. „Ich denke, das braucht man, um in meinem Beruf gut zu werden und glaube auch an Manifestation, also daran, dass du etwas tatsächlich nicht kannst, wenn du glaubst, es nicht zu können. Wenn du aber denkst, ich kann das und tue alles dafür, dieses Ziel zu erreichen, dann wird es irgendwann auch passieren.“

Wien habe sie vor ihrem Engagement kaum gekannt, mittlerweile sei ihr die Stadt ans Herz gewachsen. „Alles ist hier groß und wirkt so reich. Ich habe mich immer gefragt, wie die Gebäude derart weiß bleiben“, erklärt sie amüsiert. „Ich mag die Parks und besonders die Tatsache, dass viele meiner Freunde und meine Familie es lieben, hierher auf Besuch zu kommen. Alle waren schon hier, weil Wien einfach eine Weltstadt ist.“

„Elisabeth“ und eigene Songs

Via Homepage veröffentlicht Nienke Latten auch immer wieder eigene Songs. „Ich mache Popmusik, habe das durch die viele Arbeit im vergangenen Jahr aber etwas vernachlässigt. Sobald ich wieder mehr Zeit habe, möchte ich diese Leidenschaft aber weiter forcieren, denn ich liebe es, Musik zu schreiben und meine Emotionen so auszudrücken.“ Es würde einen jedenfalls nicht wundern, würde sie eines Tages auf der ESC-Bühne stehen.

Das Musical bleibt allerdings mit Sicherheit im Fokus ihrer Aktivitäten. Welche Pläne hat sie für die Zeit nach „Rebecca“? „In unserem Job muss man ständig Auditions absolvieren, was ich auch tue. Schauen wir einmal, was mein Weg bringen wird.“ Diesbezügliche Wünsche sind klar. „Ich möchte unbedingt einmal ‚Frozen‘ machen und würde sehr gerne ‚Elisabeth‘ spielen.“ Zweiteres dürfte sich leicht erfüllen lassen, war doch bisher so gut wie jede Musical-Elisabeth in Wien eine Niederländerin.

Zur Person: Das Stück

Alban Bergs Oper „Lulu“, vor deren Fertigstellung er starb, entstand nach zwei Tragödien von Frank Wedekind. Sie behandelt das fatale Leben Lulus, ihre Beziehungen – im Zentrum Dr. Schön –, Aufstieg und Fall all ihrer Männer sowie ihren eigenen Absturz. Im MusikTheater an der Wien werden in Koproduktion mit den Wiener Festwochen die zwei von Berg vollendeten Akte, ergänzt um Teile der „Lulu“-Suite, gezeigt.

Michael Kunze und Sylvester Levay schufen das gleichnamige Musical 2006 nach der Vorlage des Weltbestsellers „Rebecca“ von Daphne du Maurier. Der Witwer Maxim de Winter bringt die junge „Ich“ als seine frisch angetraute Frau mit nach Manderley, wo die strenge Haushälterin Mrs. Danvers der neuen Gattin alles andere als wohlgesonnen ist. Über allem Geschehen schwebt düster das Rätsel um das Verschwinden von Rebecca, der ersten Ehefrau des Gutsbesitzers.