Benjamin Bernheim: In jeder Hinsicht außergewöhnlich

Seine Stimme hat Suchtpotenzial. Bei den Salzburger Festspielen 2022 leiht er sie Edgardo, dem unglückseligen Geliebten von „Lucia di Lammermoor“. Und im Herbst gibt er an der Staatsoper den Herzog von Mantua in „Rigoletto“.

Wiewohl er in einem Atemzug mit den Größten seines Tenor-Fachs genannt und als nächster Superstar der Oper gehandelt wird, wäre aus seiner Karriere aus vielerlei Gründen beinahe nichts geworden. Genauer gesagt, wollte der in Paris geborene und vornehmlich in Genf aufgewachsene Sohn zweier Opernsänger diesen Berufsweg gar nicht einschlagen. „Weil ich das Risiko nicht gänzlich einschätzen konnte. Wenn du kein Glück hast und kein gutes Timing, kann es ein sehr hartes Leben sein“, erklärt Benjamin Bernheim.

„Als ich 17 war, habe ich gesungen, weil ich Spaß daran hatte. Wenn du Musiker oder Sänger bist, kannst du die Reaktionen darauf immer in den Augen deiner Zuhörer ablesen. Siehst du Enttäuschung oder gar peinliche Betretenheit, ist das ein Zeichen. Siehst du aber Freude und die Neugier darauf, mehr zu hören, ist auch das ein Zeichen.“ Und weil die Freude in den Augen seines Publikums deutlich überwog, entschloss er sich, trotz aller Zweifel, ein Gesangsstudium bei Gary Magby in Lausanne zu beginnen. „Man kann nicht einen Fuß drinnen und einen draußen haben, ich musste mit beiden Füßen in der Welt der Oper stehen.“ Obwohl er sich sehr schnell etablieren und von seinen Engagements leben konnte, musste er sich nun an einer ganz anderen Front durchsetzen.

Romantisch. Lyrisch. Französisch. Italienisch

„Ich wusste schon in sehr jungen Jahren, was ich singe wollte, und zwar romantische, lyrische Rollen. Aber 90 Prozent meines Umfeldes fanden, ich solle etwas anderes probieren. Sie haben mich zu Charakterrollen im deutschen Repertoire gedrängt. Plötzlich, wahrscheinlich auch wegen meines deutsch klingenden Nachnamens, steckte ich in dieser Schublade fest. Mein größter bisheriger Kampf war es, da wieder herauszukommen, den Leuten begreiflich zu machen, dass – auch wenn ich große Erfolge in ‚Arabella‘, ‚Capriccio‘ oder als Tamino in der ‚Zauberflöte‘ hatte – das Herzstück meines Repertoires französisch und italienisch ist. Und ich bin sehr dankbar, dass es wichtige Menschen gab, die mir die Chance eröffneten, in diesem Repertoire auch gehört zu werden.“

Das tue auch seiner Stimme, die es ihm ermöglicht, Geschichten zu erzählen, wie es ein Kritiker einmal ausdrückte, gut. „Heute halte ich sie gesund, indem ich das singe, was für mich am besten ist. Rodolfo in ‚La Bohème‘, Nemorino in ‚L’elisir d’amore‘, Edgardo in ‚Lucia di Lammermoor‘, Chevalier des Grieux in ‚Manon‘ oder die Titelrollen in ‚Faust‘ und ‚Hoffmanns Erzählungen‘. Das sind große Rollen, aber sie erlauben mir, die ganze Farbpalette meiner Stimme zu zeigen. Vom heroischen Klang zu den ganz sanften Tönen, von der schlichten, klaren Stimme hin zur mixed voice.“ (Bereich der Töne, die zwischen Brust- und Kopfstimme liegen, Anm.)

Immer wieder Lucia

Nach seinem Erfolg als Rodolfo in „La Bohème“ an der Wiener Staatsoper, begeisterte er im Haus am Ring heuer im April in Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ – natürlich in der Rolle des Edgardo. Diesen hatte er davor schon in Zürich gesungen, und nun steht er auch bei den Salzburger Festspielen auf dem Programm. Wie schon in den beiden vorhergehenden Produktionen ist auch hier Lisette Oropesa seine Lucia.

Das nächste Mal live in Wien kann man ihn im Oktober hören, wenn er den Herzog von Mantua in „Rigoletto“ geben wird. All jenen, denen das nicht möglich ist, empfiehlt sich sein ebenfalls heuer bei Deutsche Grammophon erschienenes zweites Album „Boulevard des Italiens“, mit dem er ein besonderes Konzept verfolgte. „Ich wollte die Historie des Théâtre-Italien, aber auch der Opéra-comique und der Opéra Garnier über einen Zeitraum von 150 Jahren zeigen. Von Spontini zu Mascagni. Paris war damals immens wichtig für Komponisten, natürlich auch für die italienischen, ihre Werke wurden ins Französische übersetzt und mit meist großem Erfolg aufgeführt.“ Italienische Musik in französischer Sprache. Für Benjamin Bernheim die Glückseligkeit.

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