Zum Inhalt springen

Seit der Spielzeit 2020/21 leitet Anja Sczilinski das Burgtheaterstudio. Außerdem führt sie auch Regie.

Seit der Spielzeit 2020/21 leitet Anja Sczilinski das Burgtheaterstudio. Außerdem führt sie auch Regie.
Foto: Adrienne Meister

Anja Sczilinski über „Dschabber" und das Studioensemble

Burgtheaterstudio

Gemeinsam mit dem Studioensemble hat Anja Sczilinski, Regisseurin und Leiterin des Burgtheaterstudios, „Dschabber“ erarbeitet – ein Stück über eine selbstbewusste junge Muslima und eine besondere Freundschaft.

BÜHNE: Warum war es Dir wichtig, dieses Stück auf die Bühne zu bringen?

Anja Sczilinski: Mir ist aufgefallen, dass muslimische Positionen im deutschsprachigen Theater nur selten eine Stimme bekommen. „Dschabber“ ist ein Stück, das diese Perspektive aufgreift. Das Stück selbst ist aus einem Forschungs-Projekt entstanden, in dem Studierende die Reaktionen auf Kopftuchträger*innen beobachtet und untersucht haben. Sie haben sich angesehen, ob Fragen und Vorurteile in den Gesichtern der Menschen abzulesen sind. Einige dieser Studienergebnisse sind in das Stück miteingeflossen.

Wie seid ihr an den Text herangegangen?

Wir mussten zunächst mit dem Autor und dem Verlag klären, ob es in Ordnung ist, wenn wir den Stücktext etwas abändern. Ich war aus diesem Grund von Anfang an mit Marcus Youssef in Kontakt und habe ihm auch gleich von der Idee erzählt, die Figur der Fatima nicht nur aus einem Blickwinkel, sondern aus vielen verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Schließlich sind mit der Entscheidung für oder gegen das Tragen eines Kopftuchs – des Hidschabs – unglaublich viele unterschiedliche Motivationen und Blickwinkel verbunden. Es kann freiwillig sein oder auf Zwang basieren, feministisch begründet sein oder eine Möglichkeit sein, die eigene Identität auszudrücken. Deshalb war es mir wichtig, die Figuren mehrfach zu besetzen und sie aus verschiedenen Perspektiven erzählen zu lassen. Marcus Youssef hat diesen Ansatz von Anfang an unterstützt.

Wir sind sehr reflektiert mit der Frage umgegangen, wer welche Geschichten erzählen darf.

Anja Sczilinski


Expertise und Selbsterfahrung

Inwiefern spielt das am Theater sehr präsente Thema der Repräsentation eine Rolle?

Eine sehr wichtige. Wir sind sehr reflektiert mit der Frage umgegangen, wer welche Geschichten erzählen darf. Uns ist bewusst, dass mit Marcus Youssef ein Mann über das Tragen eines Kopftuchs geschrieben hat. Wir finden aber, dass er einen sehr guten Zugang zu diesem Thema hat und selbst war in seinem Leben häufig mit Identitätsfragen konfrontiert. Auch ich bin keine Muslima, beschäftige mich aber schon lange mit diesen Themen und habe mir für diese Inszenierung Beratung von Menschen geholt, die sich im Alltag noch sehr viel stärker damit auseinandersetzen.

Wie war es, diese Produktion gemeinsam mit dem Studioensemble zu machen? Wie viele junge Menschen haben sich beworben?

Rund 130 junge Menschen sind unserem Aufruf gefolgt. Es gab ein langes Auswahlverfahren, weil wir in ersten Workshops alle Bewerber*innen kennenlernen wollten. In diesem speziellen Fall hat für uns eine große Rolle gespielt, mit welcher Motivation sich die jungen Menschen für dieses Projekt beworben haben und welche Erfahrungen sie mit diesem Thema bereits gemacht haben. Selbst ein Kopftuch zu tragen, war zwar keine Voraussetzung, aber eine persönliche Form der Auseinandersetzung damit sollten sie mitbringen. Diese Expertise und Selbsterfahrung fließt zu einem großen Teil in den Inszenierungsprozess mit ein.  

Humor und Ehrlichkeit

War der Beginn der Probenarbeit bei einem solch komplexen und auch polarisierenden Thema von vielen Diskussionen geprägt?

Natürlich ging es immer wieder darum, wer wen auf der Bühne repräsentieren und spielen darf. Daraus sind viele Diskussionen und Debatten entstanden. Es ist ein Lernprozess, durch den wir gemeinsam durchgehen und bei dem wir immer wieder auf neue Erkenntnisse, aber auch Fragen stoßen. Weil wir vor allem zu Beginn sehr viel in Workshops gearbeitet haben, dabei von einer jungen feministischen Muslima begleitet wurden, ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit diesen Themen entstanden und bei jedem und jeder einzelnen sehr viel angestoßen worden. Ich halte es für unglaublich wichtig, Fragen zu stellen und sich immer wieder auch selbst zu befragen. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass wir uns auf viele Fragen seitens des Publikums vorbereiten müssen und uns auf einen regen und auch kritischen Austausch freuen.

Welche Rolle spielt Humor in dieser Inszenierung?

Humor ist sehr wichtig. Genauso wie eine große Portion Ehrlichkeit und die Vermittlung der Tatsache, dass Unwissenheit nicht schlimm ist – dass wir alle immer alles fragen dürfen. Dabei entstehen natürlich hin und wieder auch sehr lustige Fragen, auf die wir mit verschiedenen Ausdrucksmitteln Antworten zu finden versuchen. Außerdem sehen wir uns gerade an, inwiefern wir den Text selbst befragen können und vielleicht eine Kommentarebene in die Inszenierung einziehen möchten. Möglicherweise wird es Momente geben, in denen die Schauspieler*innen aus ihren Rollen heraustreten und selbst zu Wort kommen, weil sie sich die Frage stellen, ob und wie man das spielen kann. Auf diese Weise kommen versteckte und auch ungewollte Vorurteile zum Vorschein, die manchmal traurig und lustig zugleich sind. Glücklicherweise sind diese Figuren auch mit einem unbändigen Selbstbewusstsein und einer bestimmten Frechheit ausgestattet, sodass viele Situationen auch sehr viel Witz haben.

Zur Person: Anja Sczilinski

Bevor sie mit Martin Kušej von München nach Wien wechselte, leitete Anja ­Sczilinski das JUNGE RESI, die Kinder- und Jugendtheaterschiene des Münchner Residenztheaters, die sie auch mitaufgebaut hat.  In Wien leitete sie das Burgtheaterstudio für junges Publikum, außerdem trat sie auch als Regisseurin (u. a. „Dschabber“) in Erscheinung.


Zu den Spielterminen von „Dschabber“ im Vestibül

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
Mehr zum Thema
  • Theater der Jugend
    Wo Gras wächst, ist Hoffnung
    Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Wiener Staatsoper
    Wenn das Licht mitdenkt
    Es ist die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Handwerk und Hightech, die die Oper lebendig...
    Von Atha Athanasiadis
  • Theater in der Josefstadt
    Die Bühne. Ein Leben.
    Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Volkstheater
    In neuem Licht
    Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Burgtheater
    4 Fragen an Roman Senkl
    In „Solaris“ wird der Psychologe Kris Kelvin auf einen Planeten geschickt, der Lebewesen...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Ringel, Ringel, Reigen
    Im „Reigen“ drückt Arthur Schnitzler dem Publikum die Lupe in die Hand und lässt es...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Erinnern statt Verdrängen
    Der Roman „Die letzten Tage“ beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der NS-Zeit rund um...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Festspiele Reichenau
    Kleiner Prinz, große Magie
    Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die...
    Von Sarah Wetzlmayr
  • Festspiele Reichenau
    Steter Sehnsuchtsort
    Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Johanna Lakner
studierte Fashion
und Visual Arts, ehe
sich ihr Interesse
in Richtung Theater
und Oper verlagerte.
    Festspiele Reichenau
    Jedes Stück braucht ein Zuhause
    Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen...
    Von Klaus Peter Vollmann
  • Entdeckungsreise ins Ich. Schauspielerei bedeutet für Johanna Mahaffy auch, möglichst viele Facetten der eigenen Persönlichkeit kennenzulernen.
    Festspiele Reichenau
    Zwischenwelt
    Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und...
    Von Sarah Wetzlmayr
1 / 12