Tim Breyvogel über das Wunder von Sankt P.

Marie Rötzer hat das Landestheater Niederösterreich in eine ­international vielbeachtete Theater-Zauberinsel verwandelt. Einer ihrer Stars ist Tim Breyvogel, eine sensible Naturgewalt auf der Bühne. Er hat uns das Wunder erklärt.

Eigentlich ist es ja kein Wunder. Denn mit den Wundern ist es so wie mit den Feen: Die existieren ja auch nur, wenn man an sie glaubt. 

Passt Phänomen besser? Oder Geheimnis? Es ist Anfang Dezember, kurz nach Mittag, und der Weg über den Rathausplatz und den noch ungeöffneten Christkindlmarkt in St. Pölten hat etwas von einer Disco am Sonntagvormittag. Wir sind auf dem Weg zum Bühneneingang des Landestheaters in St. Pölten. Der ist in der Heitzlergasse, und kurz davor im Eck Richtung Rathausplatz stehen zwei Telefonzellen. Der rechte Apparat hat einen roten Hörer, der linke einen schwarzen. Interessant, welche Bilder Gedankenblitze auslösen. Kurz vor dem Bühneneingang eine Alutür mit weißen Buchstaben: „Tägliches Mittagsmenü“ steht da.

Tim Breyvogel
Tim Breyvogel beim Shooting im Landestheater Niederösterreich. Die Pflanzen sind ein Teil des „Drei Schwestern“-Bühnenbilds. Er sagt: „Ich habe tatsächlich die Utopie, dass ich die Welt mit meinem Spiel verändern kann.“ Foto: David Payr

Gut, dass wir am Ziel sind und Ihnen weitere sinnlose Hirnblitzer erspart bleiben. Fotograf David Payr war vor ein paar Monaten schon einmal da: im Auftrag der „New York Times“. Das Landestheater Niederösterreich, deren „Othello“-­Produktion und Intendantin Marie Rötzer waren dort eine große Story. Wann das zuletzt ein anderes österrei­chisches Theater geschafft hat? Keine Ahnung, aber es ist Teil des Wunders. Ebenso die Frage: Wie schaffen die es, Castorf und Co nach St. Pölten zu bringen?

Publikumswirksame Allzweckwaffe

Wir sind hier, um Tim Breyvogel zu treffen, auch er war damals in der „New York Times“, als Teil des Ensemblefotos. Seine Karriere ist eng mit dem Sankt-Pölten-Phänomen verbunden. Er soll es uns erklären. Der gebürtige Deutsche spielt – gefühlt – in jeder Produktion des Hauses. Er ist ein bisserl das, was Joachim Meyerhoff fürs Burgtheater war: eine publikumswirksame Allzweckwaffe. Wenn sein Name auf dem Plakat steht, dann weiß der/die Landestheater-geneigte Zuseher*in, dass „was Gescheites gespielt wird“. Für die Rikki-Henry-Inszenierung (er war auch der „Othello“-Regisseur) von „Hamlet“, fulminant gespielt von Breyvogel, gab es den Nestroy. Derzeit spielt der dreifache Vater in den „Drei Schwestern“, dem „Reigen“ und in der „Blendung“. Demnächst in „Ein Volksfeind“, „Pygmalion“, „Dunkel­blum“ und „Ein Apartment auf dem Uranus“, ein Einpersonenstück. 

Tim Breyvogel
Marthe Lola Deutschmann, Tim Breyvogel und Jonas Graber in Franz Xaver Mayrs „Reigen"-Inszenierung. Foto: Rudi Gigler

Breyvogel ist in Essen geboren. „Kein Juwel, aber ich mag die Haltung der Menschen dort: Aus nichts etwas zu machen – und das geht auch nur, weil die Menschen ihr Herz mitbringen.“ Breyvogel wird mit dem Grillo-Theater groß. Bochum ist nur 17 Kilometer entfernt. Es ist die große Zeit von Leander Haußmann. Breyvogel will zuerst Schlagzeuger werden – aber weil er ohne Hörschutz spielt, kriegt er Tinnitus. „Manchmal kommt der wieder, und es geht ­‚pieeeeep‘.“ Breyvogel studiert in Graz. Seine Anfängerjahre absolviert er im Theater Krefeld und Mönchen­gladbach. Das Theater sind eigentlich zwei: 50 Minuten Busfahrzeit liegen dazwischen. „Es war eine Theatermaschine. Eine ganz harte Schule.“ 

Lernt man da frühe Demut? Breyvogel lacht. „Das, was dich als Künstler umtreibt, kannst du da nicht umsetzen. Du lernst zu funktionieren.“

Nähe zum Publikum

Breyvogel geht nach Wien. Arbeitet frei. Er dreht Filme – spielt eine kleine Rolle im Oscar-Film „Die Fälscher“. Geht für vier Jahre nach Mainz. Spielt dort das erste Mal Hamlet. Das erste Kind kommt, und er kommt zurück nach Wien. „Ich habe dann alles gleichzeitig gemacht, weil ich freier Schauspieler war. Da musst du viel spielen, um über die Runden zu kommen.“ Breyvogel schauspielt im Werk  X, unter anderem im Publikumshit „Proletenpassion“ und in „Gegen die Wand“. Ein Freund schreibt ihm via Facebook, dass Marie Rötzer in St. Pölten die Inten­danz übernimmt. Breyvogel kennt sie aus Graz und vom Staatstheater Mainz, wo Rötzer als Dramaturgin gearbeitet hat. Er bekommt ein Vorsprechen und ist engagiert.

Maria Rötzer
Intendantin Marie Rötzer, geboren in Mistelbach, studierte in Wien. Sie arbeitete in Berlin, Graz, Mainz und Hamburg. Seit der Spielzeit 2016/17 ist sie in St. Pölten. Foto: David Payr

„Das Hauptding von Marie ist, dass sie von Anfang an das eigene Ensemble nach vorne gepusht hat. Sie lässt uns Hauptrollen spielen, hat spannende Regisseure und spannende Stoffe geholt. Sie ist einfach gut vernetzt.“ Und: „Sie weiß ganz genau, was sie will, und hat auch die Kraft, das zu formulieren und auch durchzusetzen. Gleichzeitig schafft sie eine Atmosphäre, in der jeder das Gefühl hat, gebraucht zu werden und wichtig zu sein. Wäre sie eine Fußballtrainerin, würde sie St. Pauli oder Bochum trainieren.“

Breyvogel liebt die Intimität des Landestheaters, die Nähe zum Publikum. „Wir wollten auch immer Theater machen, das auch in Wien oder einer anderen Großstadt gezeigt werden kann.“

Die Habjan-Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück „Am Königsweg“ ist das erste große überregionale Aufzeigen des Teams Rötzer. „Plötzlich waren wir ein Aufsteiger, der aus der zweiten Bundesliga in die erste aufgestiegen ist.“ Der Rest ist bereits jetzt Theatergeschichte.

Zur Person: Tim Breyvogel

Er sagt: „Ich möchte die Luft zwischen den Menschen in Schwingung bringen. Ich möchte den Raum mit Energie aufladen. Das passiert durch den Text, die Stimme, die Körperlichkeit.“ ­Breyvogel, geboren in Essen, hat an der Kunstuniversität in Graz studiert, spielte in Mainz und Krefeld, am Werk X, am Volkstheater sowie in ­diversen Filmen (u. a. „Die Fälscher“). Seit sieben Saisonen ist er am Landestheater.

Zum Spielplan des Landestheaters Niederösterreich

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