Zweiter Streich: Rikki Henry inszeniert „Othello“

Für seine „Hamlet"-Inszenierung am Landestheater Niederösterreich bekam Rikki Henry den Nestroy. Nun widmete er sich wieder einem Helden aus dem Shakespeare-Universum – Othello.

Etwas weniger als 1200 Kilometer (Luftlinie) liegen zwischen St. Pölten und London. Mehr als 400 Jahre trennen uns mittlerweile von jener Zeit, in der William Shakespeare sein Stück „Othello“ fertigstellte. Rein rechnerisch gibt es also Naheliegenderes als das Stück ans Landestheater Niederösterreich zu bringen. Der in London aufgewachsene Regisseur Rikki Henry, der in St. Pölten schon „Hamlet“ inszenierte und dafür mit dem Nestroy ausgezeichnet wurde, sieht das etwas anders. Er erkennt vor allem in der im Stück – auf nicht immer ganz unproblematische Weise – thematisierten Begegnung mit dem vermeintlich „Anderen“ wichtige Verbindungen zur heutigen Zeit.

„Im Stück geht es unter anderem darum, wie die Gesellschaft mit jemandem umgeht, der anders ist, wie Menschen Veränderungen annehmen und sie in ihr Leben integrieren oder sie ablehnen, wie das in Othello vor allem mit PoC und Frauen passiert“, erklärt Rikki Henry. Er ergänzt, dass sich der im Stück immer wieder aufflackernde Rassismus oft gar nicht so offensichtlich, sondern auf „mikro-aggressive“ Weise äußert, sich diese Mikroaggressionen aber zu etwas Größerem aufbauen können und es deshalb wichtig ist, diese frühzeitig zu erkennen. Wichtig ist dem Regisseur, dass durch Theaterstücke ausgelöste Diskussionen über Ausgrenzung und Diskriminierung nicht im Theater bleiben, sondern die Menschen sie aus dem Theater, mit in ihren Alltag nehmen.

„Ich bin nicht, was ich bin.“

Das Stück, das sich um den aus Nordafrika stammenden General Othello dreht, der zur Projektionsfläche für Neider und zur Zielscheibe für Missgunst und Hass gegen alles scheinbar Fremde wird, wurde Rikki Henry vom Landestheater Niederösterreich vorgeschlagen. „Ich habe es in der Schule durchgearbeitet, so wie man hier Goethe und Schiller studiert. In England wurde es schon auf viele verschiedene Arten inszeniert. Hier in Österreich ist es das erste Mal, dass Othello an einem Stadttheater mit einem PoC-Schauspieler aufgeführt wird. Was für mich total seltsam ist, weil ich aus einer ganz anderen Theatertradition komme“, so Henry.

Othello (Nicholas Monu) und Jago (Tim Breyvogel) kämpfen um die Macht. Foto: Alexi Pelekanos

Der Schauspieler, von dem er hier spricht, ist Nicholas Monu, der schon zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehörte. Den Othello spielt er, wie er der Tageszeitung Der Standard erzählte, bereits zum dritten Mal. „Niemand ist das, was er spielt, selbst. Es wäre also fantastisch, wenn alle alles spielen dürften. Doch davon sind wir weit entfernt. Also spiele ich den Othello“, so Monu, den Andrea Breth in den Neunzigern vom Londoner Royal Court nach Berlin geholt hat. Die lange Aufführungsgeschichte des Shakespeare-Dramas ist stark von der Frage nach der Besetzung der titelgebenden Hauptfigur beeinflusst.

Der Satz „Ich bin nicht, was ich bin“, den Shakespeare Othellos Intriganten Jago sagen lässt, scheint die Diskussion über die Besetzung der zentralen Figuren des Stücks in gewisser Weise vorwegzunehmen. Wie Sarah Heinz, Universitätsprofessorin für Englische und Anglophone Literaturen an der Uni Wien, in einem Interview mit dem Landestheater Niederösterreich  im Programmheft zur Produktion erklärt, war Ira Aldridge 1833 der erste PoC-Schauspieler, der in die Rolle des Othello schlüpfte. „Die Inszenierung war eine der populärsten Othello-Versionen ihrer Zeit“, so Heinz. „Im 20. und 21. Jahrhundert werden über Besetzungsentscheidungen bewusst Themen wie Race und Ethnizität, Religion und Gender verhandelt.“

Im Boxring

Zentraler Bestandteil des Bühnenbilds von Rikki Henrys Othello-Inszenierung ist ein Boxring. Warum ihm das wichtig war? „Meine ursprüngliche Idee war es, eine zeitgemäße Verbindung mit dem Publikum herzustellen. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass das Stück zu weit weg von ihnen ist“, fasst der Regisseur seine Beweggründe zusammen. Außerdem fand er die Kombination aus Einsamkeit und Berühmtheit, die den Boxsport auszeichnet, reizvoll.

Bis 4. Dezember ist „Othello" noch am Landestheater Niederösterreich zu sehen. Foto: Alexi Pelekanos

„Darüber hinaus hat mich der Gedanke begeistert, dass man Boxen nicht spielen kann, wie man zum Beispiel Tennis oder Basketball spielt. Wenn man einen Schlag kassiert, dass kassiert man diesen Schlag. Es ist eine professionelle Angelegenheit, die persönliche Kosten mit sich bringt“, erklärt Rikki Henry. Das rückt den Sport für ihn auch in die Nähe des Schauspiels, denn auch wenn der Begriff selbst etwas anderes suggeriert, sind die Dinge auf der Bühne nicht wirklich gespielt. „Wenn man auf der Bühne weint, sind es die immer die eigenen Tränen“, untermauert der Regisseur seine Argumentation.

Raus aus den Silos

Rikki Henry begann seine Theaterkarriere als Regieassistent am Young Vic Theatre in London. Dann arbeitete er mit dem Theaterregisseur Peter Brook zusammen – zunächst als Regieassistent, dann als Schauspieler. Der bekannte englische Regisseur erkannte das schauspielerische Potenzial seinen Assistenzen während der Arbeit. Für Rikki Henry kam das überraschend. „Ich habe rund 800 Shows auf der ganzen Welt gespielt. Das war großartig und bizarr zugleich. Für Peter Brook zählt das, was er in einem Schauspieler sieht. Er castet Charaktere. Das habe ich auch aus dieser Zeit mit ihm mitgenommen.“

Die Unterschiede zwischen der englischsprachigen und der deutschsprachigen Theaterpraxis beeinflussen die Arbeit des Theatermachers in nicht allzu großem Ausmaß. Insgesamt beobachtet er am Theater ein Verschwinden des klassischen Silodenkens und eine zunehmende Diversität an den Theaterhäusern. Wenn er von diesen Silos spricht, bezieht sich Rikki Henry auch auf die dem Theaterbetrieb eingeschriebene, klar getrennte Rollenverteilung. „Mein Sounddesigner Nils Strunk ist auch Ensemblemitglied am Burgtheater – um nur ein Beispiel zu nennen“, so Henry. „Ich versuche über diese Zuschreibungen aber auch nicht zu viel nachzudenken, sondern zerbreche mir lieber den Kopf darüber, was meine Stücke beim Publikum auslösen. Das war auch bei ‚Othello‘ so.“

Das Stück ist noch am 2. und 4. Dezember im Landestheater Niederösterreich zu sehen. Mehr Infos hier.

Zur Person: Rikki Henry

Rikki Henry wurde in London geboren. Er studierte Film an der University for Creative Arts und ist Absolvent der renommierten Brit School for Performing Arts. Von 2012 bis 2014 arbeitete er als Regieassistent bei Rufus Norris am Londoner Young Vic Theatre, am Théâtre des Bouffes du Nord in Paris bei Peter Brook und am National Theater in London. In der Spielzeit 2019/20 sorgte er mit deiner Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“ am Landestheater Niederösterreich für Aufsehen, die mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurde.

Spieltermine und Infos zu „Othello“ am Landestheater NÖ