Ferdinand Schmalz: Die Behauptung der Enthauptung
Am Ende fällt der Vorhang. Und vielleicht auch das Fallbeil. Ferdinand Schmalz hat mit „bumm tschak oder der letzte henker“ ein Stück geschrieben, das lose in der österreichischen Geschichte verankert und gleichzeitig brandaktuell ist.

Foto: Petra Rautenstrauch
Höhenangst? Fehlanzeige. Mit beeindruckender Furchtlosigkeit begibt sich Ferdinand Schmalz im Rahmen unseres Fotoshootings auf jene Balustrade, die den sogenannten Blasengel am Dach des Wiener Burgtheaters umschließt. „Hut ab!“, möchte man ihm zurufen, gleichzeitig jedoch kein Missverständnis evozieren, denn der gebürtige Grazer ist neben seinen sprachgewaltigen Texten auch dafür bekannt, seine „Denkrosine“ stets mit ansprechenden Hüten auszustatten. Wenige Augenblicke später hat der vielfach ausgezeichnete Dramatiker schließlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Sein ebenso fröhlicher wie offener Blick verrät, dass er für weiteren Schabernack durchaus zu haben wäre. Zu Blasmusik, die vom Rathausplatz bis aufs Burgtheaterdach hinauf klingt, geht es jedoch schließlich wieder in etwas weniger halsbrecherische Gefilde. Der Begriff „Denkrosine“ stammt im Übrigen aus dem Sprachschatz des alles andere als abgehobenen Dichters, genauer gesagt aus dessen 2024 gehaltener Bachmannpreisrede mit dem wunderschönen Titel „hoppla, die leberwurst!“. Um die soll es hier aber nicht gehen, sondern um sein neues Stück „bumm tschak oder der letzte henker“, das ab 4.September im Akademietheater zu sehen sein wird.
Zweifelhafte Popularität
Der Text, der sich lose an der Geschichte des letzten Scharfrichters der k. u. k. Monarchie orientiert, ist ein Auftragswerk für das Burgtheater. „Mit Josef Lang beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit. Spannend finde ich vor allem, welch große Begeisterung ihm von der damaligen Bevölkerung entgegengebracht wurde. Zu seinem Begräbnis im Jahr 1925 kamen rund 10.000 Menschen“, so Schmalz, der, wie er erklärt, allerdings keine Lust hatte, einen „Kostümschinken“ zu schreiben, und daher beschloss, das Stück ein wenig in die Zukunft zu verlegen.
Aus dem Kaffeehausbesitzer Josef Lang wird in „bumm tschak oder der letzte henker“ der Betreiber eines Szeneclubs mit strenger Türe und intimen Séparées, in denen zu treibenden Beats allerhand Geschäfte gemacht werden, während draußen Endzeitstimmung herrscht. Von der frisch gewählten Kanzlerin, die aus purer Lust an der Disruption die Todesstrafe wieder einführt, wird Josef schließlich in die Rolle des Henkers gedrängt.

Foto: Petra Rautenstrauch
„Ich denke nicht, dass wir in Österreich in naher Zukunft an diesen Punkt kommen werden, aber ich wollte einen Extrempunkt setzen, um darüber nachzudenken, was in unserer westlichen Wertegesellschaft gerade alles auf dem Spiel steht. Wenn man sich ansieht, was in den USA derzeit passiert, wirkt das alles auch plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt, sondern erschreckend nahe“, hält Ferdinand Schmalz fest. Darüber, woher die Popularität des historischen Josef Lang rührte, kann er nur mutmaßen.
„Ich habe das Gefühl, dass gerade in Zeiten, in denen vieles, was gerade noch in Stein gemeißelt schien, ins Wanken gerät, Menschen und Dinge, die eine große Negativität ausstrahlen, eine seltsame Anziehungskraft entwickeln.“
Aus der Krise zur Form
Der fiktive Josef, in Stefan Bachmanns Inszenierung von Max Simonischek gespielt, sei eine „getriebene, gebrochene Figur, die nicht ganz einzuordnen ist“, wie der Dramatiker ausführt. Durch die Beschäftigung mit rechten Politikerinnen wie Giorgia Meloni, Marine Le Pen und Alice Weidel verfestigte bei ihm zudem der Gedanke, dass in seinem Stück eine Kanzlerin und kein Kanzler vorkommen sollte. Die Auseinandersetzung mit rechten Entwicklungen in Europa sei ohnehin ein wichtiger Teil des Entstehungsprozesses seines neuen Stücks gewesen, fügt er hinzu.
Ich glaube, dass das Nichtschreiben einen Text mehr formt als das Schreiben.
Ferdinand Schmalz über das Potenzial von Schreibkrisen
Zu theoretischen Texten kehrte er auch im Lauf des Schreibprozesses immer wieder zurück – vor allem in Momenten, in denen sich aus der „Denkrosine“ gar nichts mehr rauspressen lässt. „Ich glaube aber, dass gerade das Nichtschreiben einen Text mehr formt als das Schreiben, weil sich durch das Zögern, das Streichen und die ganzen Ausflüchte die Form ergibt“, bringt Ferdinand Schmalz seine Beziehung zur Schreibkrise auf den Punkt.
Über die Form - vor allem über die Sprache - gibt es bei Ferdinand Schmalz viel zu sagen. Musikalität, Rhythmus und Selbstreferenzialität prägen die präzise durchkomponierten Texte des Dramatikers, die irgendwo zwischen Werner Schwab, Ewald Palmetshofer und Elfriede Jelinek angesiedelt sind.
„Mit meiner Sprache möchte ich eigentlich immer eine Form von Wachheit erzeugen“, hält er fest, „beim Publikum, bei den Spieler*innen, aber auch bei den Figuren. Wenn die Figuren eine gewisse Künstlichkeit haben und eine Sprache sprechen, über die sie immer wieder selbst stolpern, dann sieht man auf der Bühne ihre Figürlichkeit. Ich mag es, die Künstlichkeit einer Figur auch über die Sprache auszustellen – gerade jetzt, wo es auch auf der politischen Bühne so viele Figuren gibt, die etwas extrem Künstliches an sich haben.“

Foto: Petra Rautenstrauch
Ob ein Text so klingt, wie er klingen soll, überprüft er, indem er ihn – zum Leidwesen der Nachbar*innen – laut vorliest. „Unlängst erzählte mir ein Freund, dass er beim Lesen meines Romans zu wippen begonnen hat. Dieses Wippen beobachte ich auch bei mir selbst“, sagt er lachend.
Vereinfacht gesagt: Bei Ferdinand Schmalz steht und fällt alles mit der Sprache. Ob am Ende des Stücks der Vorhang noch vor dem Fallbeil fällt, soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Tatsächliche Enthauptung oder bloße Behauptung? Wir werden es sehen und überlassen das Sprachspiel lieber Ferdinand Schmalz, der das sehr viel besser kann und dem der Beifall des Publikums in jedem Fall sicher ist.