Eine kleine Geschichte des Buhrufs

Aus der Fülle an Missfallensbekundungen, die früher in Theater und Oper gang und gäbe waren, ist der Buhruf übrig geblieben. Manche umarmen ihn und betiteln ihr Buch damit, andere halten den Ausruf für primitiv und vulgär.

„Buh“. Ausgerechnet mit diesem Wort – im Grunde eher Laut, für manche sogar Unlaut – beginnt Burgtheater-Direktor Martin Kušej seine autobiografisch angelegte Publikation „Hinter mir weiß“. Der Zusammenhang? Kušejs Inszenierung der Oper „Tosca“ im Theater an der Wien im Jänner 2022. Leander Haußmann, früheres Enfant Terrible der deutschsprachigen Theaterwelt und nicht gerade dafür bekannt, sich gerne mit halben Sachen aufzuhalten, betitelte seine Theaterbiografie sogar mit jenem Ausruf, der im Theater- und Opernkontext auf unmissverständliche Weise Missfallen ausdrückt. Der Buhruf bewegt also nach wie vor.  

Vom Ende der Saalschlachten

Verwunderlich ist das nicht, denn von all den früher üblichen Missfallensäußerungen existiert in unserer heutigen, weitgehend gesitteten Hochkulturbubble nur noch das „Buh“. In unterschiedlichen Abstufungen und Ausführungen – manchmal nur vereinzelt und dementsprechend schnell wieder verstummend, dann wieder als Buh-Orkan, der sich im Publikum zusammenbraut und anschließend über die Bühne fegt. Wirkliche Saalschlachten, wie beim Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ des französischen Regisseurs Patrice Chéreau (1976), gibt es aber kaum noch. Und auch Uraufführungsskandale, wie einst bei Rossinis „Barbier von Sevilla“ oder Verdis „La Traviata“, existieren in dieser Form nicht mehr. Selbst die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ zog keine solch dramatischen Ausschreitungen nach sich wie 1816 der „Barbiere“ im römischen Teatro Argentina. Wichtig zu wissen: Gerade im Musiktheater hatten die Missfallensbekundungen zu dieser Zeit meist eher mit Verstößen gegen einzementierte gesellschaftliche Konventionen als mit den Leistungen der Menschen auf der Bühne zu tun.

„Das Theater glich einem Irrenhause“

Entscheidend ist aber auch, dass viele der früher gängigen Verhaltensweisen in Theater und Oper in keiner Weise mit unserer heutigen Zeit, die schon ein leises Schnarchen mit bösen Blicken quittiert, vergleichbar waren. Nicht nur, dass der Enthusiasmus in beide Richtungen ausschlug, er tat das auch mit einer Heftigkeit, die einem heute mehr als befremdlich vorkäme.

„Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebel eine neue Schöpfung hervorbricht.“ So schildert ein Augenzeuge die Reaktionen des Mannheimer Publikums auf die Uraufführung der „Räuber“ am 13. Januar 1782. Besonders wild ging es auch im elisabethanischen Theater zu, wo die sogenannten Groundlings auf den Stehplätzen für ruppige Jahrmarktatmosphäre sorgten. Nach und nach verschwand diese Form der Entladung jedoch aus den Theaterhäusern.

Auch dem österreichische Kaiser Joseph II. wurde dieser Premierentrubel irgendwann zu viel. Deswegen ließ er am Wiener Burgtheater jede Publikumsreaktion, also auch den Applaus, verbieten. Das sogenannte „Vorhangverbot“ galt weit über die Kaiserzeit hinaus.

„Es ist gar nicht so einfach ‚Buh‘ zu rufen, das muss man sich auch erst mal trauen.“

Leander Haußmann

Alles außer Gleichgültigkeit

Heute sind die Meinungen geteilt. Dirigent Daniel Barenboim hält den Buhruf für einen weitgehend primitiven Akt. „Sehen Sie: Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht, gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an? Nein!“, so der Stardirigent gegenüber der dpa. „Sie geben vielleicht ein bisschen weniger Trinkgeld als sonst und gehen vielleicht nie wieder in dieses Restaurant.“

Für Christoph Eschenbach, deutscher Pianist und Dirigent, ist der „Buhruf“ eindeutig ein Unlaut und damit vulgär und hässlich. Wenn man es nicht möge, solle man nicht klatschen und rausgehen, ist er überzeugt. Außerdem seien Buhrufe auch deshalb nicht in Ordnung, weil man damit auch versuche, „die Leute, die begeistert sind, runter zu buhen.“

Auf der anderen Seite: Leander Haußmann, dessen Theaterkarriere zeigt, dass sich auch im Auge des Buh-Orkans erfolgreich Theater machen lässt. Und damit sogar ein gewisses Kult-Potenzial einhergeht. „Es ist gar nicht so einfach ‚Buh‘ zu rufen, das muss man sich auch erst mal trauen. Und dazu gehört dann auch wieder eine ganz große Liebe zum Theater – und zu dem natürlich, was man vom Theater erwartet. Und dann darf man auch ‚Buh‘ rufen und im Nachhinein kann man sich das ja auch dann als Orden an die Brust heften“, so Haußmann. Außerdem ist er davon überzeugt, dass man als Regisseur*in oder auch als Sänger*in ganz gutes „Schmerzensgeld“ bekäme. „Da kann man das ‚Buh‘ nachher auch wegstecken.“

Für seinen Kollegen Frank Castorf seien Buhrufe sogar überaus wichtig: „Der braucht Buhrufe wie der Fisch das Wasser.“ Ihm, Haußmann, sei im Grunde jede Reaktion des Publikums recht – „außer Gleichgültigkeit“.

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