Was für Ballett, Musikunterricht und die meisten Sportarten gilt, hat auch im Puppenspiel seine Berechtigung: Je früher man damit beginnt, desto besser stehen die Chancen, später darin zu reüssieren. Raphael Kovarik war schon mit vier Jahren begeistert von den Kasperl-Sendungen im ORF, die es in Wiederholungen bis heute gibt. „Es ist sogar die älteste noch bestehende Fernsehsendung“, weiß der Experte, „zum ersten Mal ausgestrahlt im Jahr 1957.“ Er sei von Anfang an völlig fasziniert gewesen von dem, was er da zu sehen bekam, und wollte dies auch live erleben. „Meine Eltern und Großeltern haben in Folge viele Vorstellungen mit mir besucht, und ich habe bald begonnen, bei familiären Anlässen selbst Stücke aufzuführen.“ Oft seien dies eher Zwangsbeglückungen gewesen, kann er sich heute herzhaft über seine Anfänge amüsieren.

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Doch schon zehn Jahre später erwuchsen daraus semiprofessionelle Auftritte. „Das Faszinierende für mich war, dass man relativ schnell allein ein Theaterstück auf die Bühne bringen kann. Ohne langwierige Inszenierung und ohne dafür endlose Textmengen lernen zu müssen.“ Mit 12, 13 Jahren trat er bereits bei Kindergeburtstagen, Familienfeiern oder im Pfarrzentrum seines Heimatortes Hollabrunn auf. Noch im Teenageralter begann er auch, als Puppenspieler bei Kasperl & Co – der Truppe von Stefan Gaugusch, bekannt durch seine Radio- und Fernsehpräsenz als Ratte Rolf Rüdiger – wertvolle Erfahrungen zu sammeln. „Die kannten mich bereits als Puppen-Nerd und Hardcorefan, weil ich schon als Kind Dauergast in deren Vorstellungen war. Als eines Tages ein Spieler ausgefallen ist, bin ich eingesprungen.“ 2021 gründete er seine eigene Kasperlkiste, davor war er autonom mit Raphis Puppenbühne unterwegs. „Die Absicht dahinter darf nicht sein, damit berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen, das wäre der falsche Ansatz.“ Vielmehr müsse eine ehrliche Passion der Motor sein.

Kasperlkiste
Klassisches Personal des Puppenspiels: Kasperl und die Großmutter.

Content Pieces – Christian Traunwieser

Talent in der Stimme

Raphael Kovarik baut seine Puppen auch selbst. Im Moment hat er etwa 15 zur Auswahl. Ständig werden einzelne davon überarbeitet, müssen einem Feinschliff unterzogen werden. Zu Auftritten, die hauptsächlich in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland stattfinden, begleitet ihn meist seine Mutter, da der Aufbau der Bühne – 4 Meter breit, 2,80 Meter hoch und 1,50 Meter tief – allein nicht zu schaffen wäre. Hat diese keine Zeit, springen Freunde helfend ein. Die Hauptsaison für einen Puppenspieler sei die Zeit vor und um Weihnachten, auch im Fasching werde er vermehrt engagiert. Dazu kämen Buchungen von Kindergärten oder Gemeindezentren und viele private Veranstaltungen.

Muss man eigentlich auch als Puppenspieler über schauspielerisches Talent verfügen, um glaubhaft eine Geschichte erzählen zu können? „Improvisationstalent ist sehr wichtig, weil es im Kasperltheater die berühmte vierte Wand nicht gibt und die Kinder permanent dazwischenrufen oder Tipps geben. Darstellerisch muss man sich eher zurückhalten, denn alles Körperliche wandert direkt in die Puppe. Das schauspielerische Talent steckt vorwiegend in der Stimme, über die man vieles transportieren muss“, erklärt Raphael Kovarik seine Profession. Stimmlich müsse man allein schon deshalb über eine gewisse Bandbreite verfügen, um die einzelnen Charaktere voneinander unterscheidbar zu machen. Die Währung des Puppenspielers sei das Lachen der Kinder. „Man erkennt ein gutes Stück daran, ob sich die Kinder amüsieren.“

Wertediskussion im Theater

Auch wenn das mit der Pädagogik eine diffizile Sache ist, glaubt Raphael Kovarik, dass grundsätzlich jedes Puppenspiel pädagogische Ansätze birgt. „Man darf natürlich nicht mit erhobenem Zeigefinger agieren und auch nicht zu viel hineinpacken, aber allein die Vermittlung von Werten wie Freundschaft oder die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist angesichts eines aus Kindern bestehenden Publikums pädagogisch. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn die Bösen streng bestraft werden, sondern versuche immer, einen Mittelweg zu finden. In einem meiner Adventstücke kommt eine Hexe vor, die Weihnachten wegzaubern möchte. Sie ist also kein liebenswerter Charakter, bekommt am Ende aber dennoch ein Geschenk vom Christkind, damit auch sie innerhalb der Gesellschaft bleibt.“

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15 Stücke hat er im Laufe der Jahre geschrieben. Eines davon – „Die Geburtstagsüberraschung“ – steht am 21. April auf dem Spielplan des Vindobona. Viel länger als 35 Minuten sollten die Aufführungen in der Regel nicht dauern. „Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass der Anlass einen Unterschied macht“, erklärt Raphael Kovarik. „Bei Geburtstagen sind die Kinder meist sehr aufgeregt, oft wurde vorher schon die Torte angeschnitten, sodass viele einen Zuckerschock haben“, lacht er. Auftritte in Kindergärten seien überwiegend sehr stimmig. „Die Kinder kennen einander, haben Spaß und lachen viel.“

Interessanterweise kommen auch immer wieder Erwachsene in die Vorstellungen der Kasperlkiste. „Viele erzählen mir dann, dass sie sich dadurch in ihre Kinderzeit zurückversetzen könnten. Ich verstehe das, denn als Puppenspieler habe ich ebenfalls das Gefühl, mir ein Stück Kindheit bewahren zu können.“

Kasperlkiste
Das Vindobona wird am 21. April zum Schauplatz für eine Geburtstagsüberraschung der Kasperlkiste.

Content Pieces – Christian Traunwieser

Analoges Erlebnis

Dass Kasperl und seine Abenteuer für Kinder im Zeitalter rasanter digitaler Entwicklungen je unattraktiv werden könnten, glaubt Raphael Kovarik nicht. „Kein iPad kann das dreidimensionale Erlebnis ersetzen, und mit einem Video kann man auch nicht interagieren. Kasperltheater ist nicht flach, die Kinder sehen, wenn sich der Bösewicht anschleicht oder die Kulissen gewechselt werden. Wie sehr sie im Geschehen sind, merkt man daran, wie laut sie schreien und trampeln.“

Am Ende jeder Vorstellung zeigt sich Raphael Kovarik seinem Publikum. Er geht mit Kasperl am Arm nach vorne, die Kinder können sich verabschieden und Fotos machen. „Interessanterweise sehen sie dabei weniger mich als die Figur. Sie reden auch mit dem Kasperl und meinen dabei nicht mich. Manche wollen ihm auch ein Bussi geben oder schenken ihm Süßigkeiten. Das ist ein wenig skurril, aber für mich als Puppenspieler auch das größte Kompliment.“

Obwohl er Lehramt für Volksschule studiert und seine Ausbildung in absehbarer Zeit auch abschließen wird, überlegt der Theaterdirektor, vielleicht doch seine Kasperlkiste zum Hauptberuf zu machen. Leben könne man davon in jedem Fall. Was wünscht er sich für die Zukunft? „Dass es weiterhin so gut läuft – und dass Eltern mit ihren Kindern auch künftig ins Theater gehen und so dafür sorgen, dass dieses nie ausstirbt.“ Ein Wunsch, dem wir uns alle anschließen sollten.

Die Geburtstagsüberraschung

21. April um 14.30 Uhr

Vindobona

Wallensteinplatz 6

1200 Wien

Tickets via vindobona.wien

Nähere Infos: kasperlkiste.at