Tosca: Keine Burg für den Liebesengel?

Die lettische Sopranistin Kristīne Opolais konnte schon oft als Tosca begeistern, zuletzt konzertant in Graz. Mit Martin Kušej definiert sie jetzt die grandiose Diva aus dem postnapoleonischen Rom im Theater an der Wien neu.

„Ich habe es schon oft gemacht. Es ist nicht sehr angenehm. Am aufregendsten war es bisher in der Produktion in Covent Garden. Da ist es wirklich ein wenig beängstigend“, berichtet Kristīne Opolais über den berühmten Sprung Floria Toscas von der Engelsburg. „Man wird sehen, wie das jetzt in Wien wird. Ob mir Martin Kušej einen so stilvollen Abgang erlaubt?“ Man darf gespannt sein, denn weder der Burgtheaterdirektor Kušej noch der Dirigent der Produktion, Ingo Metzmacher, sind für ihre Affinität in Sachen Verismo-Oper bekannt.

Mit Kušej hat Kristīne Opolais 2010 an der Staatsoper in München ihre „Schlüsselrolle“ erarbeitet. Als Antonín Dvořáks Nixe Rusalka trat sie damals als gefeierte, bis an ihre Grenzen gehende Singschauspielerin in das Scheinwerferlicht der internationalen Opernwelt. Es war die bisher einzige gemeinsame Arbeit, aber eine entscheidende. Kušej nennt sie neben Dmitri Tcherniakov, mit dem sie etwa in Zürich Janáčeks „Jenufa“ er- arbeitet hat und dessen Elvira sie im „Don Giovanni“ in Aix-en-Provence war, als ihre prägendste künstlerische Begegnung.

„Ich konnte so tief in den Charakter von Rusalka eintauchen, und ich hoffe und bete, dass ich wieder so eine tolle Erfahrung mit dieser Tosca erlebe.

Kristine Opolais

Schon die Mutter der 1979 geborenen Sopranistin hat gerne gesungen, der Vater Trompete in einer Militärkapelle gespielt. In Wien debütierte sie 2008 an der Staatsoper, in München gelang ihr 2010 mit der „Rusalka“ der große Durch- bruch, und an der New Yorker Met schrieb sie Geschichte, als sie nach einer „Butterfly“- am nächsten Tag als Mimì in einer „Bohème“-Premiere einsprang.

Denn ich möchte als Künstlerpersönlichkeit wachsen, reifen und lernen“, sagt Kristīne Opolais.

Ob sie womöglich wieder so herausgefordert wird wie damals in München, als sie in ein mit Wasser gefülltes Aquarium steigen musste? „Kann schon sein, und ich fürchte, wir werden diesmal keine Kirche sehen!“ Die Kirche wäre im Fall von „Tosca“, die an drei realen Schauplätzen in Rom spielt, Sant’Andrea della

Valle, wo der liebenswerte Maler Mario Cavaradossi, mit der gefeierten und notorisch eifersüchtigen Sängerin Floria Tosca liiert, eine Maria Magdalena malt, bis ihn eine alte Freundschaft und Toscas Eifersucht in politische Bedrängnis bringen. So sehr, dass er vom niederträchtigen Chef der römischen Polizei, Baron Scarpia, gefangen genommen, gefoltert und am Ende füsiliert wird. Und das, obwohl Tosca davor alles versucht, um ihren Geliebten zu retten, bis hin zum Mord an Scarpia, dem sie sich als Preis für eine fingierte Erschießung hingeben soll.

„Ich fürchte, wir werden diesmal keine Kirche sehen.“

Kristine Opolais, Tosca

Die Frage nach der Diva

Wie viel Diva steckt in dieser Tosca? Wie viel Diva steckt in Kristīne Opolais? „Ich glaube, es steckt eine große Diva in Floria Tosca, und das ist etwas, was ich eigentlich nicht an ihr mag. Ich selbst bin überhaupt keine Diva. Aber natürlich habe auch ich meine Grenzen. Leider bin ich wohl manchmal zu nett, und das manchmal zu lange, und schlucke zu viel runter, bis es mir reicht. Jeder kann manchmal kompliziert sein“, so die Sängerin, die hofft, dass in der Neuproduktion der Charakter der Tosca etwas mehr als sonst ausdifferenziert wird. Denn in allen Produktionen, die sie kennt, empfindet sie die Tosca als zu eindimensional: „Ich möchte sehen und erleben, warum sie so obsessiv liebt, dann kann ich ihr Verhalten verstehen, Mitleid empfinden.

Nur ein schönes Duett mit Cavaradossi in der Kirche, das ist mir zu wenig. Sonst habe ich immer das Gefühl, dass sie, vor allem im zweiten Akt, eher als Monster empfunden wird.“

Kristīne Opolais probiert leidenschaftlich gerne und bezeichnet sich als Teamplayer. „Ich möchte mich auf der Bühne natürlich geben können, denn das bedeutet für mich, dass ich den Charakter spüre. Ich mag keine Klischees. Ich möchte Spaß haben bei den Proben und etwas lernen. Ich fühle mich daher im Betrieb, so wie er heute funktioniert, nicht sehr wohl, wenn man von den Agenten in immer denselben paar Rollen vermittelt wird und mit wenig oder gar keinen Proben auftreten muss. Das macht mich traurig. Das ist wie von einer Beziehung in die nächste zu springen. Ich suche aber eine Vertiefung. Sonst gebe ich lieber Konzerte.“

Als Mutter einer zehnjährigen Tochter (aus der Ehe mit Dirigent Andris Nelsons) hat sie sich inzwischen ein wenig aus dem Betrieb genommen. Sie möchte ihrer Tochter ein so geregeltes Leben wie möglich bieten. „Ich nehme nur noch Projekte an, wenn mich die Leute wirklich schätzen und mit mir arbeiten wollen. Daher ist diese ,Tosca‘ auch etwas ganz Besonderes für mich, schließlich hat sich Martin Kušej explizit mich dafür gewünscht.“

Raus aus dem Spiel

Auch singt sie diese für sie fordernde dramatische Partie nicht zu oft und mit Bedacht, „denn ich möchte nicht mit der Tosca meine Karriere beenden“. Ihre Partien wählt sie inzwischen sehr sorgsam, wagt sich demnächst an ihre erste „Don Carlo“-Elisabetta, möchte langsam in Rollen wie die der Minnie in „La fanciulla del West“ oder der Katerina Ismailowa in „Lady Macbeth of Mzensk“ hineinwachsen. Ebenso gerne möchte sie aber auch Mezzo-Partien wie Carmen und Eboli interpretieren, die sie vor allem auch darstellerisch reizen. Inzwischen hat sie ihr Management gewechselt: „Ich habe mit meinem neuen Agenten die Abmachung, dass er mich nicht pusht. Ich kenne alle Angebote und entscheide selbst, was ich annehme. Das entspannt mich sehr. Ich möchte dieses verrückte Business Game nicht mehr mitspielen.“

Zu den Spielterminen von Tosca im Theater an der Wien