Resonanzräume: Ruth Klügers „weiter leben“ als Stationentheater

Sara Ostertag und Kathrin Herm haben aus Ruth Klügers biografischem Text „weiter leben" ein Stationentheater gemacht, das sich an vier verschiedenen Orten abspielt und nun mithilfe von Videoinstallationen erlebbar wird.

von Sarah Wetzlmayr, 19. Mai 2021

Resonanzräume: Ruth Klügers „weiter leben“ als Stationentheater
Anne Wiederhold-Daryanavard und Emma Wiederhold in einer der vier Stationen. Foto: Alex Lazarov

In ihrem 1992 erschienen Buch „weiter leben“ setzt die 1931 geborene Holocaust-Überlebende Ruth Klüger ihre Biografie in Bezug zu einer Vielzahl von Diskursen, sodass beim Lesen schnell klar wird: Dieser Text ist sehr viel mehr als ein Erinnerungsbuch. Das Performance-Kollektiv makemake produktionen hat daraus ein Theaterprojekt gemacht, das sich an vier verschiedenen Stationen in der Wiener Leopoldstadt abspielt. Ursprünglich als Stationentheater geplant, werden die Orte von „weiter leben“ nun als Installationen begehbar. Wir haben mit den Regisseurinnen Sara Ostertag und Kathrin Herm über Gespenster, die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart und Streaming gesprochen.

„Ruth Klüger hat sich damit in gesellschaftspolitische Debatten eingemischt, die bis heute aktuell sind.“

Kathrin Herm

Es gibt viele Sätze von Ruth Klüger, die einem lange im Gedächtnis bleiben, weil sie gleichermaßen klar wie poetisch sind. „Um mit Gespenstern umzugehen, muss man sie ködern mit dem Fleisch der Gegenwart“ ist mir auf ganz besondere Weise in Erinnerung geblieben. Inwiefern war dieser Satz für eure Produktion von Bedeutung?

Kathrin Herm: Das Gespenstermotiv war für uns tatsächlich ein sehr zentrales. In unserer Inszenierung stehen diese Gespenster für Geschichte – für gelebte Biografien in dieser Stadt. Vor allem für die Geschichten jener Menschen, die nie eine Chance bekommen haben, ihre Anliegen, Wünsche und Sorgen zu artikulieren. Auf der anderen Seite spielt natürlich auch die Gegenwart eine wichtige Rolle, wodurch sich jenes besondere Spannungsverhältnis ergibt, in dem wir heute in dieser Stadt leben. Zusätzlich zu den beiden bereits erwähnten Aspekten hat der Text nämlich auch eine stark diskursive Qualität. Ruth Klüger hat sich damit in gesellschaftspolitische Debatten eingemischt, die bis heute aktuell sind.

Ich erinnere mich, dass ich „weiter leben“ in einem Germanistik-Seminar gelesen habe, in dem auch Ilse Aichingers „Die größere Hoffnung“ auf der Leseliste stand. Die beiden Texte sind sich in einigen Punkten ja recht ähnlich. Wie kam es zur Auseinandersetzung mit genau diesem Text?

Sara Ostertag: Es ist lustig, dass Du Ilse Aichinger erwähnst, weil wir vor ziemlich genau zwei Jahren etwas zu Ilse Aichinger machen wollten. Allerdings sind ihre Texte leider durch ihre Erben gesperrt. Die Idee, eine Produktion zu „weiter leben“ auf die Beine zu stellen, kam einerseits von Anne Wiederhold (Anm.: Schauspielerin und künstlerische Leiterin der Brunnenpassage), andererseits kenne ich das Buch schon sehr lange, habe aber nie so wirklich darüber nachgedacht etwas damit zu machen, weil es auf den ersten Blick nicht wirklich theatral ist.

„Die Idee eines Stationentheaters mit begehbaren Räumen war auf eine gewisse Weise von Anfang an da.“

Sara Ostertag

Frage-Antwort-Spiel mit dem Text

Könnt ihr ein bisschen etwas über den Entstehungsprozess der Produktion erzählen? Wobei man dazusagen muss, dass ihr dann ja nochmals ziemlich umdisponieren und umplanen musstet …

Sara Ostertag: Die Idee eines Stationentheaters mit begehbaren Räumen war auf eine gewisse Weise von Anfang an da. Dann kam sehr schnell dazu, dass wir es gerne im 2. Bezirk machen würden. Die einzelnen Orte haben sich dann aus unterschiedlichen Gründen angeboten und es haben sich Konnotationen ergeben, die stimmig sind. Nachdem immer deutlicher wurde, dass es einen weiteren Lockdown geben würde, wussten wir, dass wir es nicht so umsetzen werden können, wie wir es bis in den November hinein geprobt hatten. Gemeinsam mit einem Filmteam haben wir dann jene Variante erarbeitet, die man bis 20. Mai noch sehen kann. Inhaltlich mussten wir dafür zwar ein wenig umdenken, die Stationen sind aber gleich geblieben.

Kathrin Herm: Ich bin ja erst ein wenig später dazugestoßen, da standen die Orte bereits fest. Die Texte waren aber noch nicht auf die Orte verteilt. Das war für mich ein sehr spannender Prozess, weil es eine Art Frage-Antwort-Spiel mit dem Text war, der sich oft selbst irgendwohin verortet hat. Interessant war diese Phase auch deshalb, weil immer deutlicher wurde, dass einerseits Biografisches wichtig ist, die Texte andererseits aber auch einen philosophischen Kern haben, um den diese Geschichten kreisen. Klar war immer, dass die Darsteller:innen und die Räume in einem Wechselverhältnis zueinander stehen. Deshalb entstanden auch im Probenprozess noch Dinge, die wir nicht antizipieren konnten.

Resonanzräume

Gerade beim Thema Holocaust schwingt immer auch die Frage nach der Darstellbarkeit bzw. Repräsentierbarkeit mit. Nun ist das Theater – nicht immer, aber häufig – ja eine große Repräsentationsmaschine. Haben euch diese Gedanken begleitet?

Sara Ostertag: Dadurch, dass wir nicht auf repräsentatives Spiel gegangen sind, gab es dieses Thema bei uns nicht. Für uns war eher die Frage interessant, welche Räume welche Assoziationsmöglichkeiten aufmachen. Es gibt zum Beispiel eine Station im Keller des Odeon Theaters, der ein echter Luftschutzkeller ist. Außerdem ist in diesem Zusammenhang spannend, dass das Odeon in den letzten Kriegstagen durch einen Brand schwer beschädigt wurde. Und zwar deshalb, weil Gestapo-Unterlagen dort aufbewahrt worden sind. Dem Haus ist, wenn man mehr dazu herausfinden möchte, also eine tieferliegende Geschichte eingeschrieben. Das gilt auch für die anderen Orte, die wir ausgewählt haben. Auch hier kann man also sagen, dass uns die Gespenster sehr interessiert haben, die diese Gebäude begleiten.

Kathrin Herm: Auf diese Weise werden die von uns ausgewählten Orte zu besonderen Resonanzräumen. Insbesondere dann, wenn man damit beginnt, über unsere Produktion hinaus Nachforschungen anzustellen. Auch wenn man zwischen den Stationen durch die Straßen geht, findet man eine Vielzahl weiterer Geschichten. Aber eben nur dann, wenn man sie auch finden möchte. Wir haben uns deshalb genau überlegt, wie viele dieser Hintergrundgeschichten wir überhaupt in unseren Abend packen möchten. Weil Ruth Klügers Text an sich schon so dicht und fordernd ist, war es uns wichtig, dass es nicht zu viel wird. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht noch sehr viel zu entdecken gibt.

Räume erlebbar machen

Warum war es euch wichtig, die Premiere nicht nochmals zu verschieben, sondern lieber auf Video umzuschwenken?

Kathrin Herm: Das hatte auch viel damit zu tun, dass sehr viele Menschen an der Produktion beteiligt waren. Es nochmals zu verschieben, wäre also auch mit der Frage verbunden gewesen, ob es uns gelingt, wieder in dieser Konstellation zusammenzukommen. Außerdem hat das Medium Video konzeptionell für uns absolut Sinn gemacht. Das Gespensterthema haben wir auf diese Weise auf ein anderes Level gehoben. 

Sara Ostertag: Mit Ruth Klügers Tod im Herbst ist ihr Werk wieder stärker ins Rampenlicht gerückt. Es erschien uns sinnvoll, unsere Auseinandersetzung mit der Autorin möglichst bald zu zeigen.

Im Textmaterial zum Stück steht: „ein Theatererlebnis so weit abseits vom Bildschirm wie möglich“. Ich finde, dass das total gelungen ist. Ihr habt die beiden prinzipiell oppositionellen Begriffe Erlebnis und Bildschirm so nah zusammengebracht wie möglich. Wie steht ihr denn prinzipiell zum Thema Streaming von Theaterstücken?

Kathrin Herm: Ich bin kein so großer Fan davon, aber es gibt natürlich Ausnahmen, bei denen die Umsetzung sehr gut gelungen ist. Für uns war reines Streaming vor allem deshalb keine Option, weil es unser Ziel war, diese Räume auf sinnliche Weise erlebbar zu machen. Darauf wollten wir auf keinen Fall verzichten.

Sara Ostertag: Um gut produziertes Streaming auf die Beine zu stellen, braucht es Ressourcen – vor allem auf finanzieller Ebene. In der freien Szene gab es zwar auch einige Projekte, die auf wirklich hohem Niveau stattgefunden haben, den Unterschied merkt man aber trotzdem. Denn der liegt im Geld. Lösungen, wie jene, die wir bei diesem Projekt erarbeitet haben, sind oft handgestrickt – und das merkt man an einigen Stellen auch. Wobei das auch sehr viel Schönes hat.

Könnt ihr uns schon etwas über zukünftige Projekte verraten?

Sara Ostertag: Das nächste Projekt von makemake produktionen ist IWEIN frei nach Hartmann von Aue im Dschungel Wien im November 2021. ALLES WAS GLÄNZT von Marie Gamillscheg haben wir bereits im April fertig geprobt. Die Premiere im Kosmos Theater musste auf Dezember 2021 verschoben werden.

Kathrin Herm: Mit dem Kollektiv tangent.COLLABORATIONS war ich gerade mit einer Produktion, die wir auch schon im WERK X-Petersplatz gezeigt haben, in Luxemburg. Außerdem ist bei der Wienwoche im September eine Aktion geplant.

Zu den Personen:

Sara Ostertag: Ist Theatermacherin in Österreich, Deutschland, Belgien und der Schweiz. Sie studierte Theaterregie und Choreografie in Wien, Zürich und Amsterdam. Innerhalb ihres Masters schrieb sie ihre Abschlussthesis bei Milo Rau und forschte an der School for New Dance Development sowie an der Akademie der Bildenden Künste Wien in der Klasse für Performancekunst. Sie ist Mitbegründerin des mehrfach ausgezeichneten Kollektivs makemake produktionen mit dem sie seither in Wien intensiv tätig ist. 2018 erhielt sie den NESTROY Theater Preis für die beste Offtheater-Produktion

Kathrin Herm: Geboren 1986 in Berlin, absolvierte ein Studium der Theater- Film- und Medienwissenschaft in Wien und ein Politikwissenschaftsstudium in Berlin bevor sie am Thomas Bernhard Institut (Mozarteum) in Salzburg Regie studierte. Mit ihrer Diplominszenierung von Thomas Arzt’s GRILLENPARZ wurde sie 2016 zum Körberstudio für junge Regie und zur Woche junger Schauspieler der Akademie der Darstellenden Künste eingeladen. Nach dem Studium folgten Inszenierungen u.a. am Schauspielhaus Wien, am FFT Düsseldorf und am Staatstheater Mainz. Seit 2014 ist Kathrin Herm außerdem Mitglied des Wiener Kollektivs tangent.COLLABORATIONS.

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