Wie bringt man die Wiener Kanalisation, den Wurstelprater, das Kunsthistorische Museum und das Haus des Meeres in die Halle G des Tanzquartiers? Ein paar Ideen wären: schillernde Fischkostüme, aufwendige Bühnenbilder, ein nicht ganz so riesiger Nachbau des Riesenrads auf der Bühne oder vielleicht ein an die Kanalisation angelehntes Odeur, das im Zuschauerraum versprüht wird. Das alles interessiert die Tänzerin, Choreografin und Übersetzerin Marta Navaridas jedoch gar nicht so sehr. Viel spannender findet sie es, eine ganz andere Form von Realismus herzustellen – eine, die mit Realismus im eigentlichen Sinne gar nichts zu tun hat, sondern mit real gemachten, möglichst sinnlichen Erfahrungen.

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Wie das nun wieder gemeint ist? Wir lösen auf: In der Vorbereitung auf ihre Arbeit „Manifestations“, die am 2. und 3. Februar im Tanzquartier zu sehen ist, waren die fünf Performer*innen des Stücks unterschiedlichen Erfahrungen ausgesetzt – unter anderem dem Geruchsspektrum des Wiener Kanalsystems. Ihre spontanen verbalen Reaktionen wurden aufgezeichnet und ein Teil davon – nach umfassender Transkriptionsarbeit – in ein Skript verwandelt. Während des Stücks werden den Spieler*innen ihre eigenen Reaktionen mittels In-Ear-Monitoring zugespielt und auf der Bühne live reaktiviert.

Authentic Movement

Schon Navaridas‘ 2022 uraufgeführtes Stück „Stomach“ entstand in ähnlicher Weise. „Ich liebe diese Methode“, verleiht die in Graz lebende Künstlerin ihrer Begeisterung Ausdruck. Wir sitzen in der Bibliothek des Tanzquartiers und die Offenheit, die in dieser Aussage steckt, wird auch unser weiteres Gespräch prägen. „Ich finde es genial, Text auf diese spontane und authentische Weise zu generieren, weil all die Sätze zuvor durch die Körper der Performer*innen gegangen sind“, so Navaridas. Es scheint fast so, als bündle sich in dieser Herangehensweise der Großteil dessen, was der Choreografin in ihrer Praxis wichtig ist. „In meinen Proberäumen reden wir nicht viel“, merkt sie lachend an. „Wir fangen immer mit einer Praxis an, die ich ‚Authentic Movement‘ nenne. Dabei geht es darum, seinen Impulsen zu folgen. Ich sage immer ‚Don’t judge it, just do it‘, weil dadurch genau diese Art von Präsenz entsteht, die ich so mag.“

Sie fasst zusammen, dass es ihr darum gehe, das Psychologische in ihren Arbeiten eher auszuklammern. Bezogen auf „Manifestations“ fügt sie hinzu: „Wenn sich die Performer*innen bei einem Wort nicht sicher sind, ist es mir lieber, sie sagen es so, wie sie es verstanden haben, anstatt zu überlegen, was es denn nun für ein Wort gewesen sein könnte. In letzterem Fall würde nämlich genau diese Präsenz verloren gehen.“

Manifestations
Alexandru Cosarca, Alice Peterhans als Alex Deutinger, Beatrice Frey, Julia Franz Richter. und Alex Zehetbauer.

Foto: Kati Göttfried

Würde man vor die Aufgabe gestellt, die künstlerischen Arbeiten von Marta Navaridas mit nur drei Begriffen zusammenzufassen, so könnten diese lauten: Präsenz, Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit. Dazu kommt eine unbändige Freude daran, mit den Konventionen des Theaterraums zu spielen. Das käme unter anderem daher, dass sie in den vergangenen Jahren sowohl an Orten wie dem Tanzquartier als auch im Stadttheater und in Museen gearbeitet hat, erzählt sie. „Ich finde es spannend, dass all diese Orte von unterschiedlichen Konventionen geprägt sind. Sich damit auseinanderzusetzen, macht großen Spaß.“ Auch bei „Manifestations“ ist es so, dass die Beschäftigung mit dem Theaterraum und den unterschiedlichen Perspektiven, die darin stattfinden, eine entscheidende Rolle spielt.

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Der Körper als Startpunkt

Auch die Performer*innen, die bei „Manifestations“ auf der Bühne stehen, haben – vom Sprechtheater bis zur bildenden Kunst – unterschiedliche künstlerische Erfahrungen im Gepäck. „Das ist auch deshalb spannend, weil eine Tänzerin den Tag ganz anders beginnt als eine Schauspielerin. Sie sich der Sache an sich anders annähern“, so Navaridas.

Dass Sprache in ihren Performances eine größere Rolle spielt, als man das möglicherweise aus dem zeitgenössischen Tanz kennt, rühre auch daher, dass Navaridas unter anderem Übersetzen und Dolmetschen studiert hat. „Ich mag es auch, wenn es eine Spannung zwischen Text und Körper gibt. Mein Startpunkt ist jedoch immer der Körper“, hält sie fest. Außerdem sei es ihr schon passiert, dass ihr bei Arbeiten im Theaterkontext gesagt wurde, was für eine interessante Tanzvorstellung das nicht gewesen sei, erzählt sie lachend. „Und umgekehrt.“ Aber warum nur ein Fach öffnen, wo man doch den Schlüssel für so viele vollbepackte Fächer in Händen hält?

Manifestations
Marta Navaridas studierte Übersetzen und Dolmetschen an der UPF Barcelona, Choreografie am ArtEZ College of Art in Arnheim und Mime an der HKA Amsterdam Theatre School. Gemeinsam mit Alex Deutinger entwickelt sie seit 2009 textbasierte Performancearbeiten wie „Emancipation of Wonder“, „I Would Like to Be a Better Person“, „Octopus, Your Majesties“. Seit 2015 produziert sie auch eigene Performances: „The Battle, I Swear“, „Onírica“ und „Stomach“.

Foto: Weisser Fuchs

In der Kanalisation über den Tod sprechen

Zurück zu „Manifestations“: Was sie im Rahmen der Exkursionen mit dem Ensemble am meisten überrascht hätte, wollen wir noch von ihr wissen. Marta Navaridas, deren Freizeit als Jugendliche von Ballett und Karate bestimmt war, überlegt kurz, dann antwortet sie: „Das war definitiv in der Wiener Kanalisation, als einige der Performer*innen plötzlich auf sehr philosophische Weise über Leben und Tod gesprochen haben. Das habe ich nicht erwartet, aber es war genial. Im Prater fand ich spannend, dass sich zwei der Spieler*innen kurz vor Abfahrt einer der Achterbahnen über Versicherungen unterhalten haben.“

Marta Navaridas lacht auf eine Weise, die vermuten lässt, dass sie angesichts solcher Wendungen eine fast schon kindliche Freude empfinden kann. Sie setzt nach: „Das war alles andere als geplant, ist aber unglaublich tolles Material fürs Theater, weil es in Bezug auf den Beruf und den Theaterraum Aspekte berührt, die nur selten angesprochen werden. Wenn man beispielsweise an prekäre Lebensbedingungen als Künstler*in denkt.“ Wir haben das Stück zwar noch nicht gesehen, können aber bereits versichern, dass auf einer Bühne nie spannender und sinnlicher über Versicherungen gesprochen wurde.

Zu den Spielterminen von „Manifestations“ im TQW Wien.