Teresa Doplers Figuren zwischen Maske und Menschsein

„Monte Rosa", das aktuelle Stück von Teresa Dopler, wird am 19. Mai am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Warum sie sich mit den Figuren ihres nächsten Stückes gerade erst anfreundet, hat uns die Autorin im Gespräch verraten.

von Sarah Wetzlmayr, 18. Mai 2021

Teresa Doplers Figuren zwischen Maske und Menschsein
Am 19. Mai wird Teresa Doplers Stück „Monte Rosa" am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Foto: Nenad Popovic

„I reminded myself that I am a writer because I am a reader“, erklärte der englische Dramatiker Simon Stephens kürzlich in einem Gespräch. Ein Satz, der auch auf Teresa Dopler, Gewinnerin des Autor:innenpreises des Heidelberger Stückemarkts 2019, zuzutreffen scheint. „Lesen und Schreiben lassen sich nicht trennen“, sagt sie im Gespräch, das wie dieser Tage üblich von Wohnzimmer zu Wohnzimmer, also via Zoom, stattfindet. Für die Autorin, deren Stücke meist von wenigen, in ihrer eigenen Welt gefangenen Personen bevölkert werden, gibt es außerdem nichts Spannenderes als den Menschen, das Menschliche oder eben die Figur mitsamt ihren Ängsten und Hoffnungen – ihrem Lebensgefühl – zu erforschen.

In ihrem Stück „Monte Rosa“, das am 19. Mai am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt wird, hat sie dafür ein Bergsteigerszenario gewählt. Und ihre Figuren an eine Art Nullpunkt gesetzt. „Es sind sehr eigenartige Figuren, seltsam beschränkt in ihren Dialogen und in ihrer Wahrnehmung, oft brutal und sehr rational im Umgang miteinander. Gleichzeitig aber verloren, fast kindlich. Nullpunkt deshalb, weil ich für diese Figuren nichts voraussetzen konnte, ihre Gefühlswelt ist uns teilweise sehr fremd. Man muss sich eigentlich die Frage stellen, ob das überhaupt noch Menschen sind“, so die Autorin. Wie ausgelöscht wandern sie durch ihre Bergwelt, die sie gar nicht mehr so richtig wahrzunehmen imstande sind. Auch ihr Stück „Das weiße Dorf“, das den diesjährigen Heidelberger Stückemarkt eröffnete, durchzieht diese besondere Form der Maskenhaftigkeit, die in „Monte Rosa“ nun konsequent durchexerziert wird. 

Bettina Kerl und Tim Breyvogel in „Monte Rosa“ am Landestheater Niederösterreich. Foto: Alexi Pelekanos

Freiraum in der Reduktion

Dass die in Oberösterreich geborene Autorin ausgerechnet beim Schreiben von Theatertexten gelandet ist, hat sich zunächst im ihrem Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Künste ergeben. Aber wieder war es das Lesen, das sie in diese Richtung gelenkt hat. „Ich habe durch das Lesen von Theaterstücken zu dieser Form gefunden, mit Theater selbst hatte ich am Anfang wenig am Hut“, erklärt Teresa Dopler. „Faszinierend fand ich vor allem die Kunstsprachen von Autoren wie Thomas Bernhard, Jon Fosse, oder Werner Schwab. In Theaterstücken sind sprachlich Dinge möglich, die Romane in dieser Form meist nicht leisten können.“ In der Reduktion, die durch die Eingrenzung der Mittel und der Personenanzahl entsteht, findet Teresa Dopler Freiraum. Klingt widersprüchlich? Ist es aber nicht, wenn es nach der Dramatikerin geht. „Wenn alles möglich ist, entsteht kein Raum für Freiheit“, konstatiert die Autorin.

Für das Studium sei sie damals vielleicht sogar zu jung gewesen, erwähnt sie. „Aber es war ein großartiger Rahmen, um vor den Eltern, seinem Umfeld und am Ende auch vor sich selbst zu rechtfertigen, dass man schreibt. Am Prägendsten war sicher das Zwischenmenschliche, meine Kolleg:innen, da entstehen tiefe Verbindungen und das, was man tut, nämlich das Schreiben, bekommt plötzlich eine ganz andere Selbstverständlichkeit.“

„Ein fertiger Text hat für mich etwas mit einer glatten Oberfläche zu tun.“

Teresa Dopler

Schreiben als Lebensstil

Die Arbeit an einem Text hat für Teresa Dopler außerdem immer sehr viel mit Regelmäßigkeit und Konsequenz zu tun. „Ich finde es wichtig, dass das Schreiben im Alltag stattfindet. Schreiben ist für mich ein Lebensstil. Das war auch schon im Studium so“, erklärt die Dramatikerin, die ihre Schreibzeit schon immer eisern verteidigt hat. „Ich habe sie sogar im Kalender eingetragen“, fügt sie lachend hinzu.

Zu jenen Menschen, die ein Stück in einer Nacht rausklopfen, zählt sie sich definitiv nicht. „Ich brauche Zeit, bis ich weiß, was der Text sein will, wohin die Figuren gehen und welche Abgründe an die Oberfläche kommen“, sagt sie. Mit dieser Disziplin geht auch ein gewisser Hang zum Perfektionismus einher. Und die Suche nach einem Zustand, den Teresa Dopler mit dem Begriff der Eleganz umschreibt. „Ein fertiger Text hat für mich etwas mit einer glatten Oberfläche zu tun, wenn sich alles niedergelegt hat. Sollte noch etwas herausragen oder irritieren, dann muss auch das auf eine elegante Art und Weise passieren.“

Holzwege

In der Herangehensweise an ihre Texte hat Teresa Dopler seit ihrem ersten Stück „Was wir wollen“ eine Entwicklung durchgemacht, die sehr viel damit zu tun hat, mehr auf die eigene Intuition zu vertrauen. „Bei meinen ersten Stückversuchen dachte ich noch, dass es bestimmte strenge Gesetze gibt, die für jedes Drama gelten und von Anfang an das Schreiben anleiten müssen. Das fühlte sich an wie eine Zwangsjacke am Text. Jetzt arbeite ich viel intuitiver und vertraue darauf, dass die Sprache und die Figuren ihre eigenen Bahnen und Regeln finden. Und dass das Stück am Ende dennoch eine starke Form hat. Ich will zu Beginn nicht alles wissen.“

„Auch Holzwege können auf ihre Art sehr wertvoll sein.“

Teresa Dopler

Wie sie das meint, beschreibt die Autorin anhand ihres jüngsten Theatertextes: „In Monte Rosa waren es nur diese drei eigenartigen Bergsteigerfiguren, die sich irgendwo oben im Schweizer Alpenmassiv begegnen. Aus dieser Begegnung und einem ersten Dialog entsteht eine Dynamik, die findet man interessant, vielleicht aber auch unheimlich oder komisch, und dann treibt man das in eine bestimmte Richtung weiter. Manchmal begibt man sich dabei natürlich auf Holzwege, aber auch Holzwege können auf ihre Art sehr wertvoll sein, vor allem in den Bergen.“

Magic Moments

Gerade arbeitet Teresa Dopler an einem neuen Stück, in dem sie sich dem Lebensgefühl der sogenannten Digital Nomads widmet. Und dabei ihre Figuren noch weiter zuspitzt. Der inhaltliche Rahmen ist schnell abgesteckt. Der Begriff „Digital Nomads“ wird in der Regel für Menschen verwendet, die keinen festen Lebensmittelpunkt haben und ihre meist in der Telekommunikationsbranche angesiedelten Jobs auch ausüben können, wenn sie gerade in Ländern wie Indonesien und Thailand unterwegs sind. In „Magic Moments“, an dem Teresa Dopler gerade noch feilt, wird deshalb das Thema Einsamkeit eine große Rolle spielen. Außerdem stellt sich die Autorin darin die Frage, was so ein abgelöstes Leben im scheinbaren Paradies, ohne Verpflichtungen oder Verantwortung, eigentlich noch lebenswert macht. „Momentan sind mir die Figuren in Magic Moments noch total unsympathisch“, erklärt Teresa Dopler lachend. „Ich will sie schon umarmen, aber so weit lassen sie mich noch nicht ran.“

„Monte Rosa“ wird am 19. Mai am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt.

Zur Person: Teresa Dopler

Teresa Dopler wurde 1990 in Oberösterreich geboren. Sie studierte Sprachkunst an der Angewandten Kunstuniversität Wien und Theater- Film und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Mit „Das weiße Dorf“ gewann sie 2019 den AutorInnenpreis des Heidelberger Stückemarktes. Teresa Dopler war Teilnehmerin bei FORUM Text und nahm 2019 an der Residency for Emerging Playwrights am Royal Court Theater in London teil.

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Tickets und Informationen zu „Monte Rosa“ auf der Website des Landestheater Niederösterreich

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